Triff die Elizabeths

In seinem Debütfilm schickt Regisseur Lucien Jean-Baptiste eine fünfköpfige schwarze Familie in den Skiurlaub und schafft eine leise Komödie, die mehr erreicht als manches sozialkritische Filmdrama.

Triff die Elizabeths

Der arbeitslose und notorisch mittellose Jean-Gabriel Elizabeth (Lucien Jean-Baptiste) lebt mit seiner weißen Frau Suzy (Anne Consigny) und seinen drei Kindern in Créteil, einer Banlieue von Paris. Sein zusammengejobbtes Geld verjubelt er im Wettbüro, während seine hart arbeitende Frau mit Mühe die Familie ernährt. Als Jean-Gabriel am Familientisch großspurig seinen drei Kindern einen Winterurlaub in Aussicht stellt, ist es bei Suzy aus. Sie ist die ewigen unhaltbaren Versprechungen ihres Mannes und dessen tagträumerische Verantwortungslosigkeiten leid. Entweder er kriegt sich augenblicklich in den Griff, oder sie lässt sich scheiden. Die Kinder indes sind hellauf begeistert. Um weder die Kinder zu enttäuschen noch seine Frau zu verlieren, muss Jean-Gabriel erwachsen werden und seinen drei Kindern einen Urlaub im Schnee bieten.

Der von der französischen Karabikinsel Martinique stammende Schauspieler Lucien Jean-Baptiste nimmt sich für sein Regiedebüt viel vor: Er will seine Familienkomödie aus der Sicht einer ethnischen Minorität, aus Sicht der schwarzen Einwohner Frankreichs erzählen. Dies impliziert die thematische Auseinandersetzung mit latentem Rassismus, Ausgrenzung, Integrationsproblemen, Arbeitslosigkeit und Ghettoisierung – Themen, die oftmals Grundlage sozialkritischer Filmwerke dramatischer Prägung sind. Sich diesen Themen in Komödienform zu nähern ist zweifelsfrei ein respektabler Anspruch. Und diesem Anspruch wird Triff die Elizabeths  (La première étoile) erfolgreich gerecht.

Dabei gilt das Interesse des Films weniger einer Analyse, sondern vielmehr einer beiläufigen Darstellung bestehender Zustände. So sorgt Jean-Gabriels Idee vom Winterurlaub in den Bergen zunächst für allerlei Heiterkeit bei Freunden und Bekannten. Zu abstrus ist das Bild einer schwarzen Familie im Schnee, zu groß scheint der vermeintliche Tabubruch und die zu überwindenden finanziellen Hürden zu sein. Dennoch nimmt der tagträumerisch-naive Jean-Gabriel für sich und seine Kinder etwas von der Normalität in Anspruch, die für weiße Wohlstandsbürger selbstverständlich scheint. Die verborgene Kritik ist subtil, denn sie richtet sich auch gegen eine hingenommene Ausgrenzung, die sich teilweise zum ideologischen Selbstverständnis der schwarzen Mitbürger verdichtet hat. So sorgt der Winterurlaub der Elizabeths denn auch schon mal für ein Handgemenge im schwarzen Frisiersalon und vereinzelten Anschuldigungen, „innerlich weiß“ zu sein. Die Problematik der Integration wird indes nicht verallgemeinert, denn am Ende sind es vor allem die monetären Nöte, die das Urlaubsprojekt gefährden und welche durch Jean-Gabriel zunächst geschickt überwunden werden müssen, indem er die Solidarität seiner – auch weißen – Freunde und Nachbarn einfordert.

Triff die Elizabeths

Auch Jean-Gabriels Kinder beanspruchen, ihrer altersbedingten Reflexionsfähigkeit entsprechend, eine gleichberechtigte Normalität, wie Triff die Elizabeths präzise zeichnet: Der fünfjährige Ludo (Ludovic François) ist erfüllt vom alterstypischem Tatendrang; er will was erleben, will sogleich Skifahren lernen, um sein erstes Ski-Abzeichen, den „ersten Stern“ zu erwerben. Die zehnjährige Manon (Loreyna Colombo) sucht wie selbstverständlich die völlige Integration. Sie nimmt aktiv für sich gleiche Rechte in Anspruch und will sich auch mit weißen Mädchen in der Sonne bräunen (!). Der tatsächlichen Welt am nächsten steht der verantwortungsvolle 15-jährige Yann (Jimmy Woha-Woha), der die Tagträumereien seines Vaters ablehnt und rebellische Wut in sich trägt. Er sieht sich eher auf dem Surfbrett denn auf einem Snowboard – vorerst. Erst als sich das weiße Madchen Juliette (Astrid Berges-Frisbey) für Yann interessiert, überwindet er seine Integrationsängste.

