Back in the Game

Clint Eastwood ist zurück auf der Leinwand – das erste Mal seit 1993 unter fremder Regie.

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Als Walt Kowalski vor einigen Jahren im Showdown von Gran Torino (2008) mit Kugeln durchsiebt wurde, da lag die Vermutung sehr nahe, dass sich Clint Eastwood mit diesem Film verabschiedet hat. Nicht vom Filmgeschäft freilich, denn dass er mit einem beachtlichen Pensum weiterhin Regie führen würde, das stand niemals in Frage. Als Darsteller jedoch sind starke Rollen für das hohe Alter eher rar gesät, Eastwood schien sich hinter der Kamera gut eingerichtet zu haben – und konnte es einen besseren Abschied von der Leinwand geben als den Märtyrertod Kowalskis? Vier Jahre später verliert diese Szene nun etwas von ihrer symbolischen Kraft: Für seinen alten Freund, früheren Regieassistenten und Mit-Produzenten Robert Lorenz kehrt Eastwood zurück auf die Leinwand. Lorenz’ Regiedebüt Back in the Game ist damit der erste Film seit Wolfgang Petersens In the Line of Fire (1993), in dem Eastwood mitspielt, aber nicht selbst Regie führt.

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In einem Alter jenseits der achtzig lässt es sich vielleicht nicht mehr verhindern, dass einem Schauspieler unterstellt wird, er spiele sich irgendwie selbst. Doch auch wenn es bei Dialogsätzen wie „Man muss wissen, wann es Zeit ist abzutreten“ schwerfällt, nicht wehmütig an Gran Torino zurückzudenken und alles eine Meta-Ebene höher zu denken, geht es in Back in the Game doch zunächst um Baseball-Scout-Gus. Dieser verliert langsam seine Sehstärke, eine für einen Spielerbeobachter nicht ganz unwichtige Eigenschaft. Aus Angst vor einer Entlassung aus einem Job, der für ihn ein ganzes Leben bedeutet, hält Gus seine Schwäche jedoch geheim. Trotzdem steht er auf der Abschussliste der Atlanta Braves – nicht zuletzt, weil er sich stur weigert, mit den neuen Computerprogrammen zu arbeiten, und auf der Suche nach vielversprechenden Talenten weiterhin Zeitungen durchforstet und das Land bereist. Freund und Kollege Pete (John Goodman) will Gus helfen und überredet dessen Tochter Mickey (Amy Adams), ihren Vater bei der wichtigen Beobachtung eines High-School-Spielers zu begleiten. Mickey ist als erfolgreiche Anwältin zwar gerade kurz davor, als einzige Frau zur Partnerin ihrer Kanzlei gemacht zu werden, sagt schließlich aber doch zu und reist ihrem Vater nach North Carolina hinterher.

Vater-Tochter-Beziehungen sind im streng psychologisierten US-Kino in der Regel nicht gerade einfach, und auch bei Lorenz soll die Annäherung zwischen Gus und Mickey nun im Zentrum stehen – die tragische Familiengeschichte birgt nach dem frühen Tod der Mutter schließlich noch viel Unausgesprochenes, dem sich Gus jedoch so stur verschließt wie den neuen Techniken in seinem Beruf. Trotz dieser durchaus substanziellen Konflikte mag der Film gerade in der ersten Hälfte nie so richtig in die Gänge kommen. Eastwood knurrt zwar einige Male so herrlich wie als Walt Kowalski, hat an Ausstrahlung und Spielwitz aber doch merklich verloren.

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Ein bisschen in Fahrt kommt Back in the Game dann mit dem Auftritt Justin Timberlakes als Johnny, ein ehemaliger Schützling von Gus, der mittlerweile selbst an seiner Scouting-Karriere arbeitet. Die sich leise anbahnende Liebesgeschichte zwischen Johnny und Mickey ist zwar nicht weniger vorhersehbar als andere Handlungsstränge, sorgt aber für die schönsten Momente des Films und überzeugt als Romanze, die nicht auf eine große Liebe, sondern auf ein vorsichtiges Experiment hinausläuft. Überhaupt spielt sich Amy Adams allmählich ins Herz des Films. Ihre Figur ist nicht nur die am ausführlichsten gezeichnete, Adams gelingt es auch besser als Eastwood und Timberlake, die berechenbare Geschichte mit einer stets richtig dosierten Intensität aufzuwerten. Frustriert von ihren Chauvi-Chefs, die sie loben, aber nicht befördern wollen, und von ihrem Vater, der sie beschützen, aber nicht mit ihr reden will, ist ihre Rückkehr zur jugendlichen Baseball-Leidenschaft eine schöne kleine Rebellion.

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Gegen Ende strebt der insgesamt harmlose Film auf einen doppelten Höhepunkt zu, dessen eine Seite so unterhaltsam und spannend ist wie seine andere unnötig und ärgerlich. Während Lorenz beim Familiendrama noch auf die ziemlich billige Karte einer schockierenden Enthüllung setzt, läuft er beim Sportfilm zu Hochformen auf: Der Kampf zwischen der Spielerbeobachtung alten Stils und dem zahlengesteuerten Scouting-Programm kulminiert in einem regelrechten Schlussduell und liefert ein schönes Beispiel, wie auch vermeintlich unfilmische Tätigkeiten einer klassischen Spannungskurve neue Würze verleihen können. Wie aus der Praxis des Talentsuchens ein spannender Showdown wird, das könnte schon bald als ermutigendes Beispiel in den neuesten Auflagen der einschlägigen Drehbuch-Ratgeber auftauchen.

Darüber hinaus bietet Lorenz’ Debüt zu wenig, um für starke Aufmerksamkeit zu sorgen. Back in the Game erinnert in seiner Harmlosigkeit und handwerklich zwar grundsoliden, aber wenig inspirierten Inszenierungsweise an einige von Eastwoods eigenen Arbeiten der letzten Zeit wie Invictus – Unbezwungen (2009) oder Hereafter – Das Leben danach (2010). Dass Eastwood ausgerechnet mit diesem Film sein Leinwandcomeback nach vier Jahren liefert, das dürfte jedenfalls mehr der Loyalität zu Lorenz geschuldet sein als der Überzeugung, es hier mit einem außergewöhnlichen Projekt zu tun zu haben. Wenigstens ist mit seiner Rückkehr ins Kino dafür gesorgt, dass sein mittlerweile berühmter Auftritt auf dem Republikanischen Parteitag samt wirrem Dialog mit einem leeren Stuhl wieder etwas in den Hintergrund rückt.

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