Tschick

Vom Klassenzimmer in die Walachei und zurück: Versuch einer Erklärung, warum Fatih Akins Bestsellerverfilmung gelungen ist und trotzdem enttäuscht.

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Für zwei der schönsten Künste der Welt ist der Deutschunterricht ein gefährliches Terrain. Die oft als quälend empfundene Schullektüre wird von Schülern wie Lehrern gern mit Sichtung „des Films“ erleichtert, was zwar für eine stressfreie Doppelstunde sorgt, aber für Buch und Film gleichermaßen fatal sein kann, das eine zum Problem erhebt und den anderen zum Anhängsel degradiert. Die in unzähligen Köpfen steckende Das-Buch-ist-gehaltvoller-als-der-Film-Ideologie, die Wurzel zwar nicht allen, aber doch ziemlich vielen Übels, hat hier zwar nicht den einzigen, aber doch einen besonders fruchtbaren Nährboden.

Medienübergreifender instant classic

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Fantasiebegabte Schüler können auf solchem Boden leicht verzweifeln. Schüler wie der 14-jährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) zum Beispiel. Der Außenseiter aus wohlstandsverwahrloster Familie muss am Anfang von Fatih Akins Film Tschick einen Deutschaufsatz vorlesen und erzählt darin in ungeschönten, aber keineswegs unschönen Bildern – die in den Köpfen seiner Zuhörer gewiss ebenso lebendig werden wie für uns auf der Leinwand – von den Saufeskapaden seiner Mutter (Anja Schneider), ob im Tennisclub oder dem Haus mit Pool mit Blick auf die Marzahner Skyline. Doch statt sich über das lebendig geschriebene Stück zu freuen, unterbricht der konsternierte Lehrer den Vortrag, und unter seinen verständnislosen Mitschülern gilt Maik ab jetzt als „Psycho“. Die Kassiber mit der Einladung zur Party seines Schwarms Tatjana darf er nach wie vor nur durchreichen. Es ist ein Jammer.

Ein Jammer ist vielleicht auch, dass dieser Maik Klingenberg, der kurz darauf mit dem russisch-asiatischen Asi Tschick (Amand Batbileg), Klassenneuling und Mit-Outcast, der Marzahner Tristesse den Rücken kehren und mit geklautem Lada auf nebligen Straßen in die Brandenburger Walachei abhauen wird, dass diese Sehnsuchtsfigur selbst schon längst die Hauptfigur einer Schullektüre ist. Wolfgang Herrndorfs Roman von 2010, der seinem schon damals sterbenskranken Autor den längst überfälligen Erfolg beschert hat, hat sich in Windeseile vom Megabestseller zum medienübergreifenden instant classic entwickelt (Hörbuch, Hörspiel, meistgespieltes Bühnenstück 2012/13, Opernversion in Vorbereitung) und auch längst den Sprung in den Schulkanon geschafft. In der Welt, aus der die beiden Jungs Reißaus nehmen, kommen sie jetzt also quasi bei jedem Umblättern immer schon wieder an.

Adel auf dem Radl

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Diese schon vor der ersten Klappe von Tschick feststehenden Startbedingungen machen es einer Filmkritik nicht ganz leicht. Will man in Worte fassen, warum man Fatih Akins Film für, um es gleich zu verraten, ziemlich gut gelungen hält und trotzdem irgendwie enttäuscht ist, muss man ein paar gute Kritiker-Vorsätze über Bord werfen. Dass eine Literaturverfilmung eben kein „Film zum Buch“, sondern ein Werk von eigenem Rang sei, diese Prämisse etwa muss graue Theorie bleiben angesichts eines Films, der selbst nicht im geringsten mit einem von der Vorlage unjustierten Publikum rechnet.

Der besonders blöde Vorwurf der fehlenden Werktreue lässt sich trotzdem schnell einkassieren. Wer am Roman vor allem das episodische Ausufern mochte, und wie das Brandenburger Hinterland mit seinen seltsamen Eingeborenen in ein mild surreales Licht getaucht wird, ist vielleicht enttäuscht darüber, wie frühzeitig der Film diesen Trip abbricht, müsste jedoch zugeben, dass die Auslassungen dramaturgisch sinnvoll sind (wobei das Primat des dramaturgisch Sinnvollen natürlich wieder ein Elend für sich ist) und dass das mild surreale Licht in den übrig gelassenen Szenen eben doch ganz schön aufscheint – etwa bei der Begegnung der Jungs mit der Kindergruppe unter den Windrädern, die einer Fantasie-Aristokratie entsprungen zu sein scheint („Adel auf dem Radl“), oder dem wie leergefegten Altbrandenburger Dorf mit der Öko-Familie und ihrem bizarren Essensquiz. Akin und Kameramann Rainer Klausmann verlassen sich hierbei auf ihr Gespür für Orte und Stimmungen und verzichten angenehmerweise darauf, auf jede Seltsamkeit mit dem inszenatorischen Leuchtstift hinzuweisen; auch so manche aus Erfahrung gefürchtete resümierende Totale bleibt aus.

