Transsiberian

Brad Andersons Film über ein Touristenpaar in der Transsibirischen Eisenbahn kann sich nicht so recht zwischen psychologischer Studie und Thriller entscheiden.

Transsiberian

Ein bisschen ist es, als wolle Transsiberian seine Zuschauer austricksen, indem er sie erst einlullt mit malerischen Bildern, in denen ein Zug auf der titelgebenden transsibirischen Eisenbahnlinie dahinfährt, durch weite, schneebedeckte Wälder. Später taumeln dann seine Protagonisten immer wieder durch diesen Schnee, der als menschenleere Weite natürlich lebensbedrohlich ist.

Roy und Jessie (Woody Harrelson, Emily Mortimer), ein amerikanisches Ehepaar in den Dreißigern, reisen durch diesen Winter von Peking nach Moskau. Er ist ein freundlicher, gefestigter Mensch, sie hat eine wüste, nicht nur angenehme Vergangenheit und in ihm Halt gefunden. Auf seine freundliche Weise hat er sie vor der Selbstzerstörung bewahrt, und sie fürchtet sich ein wenig davor: „Kill all my demons, and my angels might die, too“, warnt sie ihn einmal, und macht sich bald darauf selbst über ihr pathetisches Gerede lustig.

Transsiberian

Sie teilen sich das Abteil mit Carlos (Eduardo Noriega), einem lebenslustigen jungen Spanier, und dessen amerikanischer Freundin Abby (Kate Mara), die alles um sich herum zu beobachten scheint und selbst wenig sagt. Carlos weckt mit eindeutigen Anspielungen rasch die Dämonen aus Jessies Vergangenheit; bei einem zweisamen Ausflug mir ihr kommt es zu einem Streit, und danach wird die Lage rasch unübersichtlich. Zwei russische Polizisten (Ben Kingsley, Thomas Kretschmann) ermitteln, und Jessie verstrickt sich in nur zögerlich eingestandene Lügen.

Wie in den Matrjoschka-Puppen, die Carlos und Abby mit sich herumtragen und um deren Inhalt es den Polizisten vordergründig geht, führt jede ihrer Lügen dazu, dass ein bisschen mehr ans Licht kommt, welche Ziele die Personen hier verfolgen. Transsiberian entwickelt dabei aber vor allem ein sehenswertes Psychogramm seiner Hauptfigur Jessie; Mortimer verleiht ihr mit großer schauspielerischer Zurückhaltung eine Kombination von Verletzlichkeit und Härte, die ihre inneren Auseinandersetzungen, den Flirt und Kampf mit ihrer eigenen Vergangenheit deutlich spürbar machen.

Transsiberian

Der Film schwächelt allerdings ab dem Moment, da er sich eigentlich zu einem Thriller zu entwickeln scheint. Brad Anderson hatte 2004 mit Der Maschinist (The Machinist) nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht; bei Transsiberian hat er nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst. Er mag nie so ganz von der eher geruhsamen Geschwindigkeit seiner psychologischen Studie lassen, auch wenn die Handlung längst Fahrt aufgenommen hat.

So bleibt die Spannung mäßig, zumal sich die Wendungen des Geschehens schon frühzeitig ankündigen, nicht zuletzt auch in den fast platten Klischees, in denen Russland hier aus Sicht der amerikanischen Gäste zu sehen ist: lauter freundliche, trinkfeste Menschen, aber vor allem dann doch kalt, unwirtlich, korruptionsgeschüttelt und voller Krimineller. Und natürlich bietet auch die Miliz keinen Schutz: Milizionäre tauchen vor allem auf, um Verdächtige zu verprügeln. Angesichts des Umstands, dass Anderson als Inspiration für den Film eine eigene Zugfahrt auf der „Transsib“ vor zwanzig Jahren angibt, erscheint es doch etwas befremdlich, wie feindlich das Land hier gezeichnet wird.

Transsiberian

Jessie ist und bleibt aber das Zentrum des Films, der umso besser ist, je weniger die Kamera sie und vor allem ihr Gesicht verlässt. Fast fürchtet man, nachdem sie verzweifelt einen Ausweg aus ihren Lügen gesucht hat, der nicht zu noch mehr Gewalt führt, dass sie sich, durch ihre Erfahrungen jetzt von aller Wildheit gänzlich bekehrt, einfach in ein friedliches, gesetzestreues Leben mit Roy zurückziehen wird.

Die letzten Szenen des Films machen dann aber doch deutlich, dass diese Frau noch mehr im Leben sieht – das ist die angenehme Überraschung eines Films, dessen Verlauf ansonsten nichts dramatisch Unerwartetes bereithält. Man müsste schon ein reichlich unerfahrener Kinogänger sein, um nicht zu wissen, dass ein Film, der die Protagonisten in die Weite Sibiriens entführt, sie dann auch fast immer zu Fuß in die schneebedeckten Wälder jagt.

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Kommentare


Martin Z.

Bei diesem spannenden Winterthriller ist die Charakterzeichnung der Figuren besonders gut gelungen. Jessy (Emily Mortimer) ist skeptisch distanziert, trinkt nicht und fragt nach. Ihr Freund Roy (Woody Harrelson) ist etwas unbedarft, aber freundlich. Und dann ist da noch der supercoole Ben Kingsley, der recht ambivalent zwischen Drogendealer, Kommissar und Undercover Agent hin und herdriftet. Mit seinem Erscheinen ist die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers gefordert. Sonst versteht man einige Szenen später nicht.
Dabei fängt alles so harmlos an: eine muntere Reisegesellschaft fährt mit der Transsibirischen. Fast 30 Minuten sieht alles nach einem Werbefilm der Tourismusindustrie aus. Aber dann! Drogen sind im Spiel, wir wissen auch wer sie wo hat und können mit Jessy mitzittern. Es wird brutal. Den Kurieren geht es ans Leder, immer mit einer neuen Wendung verbunden. Am Ende kann man nicht so recht aufatmen. Da kommt noch so viel zusammen. Und Emily Mortimer spielt sie alle an die Wand. Ihre Mimik spricht Bände und das Drehbuch legt ihr auch die schönsten Sätze in den Mund ’Wenn du alle meine Dämonen tötest Roy, sterben vielleicht auch alle meine Engel!’ Aber auch Ben Kingsley äußert sich lyrisch über das Leben in der ehemaligen SU ’Damals lebten wir in der Finsternis, heute sterben wir im Licht.’
Spannend, voller Überraschungen, prominente Darsteller agieren in wunderschöner Landschaft.






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