Elite Squad

Korruption und Totschlag. Die Fortsetzung des Berlinale-Gewinners von 2008 ist weniger direkt als ihr Vorgänger und versucht stattdessen systemübergreifende Zusammenhänge von Macht und Gewalt darzustellen.

Tropa de Elite 2 01

Als José Padilhas zweiter Spielfilm Tropa de Elite (2007) mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis der brasilianische Regisseur den von ihm etablierten filmischen Stoff weiterentwickeln würde. Der Film war, genau wie die aktuell auf dem deutschen DVD-Markt erschienene Fortsetzung, einer der erfolgreichsten in der Geschichte Brasiliens mit jeweils über elf Millionen Zuschauern.

Die Welt ist ein Höllenschlund

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Die Story dreht sich bei beiden Filmen im Kern um die auch in der Realität operierende Elite-Einheit BOPE (kurz für: Bataillon für spezielle Polizeioperationen), deren Methoden und Autonomie immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Im Mittelpunkt steht dabei der – im zweiten Teil mittlerweile  zurückgetretene – Offizier Nascimento (Wagner Moura), der sich immer noch mit einer permanent von Verbrechen und Gewalt beherrschten Welt konfrontiert sieht. Er wird wieder, wenngleich auf variierte Weise, zur Schlüsselfigur, wobei er seinen Panzer aus Kontrollsucht und Kälte niemals abstreifen kann; als Mann der Gewalt wird er zum obersten Berater der Regierung befördert, zum taktischen Spezialisten für die nationale Sicherheit. Durch regelmäßig eingesetzte Voice-over wird er erneut als Ich-Erzähler installiert, der dem Zuschauer aus recht erhabener Perspektive Einblicke in die mittlerweile geradezu mafiösen Machtstrukturen verschafft.

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Tatsächlich war der erste Teil mit seiner starken Ästhetisierung von alltäglicher, unbarmherziger Gewalt ein enormer Genrebeitrag, der sich – nicht zuletzt aufgrund seiner politischen Selbstreflexivität – immer noch in den Regalen ausgesuchter Videotheken und in aller Munde befindet; sein von vielen Kritikern angesprochener Stellenwert als Gegenentwurf zu Fernando Meirelles’ City of God (Cidade de Deus, 2002) lässt ihn als entromantisierte, erwachsene Version der Ghetto-Kriege in Rio de Janeiro erscheinen. Diese Welt ist ein Höllenschlund, das machen uns alle diese Filme klar. Elite Squad zieht den Zuschauer trotz seiner sequenziellen Distanzierung keineswegs aus diesem Schlund heraus, sondern macht nur umso stärker klar, dass ein sadistischer Mord am kleinen Drogendealer nur die aufgedröselte, unbedeutende Version eines gesamtstaatlichen Komplotts ist.

Ein Polizeisystem am Pranger

Dieser staatlichen Obergewalt widmet sich die Fortsetzung immer stärker. Wir folgen Nascimento bei seinem Aufstieg zum oberen Beamten und bei der systematischen Aufrüstung des BOPE, die von der Bevölkerung wie eine friedenstiftende, heilsbringende Großmacht gefeiert wird. Es sind gerade die Medien, die in Padilhas Fortsetzung eine elementare Schlüsselrolle spielen. Rund um die Uhr projizieren sie die „Rettungsaktionen“ des BOPE auf den nationalen Bildschirmen, stellen sie der etwas selbstgefälligen, wenngleich häufig klug inszenierten Polit-Show von Fortunato (André Mattos) gegenüber und lassen unterm Strich viele der Beteiligten als hölzerne Marionetten erscheinen, deren Fäden von oberster Hand gezogen werden.

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Im Vergleich zum ersten Teil wird auch das Familienleben von Colonel Nascimento deutlich in den Vordergrund gestellt. Seine Frau und seinen Sohn hat er, zumindest für sich, fast völlig verloren. Die beiden haben sich Diogo Fraga (Irandhir Santos) anvertraut, einem Denker und Theoretiker, der genau wie Nascimento in die Vorfälle des BOPE involviert war, es sich aber zur Lebensaufgabe gemacht hat, das korrupte Polizeisystem mit all seinen Schwächen an den Pranger zu stellen. Bezeichnend ist hierbei die Szene von Nascimento mit seinem Sohn, der sich weigert, auf dem gerade begonnenen Karate-Turnier zu kämpfen: „Ich will nicht so sein wie du, der andere Menschen umbringt.“ Nascimento hingegen bezeichnet die Thesen und Erklärungen Fragas als „Scheiße“, die seinem Sohn ins Gedächtnis gefüllt werde.

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Während die sozialpolitische Kritik unverkennbar ins Zentrum gerückt ist, funktionieren Anfang und Ende von Elite Squad überaus elliptisch und führen erneut zum Schauplatz der rohen Gewalt zurück. Die Straße ist nach den Geschehnissen des ersten Teils noch blutverschmierter, noch korrupter und noch perverser als vor den erzählten 13 Jahren. Wenn der Film eines deutlich macht, dann, dass nach Jahren des Ausharrens, des Protestes und der versuchten Weiterentwicklung (am deutlichsten merkt man dies am überdrüssigen, gealterten Gesicht von Moura) die Schlinge des unmittelbaren Verbrechens immer enger gezogen wurde.

Trailer zu „Elite Squad“


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