Trennung

Amos Gitais neuer Film versucht vor dem Hintergrund eines familiären Dramas auf das politisch-öffentliche Elend aufmerksam zu machen. Während der Beginn des Films zu plakativ wirkt, verliert er sich später in den Wirren der Ereignisse.

Trennung

Dass Amos Gitai in seinen Filmen oft daran liegt, Aufmerksamkeit auf die politischen Ereignisse des Nahen Ostens zu lenken, wird auch in seinem neuesten Werk deutlich. Auf der Beerdigung ihres Vaters erfährt Ana (Juliette Binoche), dass ihre Tochter (Dana Ivgy), die sie vor zwanzig Jahren zur Adoption frei gegeben hat, in Israel lebt. Zusammen mit ihrem israelischen Stiefbruder (Liron Levi) macht sie sich durch den letzten Willen des Vaters dazu getrieben, auf, ihre Tochter zu suchen. Sie gerät dabei mitten in die militärische Räumung der israelischen Siedler aus dem umstrittenen Gazastreifen im Jahr 2005.

Fast schon klassisch wirkt die Zweiteilung des Films: Erst nach der Hälfte seiner 115-minütigen Laufzeit verlässt er die Geschehnisse in Avignon in der Provence, um nach Israel zu wechseln. In der ersten Hälfte des Films dominieren Innenaufnahmen in dunklen, großen Zimmern den Film, während die zweite Hälfte unter dem freien Himmel in einem der größten Krisengebiete der Welt spielt.

Trennung

Die Handschrift des israelischen Regisseurs, wie sie einem westlichen Publikum vor allem zuletzt durch Free Zone (2005) bekannt sein dürfte, ist auch in Trennung deutlich zu erkennen: Lange, ruhige Einstellungen der Kamera auf die Ereignisse in den Räumen des Hauses in Frankreich und das Verweilen auf dem Moment der Szenerie, welches sie fast zum Standbild gefrieren lässt, zeichnen seine Arbeit und die seines Kameramannes Christian Berger aus. Erst durch die späteren Unruhen im Gazastreifen wird die Kamera dynamischer, wenngleich auch nicht hektischer in ihren Bewegungen. Fast schon sachlich dokumentiert sie die Übungen der israelischen Polizei, die das Militär beim Vorgehen gegen die Siedler unterstützt, und das spätere Vorrücken gegen das eigene Volk. Die ruhige Führung der Kamera wirkt wie ein Gegenpol zu jenen hektischen Bildern, die durch die Nachrichten oder andere Berichterstattung aus diesem Teil der Welt geliefert werden. Während Letztere durch ihre Häufung zur Routine und zum Gegenstand eines kulturellen Gedächtnisses werden, evoziert im Film die Inszenierung eine andere Form der Alltäglichkeit.

Durch den deutschen Verleihtitel Trennung geht die semantische Mehrdeutigkeit des Titels verloren: Der französische Begriff des désengagement kann nämlich sowohl die Abkopplung, als auch die Trennung von einer geliebten Person bezeichnen, wie der Tod des Vaters, der einstige Verlust der Tochter, und auch das Ausrücken in einem technischen Sinne, wie sie durch das israelische Militär verkörpert wird.

Trennung

Der Film folgt dabei mehr Binoches Figur Ana, als ihrem Bruder Uli, der in manchen Szenen, ähnlich wie der Auftritt Jeanne Moreaus, eher wie Dekor wirkt und schweigend im Hintergrund verweilt. Wohingegen Ana im ersten Teil des Films eine überdrehte, zur Alberei neigende Frau ist, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen will und nur erleichtert ist, in einem Zug sowohl den verhassten Vater als auch den ungeliebten Gatten losgeworden zu sein, von dem sie sich kurz vorher getrennt hat, wechseln auch die Ausrichtung der Figur und Binoches Spiel in der zweiten Hälfte. Hier findet sie sich schnell in ihre Rolle als Mutter ein, die nach langer Zeit endlich ihre Tochter wieder gefunden hat. Die Sprachbarriere, die im Film, der in weiten Teilen die hebräische Sprache untertitelt, oft thematisiert wird, verliert immer mehr an Bedeutung. Zwischen Mutter und Tochter bedarf es keiner gemeinsamen Sprache. Als Ana jedoch auf eine Gruppe von Palästinensern trifft, die sie als vermeintliche Israeli auf Arabisch beschimpfen, fühlt sie sich angegriffen und gelähmt, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Zwischen den Fronten ist sie weder zu einer Bewegung, noch zum Verstehen in der Lage.

Trennung

Die schauspielerische Leistung Binoches ist ein absoluter Höhepunkt des Films, nur getrübt von einer manchmal leicht schiefen Synchronisation. Die Zweiteilung in der Dramaturgie kommt ihm hingegen nicht zu Gute. Zwar wirkt die Handlung in der zweiten Hälfte nicht aufgesetzt, dennoch bekommt man als Zuschauer den Eindruck, dass Trennung ein Fragment bleibt und viele Dinge nicht aufgreift, die sich hier anbieten würden. Die sehr subjektive und private Geschichte, die der erste Teil erzählen will, wird nicht fortgesetzt und verliert sich im Großen der Politik. Zwar beeindruckt das beengte Kammerspiel um den toten Vater und seine immer noch zu spürende Allmacht in der Familie durchaus, dennoch erwecken die Bilder den Eindruck, dass sie nur die Vorbereitung sind für das, was kommt.

Der Film bleibt in beiden Teilen elliptisch: Dem Schicksal der Siedler geht er nicht nach und Uli wird zu einer Nebenfigur. Seine innere Zerrissenheit wird nur am Rand eingebracht, als er sich in einem Wutanfall fragt, warum er eigentlich in dieses Gebiet zurückgekommen ist. Die große Geschichte des Elends im Gazastreifen wird hier bebildert, das einzelne Drama kommt dabei zu kurz. Gitai muss es auch nicht darum gehen, den Konflikt, der in Gaza stattfand, verständlich zu machen, dennoch können beim Zuschauer Fragen offen bleiben, die es verhindern, sich auf die weitere Entwicklung der Figuren einzulassen. Die Verquickung von privater Geschichte und öffentlichem Zeitgeschehen und Politik geht dabei nicht auf, da die Trennlinien zu scharf verlaufen. Dass der Film endet, ohne die Geschichte von Ana und ihrer Tochter zu Ende zu erzählen, wirkt dabei nicht wie eine hermeneutische Öffnung für den Zuschauer, die diesem somit die Deutungshoheit überlässt, sondern einfach nur abrupt und bis zu einem gewissen Grad ärgerlich.

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