Tsotsi

Ein junger Gangster muss von einem Tag auf den anderen Verantwortung für ein Baby übernehmen und beginnt, sein Leben zu verändern. Leider verändert das Neugeborene auch den Film – nicht zu dessen Vorteil.

Tsotsi

Tsotsi beginnt kompromisslos: In einem U-Bahnabteil überfallen drei junge Gangster einen älteren Mann. Als dieser aufzubegehren versucht, wird er von einem der Jugendlichen erstochen. An der nächsten Haltestelle öffnen sich die Türen, die Verbrecher verlassen das Fahrzeug, zurück bleibt eine Toter, der sein Leben für eine nicht allzu prall gefüllte Brieftasche lassen musste.

Die Townships im Südafrikanischen Johannesburg sind ein hartes Pflaster für den jungen Tsotsi (Presley Chweneyagae), der als Kind aus einem gewalttätigen Elternhaus flüchtete und zusammen mit anderen Straßenkindern aufwuchs. Wie selbstverständlich wählt er den Weg der Gewalt, wird zum Anführer einer Jugendbande, jedoch reicht die Beute ihrer Raubzüge selten für mehr als das Allernötigste.

Anfangs scheint Gavin Hoods Film sich in Richtung eines realistischen, intensiven Ghettodramas zu entwickeln. Auch aufgrund der den Soundtrack zu Beginn bestimmenden Kwaito-Klänge, eine hybride Mischform unterschiedlicher afrikanischer und amerikanischer Musiktraditionen, die in Südafrika ungefähr dieselbe Stellung einnehmen wie Gangsterrap in Amerika, werden Erinnerungen an einen anderen Gangsterfilm aus einem Entwicklungsland, den brasilianischen City of God (Cidade de Deus, 2002) wach. In der Tat sieht die technisch weit weniger ambitionierte afrikanische Arbeit fast aus wie eine dreckigere Version von Meirelles mit Mtv-Ästhetik durchsetztem Hochglanzepos. Um es vorwegzunehmen: Dieser erste Eindruck wird leider nur allzu bald enttäuscht.

Tsotsi

Denn nach der vielversprechenden Exposition schlägt Gavin Hood schnell andere Töne an. Anstatt Aussagen über die reale Situation im modernen, postkolonialen Südafrika zu treffen, erzählt Tsotsi eine prinzipiell universelle Erlösungsgeschichte, verlässt die spezifischen lokalen Problematiken und verwandelt sich in einen äußerst beliebigen, manipulativen Arthausfilm, der überdeutlich auf ein apolitischen Sentimentalitäten gewogenes europäisches und amerikanisches Publikum zielt.

Als Tsotsi eines Tages in einem gestohlenen Auto ein neugeborenes Kind findet, beginnt sich sein Leben zu verändern. Plötzlich regt sich das soziale Gewissen des jungen Gangsters. Er setzt sich mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft auseinander und kümmert sich um seinen ständig betrunkenen Helfer Boston (Motushi Magano), über dessen Anwandlungen von Mitleid mit dem Verbrechensopfer er sich vorher nur lustig gemacht hatte. Außerdem zwingt er die junge Witwe Pumla Dube (Nambitha Mpumlwana), ihm behilflich zu sein, den entführten Säugling am Leben zu halten. Auch diese neue Bekanntschaft trägt dazu bei, dass sich die Prioritäten im Leben des jungen Mannes verschieben. Als die Eltern des entführten Babys Tsotsi auf die Spur kommen, spitzt sich die Situation zu.

Tsotsi

Durch das Kleinkind lösen sich über kurz oder lang alle Konflikte in Wohlgefallen auf, dieses übernimmt so die Funktion eines „Deus ex machina“, wie man ihn aus der klassischen griechischen Tragödie kennt. Was im Ghetto wirklich fehlt, so eine mögliche Lesart von Tsotsi, ist nur ein bisschen Liebe, nicht mehr. Unterstützung findet diese für ein westliches Publikum beruhigende Botschaft auch auf der stilistischen Ebene. Von Anfang an stehen die warmen, einfachen Bilder des Films unter dringendem Kitschverdacht. Mit zunehmendem Fortgang der Handlung brechen diesbezüglich alle Dämme, was vor allem auf den Einsatz der Tonspur zurückzuführen ist. Die harten Kwaito-Raps weichen immer öfter süßlichen Streicher- und Synthesizerklängen. Diese legen sich wie Zuckerguss über die Townships und resultieren in einer wenig erbaulichen Trümmerromantik, die in Verbindung mit der letzten Endes eskapistischen Handlung dafür sorgt, dass der Film jeden Kontakt zu seinem Herkunftsland zu verlieren scheint.

Dass ausgerechnet Tsotsi als erster afrikanischer Film über Afrikaner mit dem Oskar für den besten nichtenglischsprachigen Film ausgezeichnet wird ist gleichzeitig enttäuschend und folgerichtig. Enttäuschend, weil es, auch in den letzten Jahren, genug würdigere Werke gegeben hätte. Mark Dornford-Mays U-Carmen (2005) etwa, der durch sein hybrides Konstruktionsprinzip ein vielschichtiges Porträt der südafrikanischen Townships zeichnete. Und folgerichtig, weil Tsotsi den traditionell risikoscheuen Mitgliedern der für die Vergabe der Auszeichnung verantwortlichen Akademie nichts Neues, schon gar nichts in irgendeiner Hinsicht Gefährliches vorsetzt. Nicht umsonst wird der Streifen in den USA von Miramax vertrieben, der Produktions- und Verleihfirma, welche seit den frühen Neunziger Jahren fast nach Belieben die Oscarvergabe dominiert und nur zu gut weiß, mit welchen Mitteln man am einfachsten Preise gewinnt.

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