True Detective

Umkämpfte Weltbilder im Kampf der Kulturen: Die TV-Serie True Detective spannt weite Bögen und wagt sich an große Fragen.

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Von Beginn an gehen Risse durch diese Bilder: persönliche, narrative, ästhetische, existenzielle. Eigentlich schon in der magischen Titelsequenz. Was dort zu sehen ist, lässt sich nur schwer beschreiben oder gar deuten; zu hören ist ein düsterer Americana-Song mit unscheinbarem Rhythmus und unleugbarem Sog. Irgendwas ist los in diesem Lied, diese tiefe Stimme spricht von etwas, was sich einer einfachen Vermittlung entzieht. Stilistisch könnte die beiden Stücke zwar kaum weiter voneinander entfernt sein, aber ein wenig fühlt man sich erinnert an Angelo Badalamentis Vorspannthema zu Twin Peaks, ein ähnlich kongeniales musikalisches foreshadowing. Es hallt nach, wenn es verklungen ist, zugleich weiß man, dass man es wieder hören wird. Und auch beim letzten Mal – vor der achten Episode der ersten Staffel von True Detective – klingt es nicht nach Abschluss. Vielmehr scheint es nun noch viel stärker als am Anfang den metaphysischen Kern der von Nic Pizzolatto geschriebenen und von Cary Fukunaga inszenierten Serie auszudrücken: dass nichts jemals zu Ende sein wird.

Schwindelerregende Ambition

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Etwas sehr Ähnliches wird auch Detective Rust Cohle (Matthew McConaughey) sagen, wenn er über die ewige Wiederkehr des Bösen philosophiert. Die Serie ist dann schon einige Folgen alt, aber viel sagt das nicht aus, weil es mit der Chronologie hier eh so eine Sache ist.  Von Anfang an wechseln sich gleich drei Zeitebenen ab: Mitte der 1990er Jahre sollen Cohle und sein Partner Martin Hart (Woody Harrelson) einen Ritualmordfall aufklären. Fast zwanzig Jahre später werden die beiden getrennt voneinander verhört, ihr Fall von zwei anderen Cops neu aufgerollt. Und so wie der Titelsong von Zukünftigem sprechen die Gesichter der beiden Protagonisten von etwas Vergangenem, das sich der einfachen Vermittlung entzieht. Die Gespräche kreisen um das Jahr 2002, Fluchtpunkt sowohl für den Kriminalfall aus dem vorherigen Jahrzehnt als auch für die Ermittlungen in unserer Gegenwart. 1994, 2002, 2014. Zeitliche Vertikalen, die die horizontale Erzählweise heimsuchen. Unzählige mögliche Staffeln, in einer einzigen kondensiert.

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Die episch angelegte Erzählweise, das einnehmende Spiel der beiden Hauptdarsteller, die thematischen Motive, das alles arbeitet fleißig dagegen an, nur als das next best thing auf dem überhypten TV-Serien-Markt gehandelt zu werden. Aus der dramaturgischen Extravaganz, aus den sorgfältig komponierten 35mm-Bildern und den nachdenklichen Dialogen – vor allem aus der auf all diesen Ebenen geleisteten Konstruktion eines Unaussprechlichen, Ungeheuerlichen, Grausamen jenseits des Bildrahmens – spricht eine Ambition, die True Detective in schwindelerregende Fallhöhen emporhebt. Die gesamte Serie über wähnt man sich in einem Reich des Übernatürlichen, obwohl nichts auf derartige Phänomene oder Erklärungen konkret hindeuten würde. Doch immer stärker kreisen die offenen Fragen bald um den „yellow king“ und die Stadt Carcosa – beide mystische Motive sind den Kurzgeschichten von Robert W. Chambers aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert entliehen. Und so gehen die Risse nicht nur durch das Narrativ, nicht nur durch die ohnehin zerrissenen Figuren. In True Detective gehen sie durch den Kosmos.

Bewusstsein als Unfall der Evolution

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Auch Detective Cohle ist nicht bloß der nächste Cop mit ’nem Knall, nicht einfach nur ein Polizist mit Philosophie-Faible. Der Mann mit Drogendezernat- und Drogenvergangenheit, der keinen kleinen Notizblock, sondern ein großes Notizbuch mit sich führt, verweigert sich nicht nur konsequent den Grundlagen der Polizeiarbeit, sondern den Regeln menschlicher Konversation und sozialer Beziehungen insgesamt. Glaubst du, dass ein Mann zwei Frauen lieben kann, fragt Hart seinen neuen Partner. Ich glaube nicht, dass Menschen überhaupt lieben können, antwortet der. Cohle spricht vom menschlichen Bewusstsein als einem fatalen Unfall der Evolution, von der Nicht-Existenz jeglicher Werte, von der Historizität menschlicher Erfahrung. Hart hat keine Ahnung, wovon Cohle spricht. Hart, family guy mit dazugehörigen Abgründen und Doppelstandards, glaubt an Gerechtigkeit und Amerika, bezieht seine Überzeugungen aus seinem Selbst. Für Cohle verhält es sich andersherum. „We craft our identities by making value judgments“, sagt er.

