Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee

Die Umrundung ist die Vervollkommnung der Reise. Stanislaw Mucha macht das Schwarze Meer zu einem Abdruck des 20. Jahrhunderts, das in eine ungewisse Zukunft blickt.

Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee 03

Alles beginnt mit Ovid. Im Herbst des Jahres 8 nach Christus. Der römische Dichter und seine Werke waren dem gerade eingesetzten Kaiser Augustinus zu liederlich, und so musste Ovid widerwillig sein geliebtes Arkadien am Tiber verlassen und wurde kurzerhand nach Constanta am Schwarzen Meer umgesiedelt, an die absolute Peripherie des Imperiums also, nur einen Steinwurf von der vollendeten Kulturlosigkeit entfernt. Die Stadt, die auf Deutsch übrigens Konstanz heißt, liegt heute in Rumänien. Und die Hafeneinfahrt ziert ein riesiges Denkmal Ovids. Dieser hatte zeit seines Lebens hart mit Constanta gerungen: der schneidende Wind, das fade Essen, die latente Barbarei der mit Müh und Not romanisierten Einheimischen – all das verleidete dem Exilpoeten seine abgehobene Künstlerexistenz. Und so wirft man in Constanta noch heute skeptische Blicke auf Ovids Denkmal, er ist eine Art Sinnbild für die Invasion des Fortschritts und der Fremdherrschaft, etwa nach dem Motto: „Seht her, wir haben es mit der Zivilisation versucht, aber es hat einfach nicht funktioniert. Das ist traurig, aber vielleicht auch besser so.“ Das Schwarze Meer, eine Welt zwischen den Fronten der Imperien, ein Kleinod von Welt. Ein Rückzugsort, an dem man noch zwanglos melancholisch sein darf. Ovid nannte seine Klagelieder Tristia.

Anekdoten in der Brandung

Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee 09

Doch wäre die Lyrik eine falsche Herangehensweise an Stanislaw Muchas dokumentarischen Film. Dessen Methode ist eher archäologisch, im Stile einer leidenschaftlichen Expedition lichtet er die Menschen ab, die an den weiten Küsten des Schwarzen Meeres den Lauf der Zeiten überdauern. Und die abseits der politischen Großwetterlagen einfach sie selbst sein dürfen, zumindest am Meer: Immer wieder sehen wir Menschen am Strand, badend, spazierend, beobachtend. Als würden die Missstände, die in den Straßen von Odessa desillusioniert die Runde machen, am Strand sanft weichgespült – das Schwarze Meer als gelebte Integration des Menschen mit sich selbst. Mucha lässt die Vielfalt der Menschen zu ihrem Recht kommen, hier darf man eine Type sein, hier darf man noch die guten alten Anekdoten zum Besten geben. Wie große Kinder lassen sich die Sommergäste von der Brandung massieren. Ein urwüchsiges Panorama entsteht, das ein wenig an die Methoden der frühen Fotografie erinnert, den Menschen zu typisieren, ihn in einem neuen Medium für immer zu verewigen. Mucha gelingt das ohne Standesdünkel und mit einer gut dosierten Prise Empathie.

Die Kontamination des Kapitalismus

Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee 10

Eine ideale Welt ist es jedoch nicht, die wir in Tristia – Eine Schwarzmeer-Odysee bereisen. Der lange Arm der Macht und des Geldes, er greift unverhohlen nach der rentablen Schönheit der See. Neben den Badenden im subtropischen Sotschi gähnen die fast außerirdisch anmutenden olympischen Eislaufhallen in die Leere der schwülen russischen Riviera. Die Kontamination mit dem Kapitalismus erscheint als eine gigantische Deformation der Umwelt und der Körper. Im rumänischen Varna begibt sich Mucha in die Untiefen des EU-erweiterten Billigtourismus: Botoxspritzen werden für 100 Dollar direkt am Strand gesetzt, und abends wird die Miss Silicon Beach gewählt, je aufgespritzter die Lippen, desto größer die Chance. Diese falsche Welt erregt eine Mischung aus Abscheu und Mitleid, wir wünschen uns fast die mückenverseuchten Sümpfe und endlosen Weiten zurück. Immerhin sehen wir die Ukraine noch vor Beginn der Krise. Und die Krim darf sein, was sie schon immer war: Ein Sehnsuchtsort, für Russen wie für Ukrainer.

Die erlösende Welt des Wassers

Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee 06

Dieses Wechselspiel ist die eigentliche Partitur von Tristia. Politik und Natur, Veränderung und Stillstand überkreuzen und befragen sich. Ein wenig, als würde man das 20. Jahrhundert fragen: „Na, war es das wert?“ Letztlich geht es in Tristia nicht um das Meer, es geht um alles außer dem Meer. Denn in der Welt des Wassers gibt es keine Zwänge, keine Fragen. Mucha würde die Menschen am liebsten ins Meer zurückstoßen. In einer Szene sehen wir Jugendliche, die auf einer Kaimauer immer wieder vor der Gischt fliehen, nur um sich erneut der Bedrohung auszuliefern. Die bedrohliche Faszination der Freiheit, der Einigkeit mit der Natur, sie hat den Menschen nie verlassen. Sie ist vielleicht der schönste geheime Wunsch, den wir haben: einfach wieder ins Wasser zurückgehen, und vergessen.

Trailer zu „Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.