Traumfabrik Kabul

Alltag und Exploitation: Sebastian Heidinger zeigt in seinem Porträt einer kämpferischen Filmemacherin ein ungewohntes Bild von Afghanistan.

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Der westliche Blick auf den Afghanistankrieg manifestierte sich zuletzt in Dokumentationen, die in ihrer Perspektive Kathryn Bigelows Irakkriegsfilm Tödliches Kommando – The Hurt Locker (The Hurt Locker, 2008) zu folgen scheinen. Restrepo – Die blutige Wahrheit des Krieges (Restrepo, 2010) und Camp Armadillo (Armadillo, 2010) dokumentieren den außer Kontrolle geratenen Konflikt grafisch und gnadenlos als scheinbare Bestätigung der täglichen Nachrichtenbilder. Die Filme zeigen zwei Parteien, zwischen denen Unverständnis oder gar Schweigen herrscht: Soldaten, die sich in ihren Forts vor einem unsichtbaren Feind verbarrikadieren, Einheimische, die sich gleichermaßen von westlichen Truppen und den Taliban bedroht fühlen. Dabei bedienen sich beide Filme einer artifiziellen Ästhetik, die dem Zuschauer aus der Helmperspektive der Soldaten die Realität des Konfliktes ins Gedächtnis zwingt. Beide Filme sind wichtige Zeitdokumente, allerdings fördern sie auch das Bild, Afghanistan sei nur das eine: Krieg.

Mit Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen (2010) und Traumfabrik Kabul kommen jetzt zwei Dokumentationen in die Kinos, die Afghanistan durch eine andere Brille begreifen wollen. Beide formulieren das Bedürfnis, über den militärischen Konflikt hinaus etwas über die versteckten Kriege zu erfahren, die abseits der Schlachtfelder toben. Während Generation Kunduz anhand der Geschichten fünf junger Afghanen über das Land berichtet, spürt Traumfabrik Kabul einer außergewöhnlichen Frau nach.

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Diese Frau heißt Saba Sahar. Sie ist in Afghanistan noch eine Ausnahmeerscheinung, die dafür kämpft, dass sich das ändert. Als Polizistin, Schauspielerin, Regisseurin und erste lizensierte Filmproduzentin des Landes setzt sie sich für die Rechte der afghanischen Frauen ein. Mit ihren Filmen holt sie zum Gegenpropagandaschlag aus und sagt der Gewalt gegen Frauen den Kampf an. Ihre actiongeladenen Produktionen schwanken zwischen Exploitation und Lehrfilm. In einer Szene verprügelt Sahar zu 90er-Jahre-Rave als Superheldin in Eastern-Manier zwei Übeltäter und zeigt in einer anderen einen Vater, der beim Imam erfragt, ob der Koran weibliche Polizisten erlaubt.

Die Dreharbeiten zu ihren Filmen finden unter widrigsten Umständen statt, die Finanzierung ist ein ständiges Problem, und die kritischen Inhalte machen Sahar zur Zielscheibe. Ihre Verzweiflung und Frustration zeigt Sahar aber nur selten. So erzählt sie wie beiläufig, dass ihr Auto beschossen wurde, und verrät durch ihre harte Schale doch mehr von sich, als sie möchte.

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Der Regisseur und dffb-Absolvent Sebastian Heidinger hat diese mutige Frau bei ihren täglichen Anstrengungen begleitet. Dabei enthält sich die Kamera Alexander Gheorghius in Traumfabrik Kabul jeglichen Kommentars und lässt Sahar und ihre Filme für sich sprechen. Heidinger kontrastiert die Exploitation aus Sahars Filmen mit seinem zurückhaltenden Porträt der Hauptfigur. So entstehen Freiräume, die ganz ohne das Explizite von Restrepo und Camp Armadillo den Betrachter indirekt mit Afghanistan konfrontieren. Indem Heidinger viel Zeit darauf verwendet, Sahar bei Alltäglichem zu zeigen, schafft er Anschlusspunkte für den Zuschauer. Wenn man sieht, dass selbst eine Frauenrechtlerin wie Sahar beim Einkaufen eine Burka trägt, um weniger bezahlen zu müssen, verrät das viel über die afghanische Lebensrealität.

Oft unvermittelt wird die Dokumentation durch überzeichnete Actionszenen aus Sahars Filmen gebrochen, die unterstreichen, wie weit weg die westliche Normalität vom afghanischen Alltag ist. Die amateurhaft wirkende Reproduktion des oberflächlichen Blockbusterkinos verdeutlicht als Stilmittel Sahars Forderung nach Menschlichkeit. Und so steht die Traumfabrik Kabul auch für ein anderes Produkt und für andere Sehnsüchte als Hollywood. Mit ihrem mobilen Kino reist sie in entlegene Provinzen, wo ihre Filme einen Diskurs anregen können. Das weckt die Hoffnung, dass Saba Sahars Träume irgendwann zumindest teilweise Realität werden.

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Am Ende macht Heidinger die Widersprüchlichkeit dieses vom Krieg zermürbten Landes noch einmal deutlich: Sahar sitzt in einem Pavillon am Rande eines Sees. In ihren Armen wiegt sie ihre neugeborene Tochter. Der Wind streicht durch die Vorhänge, sein Rauschen mischt sich mit den Klängen traditioneller Musik. Saba Sahar lächelt ein friedliches Lächeln, das stärker scheint als das Dröhnen der Kampfjets, die in diesem Moment über sie hinweg fliegen.

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