Türkische Früchte – Kritik

Eine wild-romantische Liebesgeschichte aus den Niederlanden: Rutger Hauer und Monique van de Ven lehnen sich in Paul Verhoevens Durchbruchsfilm gegen eine konformistische Gesellschaftsordnung auf.

Türkische Früchte

In einer Kirche sollen mehrere junge Paare getraut werden. Ein Großteil der Bräute ist hochschwanger, die Eilhochzeit soll die Familien vor der Schande einer unehelichen Geburt bewahren. In einem Fall jedoch wird der Ehering zu spät kommen. Einem Mädchen platzt während der Zeremonie die Fruchtblase, Blut und Fruchtwasser beschmutzen das blütenweiße Hochzeitskleid, während sie eilig aus dem Raum geführt wird. Körperflüssigkeiten sprengen gesellschaftliche Konventionen. Nicht nur in dieser Szene.

Mit seinem zweiten Spielfilm Türkische Früchte (Turks fruit) gelang Paul Verhoeven 1973 der Durchbruch. Wobei „Durchbruch“ in diesem Zusammenhang eine Untertreibung darstellt: Türkische Früchte ist bis heute der in seiner Heimat kommerziell erfolgreichste Kinofilm der Niederlande. Außerdem war das Werk für den Oscar nominiert und wurde in den europäischen Arthaus-Kinos größtenteils euphorisch aufgenommen. In der Tat ist der Film wohl die einzige Arbeit des Regisseurs, die von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert wurde.

Neben Verhoeven waren auch zwei andere Personen an der Entstehung beteiligt, die in ihrer späteren Karriere ihr Glück in Hollywood suchten. Kameramann ist der spätere Speed (1994)-Regisseur Jan de Bont, der bis in die neunziger Jahre insgesamt siebenmal mit Verhoeven zusammen arbeitete. Und in der Hauptrolle ist ein junger, dynamischer Rutger Hauer zu sehen.

Türkische Früchte

Der spätere B-Movie-Star spielt Eric Vonk, einen lebenslustigen Bildhauer, der mit wehenden, blonden Haaren von einem Bett ins nächste springt. Schließlich gerät er an Olga Stapels (Monique van de Ven), die in ihrer Unbekümmertheit eine Geistesverwandschaft mit Eric aufzuweisen scheint. Nach einem Quickie auf einer Autobahnraststätte und ein wenig Gegenwehr durch Olgas Eltern wird geheiratet. Doch nach der Hochzeit müssen beide Partner feststellen, dass sie doch nicht so gut zueinander passen wie angenommen. Und Olgas Verwandschaft bleibt auch weiterhin aufdringlich.

Türkische Früchte gehört, neben Der letzte Tango in Paris (Ultimo tango a Parigi / Le dernier Tango à Paris, 1972) und Oshimas Im Reich der Sinne (Ai no corrida / L’Empire des sens, 1976), zu den Werken des internationalen Kunstkinos, die die Enttabuisierung der Darstellung von Sexualität in den siebziger Jahren am konsequentesten vorantrieben. In einer paradigmatischen Einstellung, die im Film gleich zweimal an Wendepunkten der Handlung auftaucht, ist ein nackter Rutger Hauer zu sehen, wie er, seinen Unterleib der Kamera zugewandt, auf dem Bett liegt. In der Tat ist es vor allem der Penis, der immer wieder ins Bild gerückt wird, mehr noch und vor allem obsessiver als Frauenbrüste und sonstige im klassischen Kino verbotene Bilder. Auch Hauers künstlerisches Schaffen kreist in nicht geringem Maße um Phallen der unterschiedlichsten Art. Türkische Früchte propagiert eine Virilität der hyperbolischen Art, eine Virilität, die sich im düsteren Schlussdrittel des Films schließlich selbst ad absurdum führt.

Im technischen Sinne pornografisch wird es jedoch nie und zum echten Skandalfilm taugt Türkische Früchte – im Gegensatz beispielsweise zum grafisch noch weniger expliziten Der letzte Tango in Paris beispielsweise – nur bedingt. Denn die potentiell und zumindest im historischen Kontext transgressiven Bildelemente, zu denen auch einige recht rüde Gewaltdarstellungen zählen, erscheinen, und hier unterscheidet sich der Film von ausnahmslos allen späteren Werken des Regisseurs, stets als logische und in gewissem Sinne unproblematische, weil erklärbare, Auswüchse der Narration.

Türkische Früchte

Und vor allem als logische Externalisierungen der psychischen Befindlichkeiten der Hauptfiguren. Denn Türkische Früchte ist zuallererst die Geschichte zweier Menschen, für die die Welt des niederländischen Kleinbürgertums immer mindestens zwei Stufen zu klein ist. So ist Verhoevens Werk gleichzeitig geprägt von punktgenauen Beobachtungen und von fast übermenschlichen Gefühlen. Systematisch zerlegt Türkische Früchte das Milieu, aus welchem sich Eric und Olga verzweifelt zu befreien suchen. Bei einem Empfang der niederländischen Königin, die eine von Erics Skulpturen enthüllen soll, werden der Künstler und seine nicht gesellschaftsfähige Freundin buchstäblich aus dem Bildraum befördert. Die Familientreffen bei den Stapels gestalten sich mit schöner Regelmäßigkeit als Variationen des immer gleichen Alptraums, dem sich Olga freilich nie so vollständig zu entziehen weiß wie Eric.

Wenn jedoch der Ausbruch gelingt, kennt der Film kein Halten mehr und lässt seiner genuin romantischen Natur freien Lauf. Verhoeven hat nie Angst vor großen Bildern und bezieht in jeder Hinsicht Position für die Außenseiter. Vielleicht ist der Film aufgrund dieser einfachen Identifikation von Regisseur, Kamerablick und Hauptdarsteller ein wenig schlechter gealtert als der Rest des Frühwerks Verhoevens. Dennoch ist Türkische Früchte großes Kino aus einem kleinen Land und nicht zuletzt auch als Zeitdokument von bleibendem Wert.

 

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