Tuan Yuan – Kritik

Regisseur Wang Quan’an, der schon einmal den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen konnte, eröffnet mit seinem neuen Film die Berlinale 2010.

Tuan Yuan

Tiefe Schnitte in die Ehe scheinen die Spezialität des chinesischen Regisseurs Wang Quan’an zu sein. In Tuyas Hochzeit (Tu ya de hun shi, 2006), für den der Regisseur vor drei Jahren den Goldenen Bären gewann, ließ sich eine Frau von ihrem gesundheitlich angeschlagenen Mann scheiden, um einen anderen zu heiraten, der die Familie besser ernähren kann. Hintergrund war dabei die harsche wirtschaftliche Situation in der tiefen Mongolei, der Zwang zum Überleben. Apart Together, der die Berlinale 2010 eröffnet, hat einen völlig anderen Schauplatz – die Metropole Shanghai statt des kargen Landes –, aber ein auffällig ähnliches Thema. Wieder soll ein Mann geschieden werden, wieder gibt es einen anderen. Hintergrund ist dieses Mal eine zu spät erfolgende Familienzusammenführung.

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Wang Quan’an erzählt wie auch in Tuyas Hochzeit mit viel Lakonie und leisem Witz. Es wird viel gegessen (und, wie in China üblich, viel geschmatzt); mindestens ein halbes Dutzend längere Szenen spielen an einem reichhaltig gedeckten Tisch, einschließlich der ersten und der letzten. Und gesungen wird auch, so viel, dass manchmal kein Halten mehr zu sein scheint. Die Lieder sind melancholisch und erzählen von alten Zeiten und längst gestorbenen Freunden, selbst wenn es ein Kinderchor ist, der singt. Apart Together ist eine Geschichte über alte Menschen und verpasste Chancen, und er passt sich rhythmisch dem langsamer werdenden Leben an.

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50 Jahre nach dem Ende des chinesischen Bürgerkrieges kommt Liu Yansheng nach Shanghai, um seine alte Liebe wiederzutreffen. Damals, bei der Flucht nach Taiwan, musste er sie mit ihrem ungeborenen Kind zurücklassen, seitdem gab es keinen Kontakt. Die Geliebte von einst hat längst eine große Familie. In mehreren tableauartigen Szenen wird nun verhandelt, ob die Frau dem Mann nach Taiwan folgen und ihre richtige Familie, die ja eigentlich die falsche ist, verlassen soll. Die ist zum größten Teil (Kinder und Schwiegersohn) dagegen und zum kleinen Teil indifferent (die Enkelin) oder sogar enthusiastisch dafür. Letzteres ausgerechnet in der Person des merkwürdig altruistischen, aber dann auch sehr leidenden Ehemanns der plötzlich wieder begehrten Frau. Dieser Ehemann ist die vielleicht interessanteste Figur in dem Film, ein Wunder an unterdrückter Emotion. Wie sehr es in ihm brodeln muss, bleibt verborgen, überträgt sich aber als Spannung auf den ganzen Film.

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Das ist alles, wie gesagt, in langen, ruhigen Einstellungen erzählt, in die nur manchmal etwas Leidenschaft gerät, wenn beim Singen das Temperament die Oberhand gewinnt und wiederholt mit der Hand auf den Tisch geschlagen wird. In diesen Gesangsmomenten (übrigens alle a cappella, Musik aus dem Off gibt es nicht) bricht etwas auf. Sonst gibt es höchstens einmal eine Aufnahme von den sich haltenden Händen des so lange getrennten Paares, während einer Fahrt im Transrapid. Und dann ist da noch die manische Art, in der der Ehemann mit den Stäbchen im Essen stochert. Essen und Singen, die klassischen Gelegenheiten, zu denen die Familie zusammenkommt, sind in Apart Together also Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte über die Zersetzung derselben.

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Es geht Wang Quan’an um zerstörerische Einflüsse von außen auf gefestigte Strukturen, ob es sich nun um ums Überleben kämpfende Mongolen oder vom Lauf der Geschichte getrennte Liebespaare handelt. Und die modernde Zeit spielt auch ihre Rolle. Am Schluss des Films ist das alte Ehepaar in eine moderne Wohnung in einem modernen Hochhaus in Shanghai gezogen. Es ist eins jener Gebäude, die als Beleg für die wahnwitzig schnelle urbane Umwälzung der Stadt immer wieder einmal im Film zu sehen waren. Die familiäre Lebhaftigkeit ist verschwunden, den Töchtern und dem Sohn ist der Weg zur neuen Wohnung zu weit. Einzig die Enkelin ist da, und so sitzt man nur zu dritt am reich gedeckten Tisch. Und dann erzählt die Enkelin von ihrem Verlobten, der für zwei Jahre nach Amerika geht. Man möchte fast wetten, dass sich hier der nächste Film über zerschnittene Familien andeutet, dieses Mal vielleicht vor dem Hintergrund der Globalisierung.

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