Diese unterschiedlichen Stadien des Erwachsenwerdens ermöglichen verschiedene Blicke auf das Selbstverständnis im Kontext ethnisch-sozialer Integration und bilden ein abgestuftes Gesamtbild zwischen kindlicher Naivität und Ernüchterung. Für letztere steht hier Mutter Suzy. Anne Consigny (Man muss mich nicht lieben, Je ne suis pas là pour être aimé, 2005) zeichnet diese Figur als Realistin, der zunehmend die Kraft fehlt, die Realitätsferne ihres Mannes zu ertragen. Sie fordert ihren Mann heraus: Indem er sich den multiplen Schwierigkeiten seines Urlaubsprojekts allein stellt, soll er erwachsen werden und in der Realität ankommen. Und so verweigert sie auch die Teilnahme am Urlaub und bleibt zu Hause. Für sie startet Jean Gabriels Mutter (Firmine Richard) in den Urlaub: die Großmutter weiß, dass Männer nichts taugen, hat ihren Sohn allein großgezogen und steht somit als resolute Respektsperson mit integrativen Fähigkeiten mitten in Familienleben. In dieser Figuration nun erprobt der Film das Vordringen in die weiße Urlaubswelt.

Triff die Elizabeths

Das Besondere an Triff die Elizabeths ist, dass die Figurenzeichnung nicht karikierend wirkt, sondern die Protagonisten sämtlich ernst nimmt. Die aufkommende Komik entwickelt sich zum einen aus dem Kontext der Handlung zur Grundidee selbst, aus situativen Arrangements sowie aus dezenten politischen Subtexten, etwa wenn Manon bei einem Gesangswettbewerb als einziges schwarzes Mädchen „Ma France“ des linken Chansonniers Jean Ferrat intoniert. Frei von Agitation oder behaupteten Verallgemeinerungen lässt der Film die Probleme von Integration und Rassismus, von Ressentiments und Vorurteilen mittelbar und dezent auf die handelnden Figuren einwirken. Hieraus gewinnt er seine unaufgesetzte und leise Komik mit leicht tragischer Note. 

Dass der linear-konventionell erzählte Film – trotz einiger Langatmigkeiten – durchaus seine Spannung zu halten vermag, liegt vor allem an seiner sympathischen Art, für die bestehenden Probleme zu sensibilisieren. Der Zuschauer wünscht sich am Ende ein Gelingen dieses Winterurlaubs, allen Widerständen zum Trotz.

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Kommentare


Martin Z.

Man muss schon das Herz sehr weit öffnen, die Toleranzschwelle auf ganz niedrig stellen und den Verstand abschalten, um diese platte Komödie zu ertragen. Hauptdarsteller, Regisseur und Drehbuchautor in einer Person, was bleibt da noch für die anderen: nur Statistenrollen. Die vorhersehbare Handlung ist vollgestopft mit eindimensionaler Komik, oft unterstützt durch Rumgehampel und Schreierei. Lustig ist etwas anderes! Nicht einmal zu echten Slapsticks reicht es. Dafür gibt es dann eher sonderbar spießige Dialoge, die wegen der Diskrepanz zur Realität im Film lustig wirken sollen, aber eigentlich immer nur eine gewisse Sorglosigkeit und Wirklichkeitsferne dokumentieren. Man sehnt das Happy End herbei, nicht wegen dem Happy sondern wegen dem End oder anders gesagt, man ist happy, dass es zu Ende ist. Und dann gibt da noch so ein total überflüssiger Epilog diesem Ende den verdienten Rest. Der Aufforderung des deutschen Titels möchte ich keineswegs nachkommen. Und der des Originals trifft nur für einen kleinen eigentlich unwesentlichen Teil am Ende zu. Wie kann dieser Film nur irgendwann einmal ein Publikumsliebling gewesen sein???






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