Tropical Malady

Gleichzeitig homoerotische Liebesgeschichte und mythologisches Dschungelmärchen: Apichatpong Weerasethakuls Tropical Malady sprengt alle Genregrenzen und bietet ein einmaliges Kinoerlebnis.

Tropical Malady

Das moderne thailändische Kino scheint auf dem Weg zu sein, nach Südkorea die nächste große Entdeckung der internationalen Filmszene zu werden. Seit Jahren findet sich dort eine vitale kommerzielle Kinolandschaft, deren Ideenreichtum an die glorreichen Tage des Hong-Kong Films bis Mitte der Neunziger erinnert. Wie in Südkorea gibt es auch in Thailand einen Regisseur, der auf Festivals und in der Arthouse-Szene als Aushängeschild für ein internationales Publikum dienen könnte.

Doch anders als der mittlerweile in Cannes, Berlin und Venedig heimisch gewordene Kim Ki-duk lässt sich Apichatpong Weerasethakul weniger leicht in den globalen Kulturbetrieb integrieren. Im Gegensatz zu dem Koreaner, dessen Werke, wenngleich oft verstörend, doch nicht allzu weit entfernt sind von Arbeiten anderer asiatischer oder auch europäischer Filmautoren, wählt der junge Thailänder seine ästhetischen Vorbilder aus einer Tradition, die der heutigen Filmlandschaft diametral entgegensteht, nämlich dem amerikanischen lyrischen Underground/Experimentalfilm von Maya Deren, Stan Brackhage oder Bruce Baillie. Das vielleicht Faszinierendste an der Arbeit des ehemaligen Videokünstlers ist, dass er diese radikale Absage an gängige Konzepte innerhalb der Form des herkömmlichen Spielfilms zu realisieren vermag, indem er die klassische Filmsprache nicht komplett ablehnt, sondern deren Strukturen und Techniken teilweise übernimmt, und dennoch fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Weerasethakul setzt seinen ästhetischen Ansatz mit solch unglaublicher visueller Brillanz um, dass er auch einem breiteren Publikum zuzumuten ist und jetzt, nach dem Umweg über die Festivalszene, endlich den Weg in deutsche Kinosäle gefunden hat.

Tropical Malady

Tropical Malady (Sud Pralad) beginnt als homosexuelles Liebesdrama, erzählt in nur scheinbar harmlosen, oft sehr stilisierten Aufnahmen. Dem Soldat Keng (Banlop Lomnoi) gelingt es mit einiger Mühe, den Bauernsohn Tong (Sakda Kaewbuadee) für sich einzunehmen. Dem Glück des jungen Paares scheint nichts im Wege zu stehen. Bereits in diesem ersten Abschnitt schleichen sich in Weerasethakuls Werk Bilder ein, deren Status seltsam unklar bleibt, etwa wenn eine anfangs fast dokumentarisch abgefilmte Karaokevorführung sich durch extreme Großaufnahmen in seltsam flache, jeder zeitlichen oder räumlichen Zuordnung beraubten Gesichtsaufnahmen verliert, die jeden Versuch der Sinnzuweisung von sich abprallen lassen.

Doch das eigentliche Erlebnis beginnt erst, nachdem das Filmmaterial mitten in der Geschichte plötzlich in Flammen aufzugehen scheint. Nach einer kurzen Unterbrechung, die immerhin lang genug ist, um das Publikum in gehörige Unruhe zu versetzen, verwandelt sich die Szenerie, die Verbindung mit dem ersten Teil stellt nur ein Schauspieler (Banlop Lomnoi) her, der allerdings die Rolle wechselt und jetzt einen mythologisch aufgeladenen Tiger jagt, der sich bisweilen in ein menschenähnliches Geschöpf zu verwandeln scheint. Nun verlässt Tropical Malady endgültig das sichere Gewässer des Erzählkinos und führt die Zuschauer in den Dschungel, der einerseits fast körperlich fühlbar wird und andererseits visuell und akustisch nicht einmal ansatzweise erschlossen werden kann. Minutenlang Schatten auf halbdefinierten, wandelbaren Körpern, Geräusche, die einer anderen Sphäre anzugehören scheinen als der Unseren, leuchtende Bäume, eingeschobene mysteriöse Zwischentitel.

Tropical Malady

Einen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Teilen des Films suchen zu wollen, ist ebenso unvermeidlich wie das Scheitern dieses Versuchs. Der zweite Abschnitt des Films scheint, soweit dies möglich ist, vor jeder Bedeutung, oder besser vor jeder Interpretation zu liegen, weckt aber dennoch Assoziationen verschiedenster Art, von Jacques Tourneurs Katzenmenschen (Cat People, 1942), in welchem ebenfalls die Grenzen zwischen Mensch und Raubkatze verschwinden bis zu den frei komponierten optischen Visionen aus Stan Brakhages Dog Star Man (1962-64). Vor allem ermöglicht Tropical Malady eine sehr intensive sinnliche Erfahrung, bietet stellenweise reines Körperkino, und ist – selbstverständlich nur in dieser Beziehung - höchstens mit Filmen vergleichbar, die auf den ersten Blick am entgegengesetzten Ende des Spektrums der Kinolandschaft liegen, nämlich aktuellen Blockbustern im Stile von Krieg der Welten (War of the Worlds, 2005). In jedem Fall aber erscheint das thailändische Filmabenteuer wie ein faszinierender Fremdkörper unbekannter Herkunft in der aktuellen Kinolandschaft.

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