Ideale Schnittmenge aller Filme im Kopf

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Der umgekehrte Vorwurf wäre der der zu großen Werktreue. Es stimmt, dass Tschick nirgendwo gegen den Roman rebelliert, sondern aus den unzähligen „Filmen im Kopf“, die die Zuschauer mitbringen werden, wohl eine ziemlich ideale Schnittmenge bildet. Und es stimmt auch, dass er mit dem (wenn auch sparsamen) Einsatz von Voice-over-Erzählung und stark stimmungslenkendem Soundtrack eine Erzählweise wählt, die das Publikum sicher bei der Hand nimmt, und dass er sich an jeder Abzweigung, die die Vorlage zulässt, für die Richtung „sommerliches Feelgood-Movie“ entscheidet. Als Vorwurf ginge das aber schnell in Richtung einer Institutionskritik, dass einer breit geförderten und zum Erfolg verpflichteten Bestsellerverfilmung hier nicht übermäßig viel Spielraum bleibt. Und dann trifft Tschick diejenigen Töne, die er sich Herrndorfs Roman abzulauschen entschließt, eben doch ziemlich gut.

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Die eine oder andere Szene mag zerquatscht sein oder zu sehr dem Buch nach dem Mund reden, und der Roadmovie-Teil hat mehr Flow als der Schul- und Familienalltags-Teil (Schwachpunkte: der karikaturhaft autoritäre Vater, seine Klischee-Geliebte und Maiks Counterstrike-Fantasien). Aber der gerade pubertär in die Höhe schießende Schlaks Anand Batbileg als Tschick und Tristan Göbel, der als Maik mit trotzig-verwunderten Kulleraugen unter der Matte in die Welt blickt, geben ein absolut treffsicher gecastetes und natürlich zusammenspielendes Paar ab – ob sie nun versuchen, unter freiem Himmel eine Tiefkühlpizza mit dem Feuerzeug zu erhitzen, oder begeistert die abgenudelte Clayderman-Melodie mitbrummen, die sie auf der einzigen Cassette im Auto vorfinden und die zu einem Leitmotiv ihrer Reise wird. Immer dann, wenn die Hauptfiguren unter sich sind – später fügt sich auch Mercedes Müller als Isa, das traumhafte Mädchen vom Schrottplatz, gut in die Runde (selbst wenn sie vielleicht schon etwas zu alt und etwas zu schön ist) –, kann Tschick eben doch als eigenständiges Werk überzeugen, und man hat für seine leichte Enttäuschung also immer noch keinen fassbaren Grund. Ob man sich nun mehr saufende Mutter und weniger Tatjana wünscht oder mehr Blut und Kaffee und (nur etwas) weniger Clayderman: Der größte Kritikerfauxpas ist es, einem Film vorzuhalten, dass man lieber einen anderen sehen wollte.

Eine rauere Version des gleichen Sujets

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Zumal es einen anderen Film ja schon gibt. Nordsee ist Mordsee (1975) von Hark Bohm (der für Tschick als dramaturgischer Berater fungierte) über einen Jungen deutscher und einen asiatischer Herkunft, die aus einer Hamburger Platte mit einem geklauten Segelboot ausbüxen, wirkt wie eine deutlich rauere Variation des gleichen Sujets. Wolfgang Herrndorf kannte den Film bei der Niederschrift von Tschick nicht und mochte ihn später nicht besonders. Eine Randnotiz nur, die aber vielleicht zur Erklärung der leichten Enttäuschung doch eine Spur zum Stoff selbst legt. Auch wenn Herrndorfs Roman viel zu gut ist, um ihm irgendetwas zu missgönnen, ist es schon so, dass Maik und Tschick – Asi hin, Marzahn her – ihrer umstandslosen Instant-Kanonisierung nicht allzu viel in den Weg zu stellen haben. Und dass der ohnehin schon etwas pittoreske Anstrich ihrer familiären und sozialen Beschädigungen bei Akin noch einmal pittoresker wird, trifft beim Anblick von Bohms sich blutig prügelnden und rassistisch beschimpfenden Figuren noch klarer hervor. Die machen es sich selbst und den Zuschauern schwerer, sie zu lieben, aber wer ihnen folgt, kommt mit auf eine Abenteuerreise, die noch rechtzeitig vor der Rückkehr ins Klassenzimmer (oder die Jugendstrafanstalt) abgeblendet wird. Es ist also durchaus gewinnend, Bohms ältere Arbeit direkt im Anschluss an Akins Klassikerverfilmung zu schauen – weniger als Kritik und Korrektur denn als Rückgewinnung eines Möglichkeitsraums.

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Kommentare


ule

Armer Herrendorf, schreibt er in seinem Blog " Arbeit und Struktur" noch zurecht, wie schwach "Nordsee ist Mordsee" bleibt, und dann schreibt ausgerechnet (!) Hark Bohm das Drehbuch zu Tschik mit ? Gibt es eigentlich ein klitzeklein bisschen Pietät bei den wirklich ultrasatten Kulturschranzen? Nein, gerade hier kann man das ja nicht erwarten. Aber ausgerechnet Akin? Tief gesunken, versunken im GEZ - Mainstream. Tschik als Film ist zum Wegdrehen, zum Fremdschämen. Ich habe jede Minute damit gerechnet, dass gleich noch Peter Alexander oder Peter Kraus um die Ecke schielen und/ oder eben Luna Schweiger. Herrndorf würde Euch allen eine kleben. Kinderkacke!






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