Tsahal

Die Geburt einer Nation aus dem Holocaust. Nach Pourquoi Israel (1973) und Shoah (1985) ist Tsahal (1994) der letzte Teil von Claude Lanzmanns dokumentarischer Trilogie über jüdisches Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Zentral ist diesmal die israelische Armee.

Tsahal

Die Tsahal, die Armee zur Verteidigung Israels (Tsava Haganah LeIsrael), gilt heute als eine der schlagkräftigsten Streitmächte der Welt. Jeder Staatsbürger ist ihr verpflichtet. Junge Männer leisten drei Jahre Wehrdienst, Frauen zwei. Ohne das Militär könnte Israel nicht existieren. Doch der Zwang zur permanenten Selbstverteidigung, an den Grenzen und im Inneren des Landes, wirkt ähnlich wie eine Krankheit, so schildert es der Schriftsteller David Grossman im Film. Man infiziert sich selbst immer wieder mit Gewalt. Zuletzt zeigte Waltz with Bashir (2008) die traumatische Verstrickung junger Soldaten in Krieg und Brutalität. Nun bietet die DVD-Veröffentlichung von Tsahal die Möglichkeit, die Perspektive noch einmal zu weiten – auf die Geschichte einer Armee, die ihre Lehre aus der europäischen Judenvernichtung gezogen hat: Nie wieder wehrloses Opfer sein.

Tsahal

Man stelle sich vor, ein amerikanischer Regisseur erhielte die Erlaubnis, einen unzensierten Dokumentarfilm über das US-Heer zu drehen. Oder ein deutsches Kamerateam dürfte die Bundeswehr begleiten und mit den Rekruten über ihre Angst sprechen. Ein eher utopisches Szenario. Jeder Staat versucht, die Bilder seiner Armee zu kontrollieren. Doch Claude Lanzmann wurde 1987 vom damaligen Verteidigungsminister Itzhak Rabin persönlich angesprochen, nachdem dieser Shoah gesehen hatte. Der beeindruckende Vorgängerfilm über die Vernichtung der europäischen Juden öffnete dem jüdisch-französischen Filmemacher, der im Zweiten Weltkrieg mit der Résistance gegen die Deutschen gekämpft hatte, die Türen des israelischen Verteidigungsapparates. Die Militärführung gewährte dem Dokumentaristen freie Hand und freies Wort. Herausgekommen ist keine Propaganda, keine pathetische Panzer-PR. Stattdessen gewährt Tsahal einen fünfstündigen Einblick in die Zerbrechlichkeit dieses kleinen Landes im Nahen Osten, in seinen unbedingten Willen zur Wehrhaftigkeit und seine Schizophrenie.

Tsahal

Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in den 1990er Jahren hatte Israel sechs große Kriege hinter sich und steckte noch mitten in der Ersten Intifada. Doch Schlachtszenen gibt es nicht zu sehen, keine Fernsehbilder, wie wir sie vom Nahostkonflikt zu Genüge kennen, keine Leichen. Dennoch geht es in den Interviews mit Armeeangehörigen immer wieder ums Sterben und Töten. Wie es ist, in einem Bunker unter Beschuss zu sein. Wie die Soldaten vor Übermüdung mitten im Gefecht einschlafen. Wie Kameraden über Funk um Hilfe flehen. Die Kamera zeigt dazu kleine Menschen auf röhrenden Kampffahrzeugen, Staubwolken in der Wüste, zerfurchten Sand, Zäune, Militäranlagen. Aus dem Flugzeug betrachtet, wirkt das ganze Land, das doch laut Bibel „Heiliges Land“ sein soll, unwirtlich und wie für Panzer gemacht. Zurück auf dem umkämpften Boden Palästinas, äußern selbst die Militärs den Wunsch nach einer Zukunft ohne Waffenkonflikte. Hoffnung ist ein weiteres Leitmotiv von Tsahal.

Tsahal

Lanzmann führt lange Gespräche mit Offizieren, Majoren und Generalen, begleitet junge Soldaten in ihrer Ausbildung und beobachtet, wie sie zum ersten Fallschirmsprung in einer endlosen Reihe aus dem Flugzeug geschubst werden. Jeder, der sich festklammert, erhält einen groben Stoß. Wer hier geboren sei, gehöre unhinterfragt der Armee und ihrer Erziehungsmaschinerie, sagt David Grossman. Das Pflichtgefühl dem eigenen Staat gegenüber ist bei den jungen Israelis allgegenwärtig. Sie alle sind sich der Last der gesamten jüdischen Vergangenheit bewusst, die mit dem Alten Testament und Gottes Versprechen an Abraham beginnt und deren Trauma Auschwitz heißt: „Wir werden alt geboren.“ Neben Grossman kommen weitere kritische Stimmen wie der Schriftsteller Amos Oz und der Menschenrechtsanwalt Avigdor Feldman zu Wort und warnen vor den Folgen von Gewalt und Besatzung für die eigene Gesellschaft. Auf einen explizit palästinensischen Blickwinkel verzichtet Claude Lanzmann bis auf wenige Ausnahmen. Aber die komplizierte Kehrseite der „Wiederaneignung von Gewalt durch die Juden“, wie der Regisseur das zentrale Thema seines Werks beschreibt, ist permanent präsent.

Seit der Uraufführung von Tsahal hat Israel eine weitere Intifada, zahlreiche militärische Operationen, den Libanonkrieg 2006 und einen gewaltigen Mauerbau hinter sich. Doch der Film bleibt aktuell. Er hilft die an Widersprüchen reiche Geschichte dieses noch jungen Landes besser zu verstehen, das für seine Bewohner immer ein Projekt des Überlebens in feindlicher Umgebung war.

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