Trip to Asia – Die Suche nach dem Einklang

Die Berliner Philharmoniker sind eine Institution. Nicht nur in Europa, auch in Asien. Bei einer Konzertreise durch sechs asiatische Metropolen war die Kamera immer mit dabei.

Trip to Asia

Als vor vier Jahren die Dokumentation Rhythm is it! in unseren Kinos anlief, glaubte wohl kaum jemand, dass der Film mehr als 400.000 Besucher finden und sich über Monate in den Arthouse-Charts halten würde. Dabei lässt sich dieser Erfolg durchaus plausibel erklären. So hatte Rhythm is it! im Gegensatz zu vielen anderen Dokumentationen eine positive, aufbauende Geschichte zu erzählen, die den Zuschauer nicht deprimierte sondern mit einem guten Gefühl und Zuversicht gewissermaßen „infizierte“. Über 250 Jugendliche aus allen sozialen Schichten und oftmals mit Migrationshintergrund sollten zu klassischer Musik ein streng choreographiertes Tanzstück aufführen. Unterstützt wurden sie von niemand Geringerem als den Berlinern Philharmonikern unter ihrem Dirigenten Sir Simon Rattle. Viele Kinder blühten während der Proben regelrecht auf. Sie erlebten Fürsorge, Ansprache und ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Während der Dreharbeiten entwickelte sich ein intimes, sehr freundschaftliches Vertrauensverhältnis zwischen Regisseur Thomas Grube, Sir Simon Rattle und vielen Musikern des Orchesters. So kam es, dass Grube gefragt wurde, ob er nicht die Philharmoniker auf ihrer Asien-Konzertreise Ende 2006 mit der Kamera begleiten wolle. Das Ergebnis dieser Tournee durch sechs asiatische Metropolen heißt selbsterklärend Trip to Asia.

Trip to Asia

Beginnend in Peking, über Seoul, Shanghai, Hong Kong, Taipei und Tokio geben die 126 Musiker, allesamt Ausnahmekönner ihres Fachs, in den großen Konzerthallen Partituren von Thomas Adès „Asyla“, Beethovens „Eroica“ und Richard Strauss’ „Heldenleben“ zum Besten. Grube und mit ihm der Zuschauer sind im Stil von Sönke Wortmanns WM-Soap-Opera Deutschland – Ein Sommermärchen immer ganz nah bei den Akteuren. Sei es beim Einchecken im Hotel, während der spärlich gesäten Freizeit, die manche der Musiker für Stadtbesichtigungen nutzten, bei der Generalprobe oder schließlich beim eigentlichen Konzert – den vier Kameras scheint nichts zu entgehen.

Im Gegensatz zu Rhythm is it! , wo es vor allem um die Dokumentation eines sozialen Experiments ging, dreht sich dieses Mal alles um die Berliner Philharmoniker. Dabei taucht Trip to Asia tief in den Mikrokosmos eines der traditionsreichsten Symphonieorchester ein. In einer Vielzahl von Interviews, die Grube während der Reise mit den Musikern führte und auf die der Film viel Zeit verwendet, erhält man einen Einblick in unterschiedliche Persönlichkeiten und Egos. Einige wie Oboist Albrecht Meyer geben offen zu, dass sie im Spiel nicht zuletzt Bestätigung suchen. Andere wiederum beschreiben ihre Zweifel auf dem steinigen Weg zu einem Weltklassemusiker, ihre Ängste während der Probezeit und den Druck, den sie sich selber auferlegten.

Trip to Asia

Wie Sir Simon Rattle es an einer Stelle auf den Punkt bringt, geht es bei seiner täglichen Arbeit mit dem Orchester um die Suche nach dem Einklang – mit sich selbst und den anderen. Aus vielen Stimmen ein harmonisches Ganzes zu formen, darin liegt die größte Herausforderung für einen Dirigenten. Und so handelt Trip to Asia nicht zuletzt vom Widerstreit zwischen Ego und Gemeinschaft, wobei der gesamte Film erkennbar als Parabel auf das Miteinander in einem größeren Kontext angelegt ist.

Demgegenüber spielen die sechs Konzertorte und das gesamte Asien-Thema nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl Grube die Musiker auch bei kleineren Ausflügen begleitete und Bilder aus den jeweiligen Metropolen unter die Konzertaufnahmen und Interviews mischt, gibt der Kontinent und seine Menschen nicht mehr als eine exotische Hintergrundkulisse ab. Wie zum Beweis beschränken sich die Impressionen zumeist auf plakative Vergleiche zwischen Moderne und Tradition, wenn das hektische Großstadtleben in westlich geprägten Business-Zentren wie Hongkong gegen buddhistische Tempelanlagen und Klöster geschnitten wird.

Trip to Asia

Subtiler ging da schon Simon Stockhausen – Sohn des kürzlich verstorbenen weltbekannten Komponisten Karlheinz Stockhausen – bei der Zusammenstellung seiner Klangcollagen vor. In diesen verwob er Original-Aufnahmen von rituellen Gesängen, Straßenlärm oder anderen Geräuschfetzen mit elektronischen Akkorden und Rhythmen. „Malen mit Klängen“ nennt er diese Herangehensweise, die dem Film abseits seiner eigentlichen Konzertsequenzen ein nur schwer fassbares, beinahe hypnotisches Grundrauschen verleiht.

Trip to Asia unterscheidet sich ganz deutlich von Rhythm ist it! . Weil er im Gegensatz zu letzterem keine echte Dramaturgie aufweist, keine Entwicklung oder einen Prozess schildert, sondern dem Orchester lediglich streng nach Zeitplan von einer Tourneestation zur nächsten folgt, stellt sich mitunter ein Gefühl der Monotonie ein. Ohne die aufschlussreichen, intimen Interviews – das eigentliche Herzstück von Grubes Film – würde Trip to Asia vermutlich in der Masse der Konzert- und Musik-Dokumentationen ungehört und ungesehen untergehen.

Trailer zu „Trip to Asia – Die Suche nach dem Einklang“


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