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Was die Dynamik zwischen den beiden Partnern so faszinierend macht, ist nicht zuletzt das konsequent gegen die Erwartungen gebürstete Casting. Allzu leicht hätte man sich McConaughey in der Rolle des Familienvaters mit Rissen in der Fassade vorstellen können, Harrelson in der des verlebten Zynikers, der Welt überlegen. Doch fast schlimmer als das Gefühl, dass man einem Schauspieler seine Rolle nicht abnimmt, ist eben das Gefühl, sie ihm viel zu gut abzunehmen. Nicht zuletzt deshalb bilden Hart und Cohle schon auf körperlicher, gestischer, mimischer Ebene kein Gespann, sondern einen Sprengsatz. Dass wir die beiden von Beginn an in getrennten Verhörsituationen erleben, macht den Bruch noch klarer, der sich schon in die gemeinsamen Szenen früherer Tage einschreibt. Was Cohle und Hart trennt, sind nicht unterschiedliche Herangehensweisen, Vorlieben, Persönlichkeiten, die in einer wie auch immer gearteten Hassliebe aufgehen könnten.

Der traumatisierte Nihilist

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Der metaphysische Überbau von True Detective ist eng angeschlossen an dieses freilich nicht gänzlich unbekannte Aufeinandertreffen zwischen Zyniker und Idealist und verankert diese beiden Rollen zugleich konsequent in unserer Zeit. Der Bogen über zwei Jahrzehnte mit dem Fluchtpunkt im neuen Jahrtausend lässt auch einen Blick auf das politische Unbewusste der Serie zu. 1995 scheint der von Cohle und Hart bearbeitete Fall gelöst, Cohle ergibt sich seinem Zynismus, Hart glaubt seine Ehe auf stabilen Füßen. Die Bösen sind gefasst, Ende der Geschichte. Nur wenige Jahre später bricht alles wieder auf, und Cohle verkörpert das Paradox des traumatisierten Nihilisten. „Everything happens again and again... and again.“ Seine leeren Augen haben ein Videoband gesehen, das uns vorenthalten wird, weil es zu grausam ist; so grausam, dass es selbst dem Zyniker einen neuen purpose stiftet, für das auch extra-legale Methoden notwendig sind. Im Jahre 2002 ist das Böse wieder konkret – nicht darstellbar, aber bekämpfbar. Der bunt schillernde Wundschorf der Neunziger war nicht Vorstufe der Heilung, sondern nur ein vorübergehender, vorübergegangener Schleier.

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Auch die mystisch überhöhten Bayou-Landschaften Louisianas tragen nicht nur ihren Teil zur besonderen Atmosphäre von True Detective bei, sondern schaffen zudem einen Artikulationsort für gegenwärtige Diskurse. Ohne in simplifizierende Interpretationsmuster zu verfallen, müsste man doch darüber nachdenken, inwiefern die in den letzten Jahren auffällige Thematisierung amerikanischer Mikrogesellschaften als Zeitsymptom verstanden werden kann. Ob in Winter’s Bone (2010), Beasts of the Southern Wild (2012) oder zuletzt in Auge um Auge (Out of the Furnace, 2013) – das kulturell Andere versteckt sich als dämonisierte oder romantisierte Gemeinschaft in den (Un-)Tiefen der Americana. Auch True Detective funktioniert über diese Struktur der umgekehrten Frontier, in der nichts an die äußersten Ränder treibt, die Suche nach Wahrheit und Recht vielmehr in einer endlosen Kreisbewegung stetig weiter nach innen führt. Dabei führt uns die Serie zu evangelikalen Priestern, archaischen Motorradgangs und versteckten Bordellen im Wald; Räume, die Angst machen, Mikrokosmen, die anders funktionieren als die Mehrheitsgesellschaft – und die dem detective thriller jenen Kampf der Kulturen schenken, der im neuen Jahrtausend zwar ausgerufen, in seiner rassistischen Konsequenz aber nicht so einfach explizierbar ist.

Die großen Fragen

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Und so bekämpft True Detective den Fundamentalismus im Großen und Kleinen – spricht von Frauenunterdrückung wie von mittelalterlichen Ritualen, von Verschwörungen und zwielichtigen Geheimgesellschaften mit guten Kontakten – und spannt dabei tradierten Werte-Moralismus und radikalen Relativismus als sich unversöhnlich gegenüberstehende und zugleich aufeinander angewiesene Partner ein. Die Frage, auf die das alles hinausläuft, ist vielleicht weniger die, wer von den beiden der true detective ist, als die, was es sein mag, über das selbst zwei derart gegensätzliche Kerle wie Cohle und Hart wieder bonden können. Und bei dieser Frage laufen dann auch die dramaturgischen, philosophischen und politischen Fäden zusammen. Denn in ihr sind weitere enthalten: Was hält diese Welt zusammen, was treibt sie auseinander, wie können wir noch in sie eingreifen, wenn nichts jemals zu Ende sein wird? Auch wenn die zunehmende Konkretisierung dieser Fragen und die versuchten Antworten im letzten Teil nicht immer befriedigend erscheinen, ist die wahnwitzige Ambition von True Detective selten anmaßend und fast immer aufregend.

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