Transcendence

Christopher Nolans Kameramann wechselt ins Regiefach und verliert dabei das ein oder andere aus dem Auge.

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Der Titel kommt schon einmal recht protzig daher, bedenkt man, wie viel Philosophie um den Begriff der Transzendenz herum betrieben wurde, wie viele Köpfe geraucht haben, um etwas zu beschreiben, was abseits unserer Erfahrung, unseres Bewusstseins, unseres sinnlichen Zugangs zur Welt liegt. Nicht minder protzig und in etwas heuchlerischer Bezugnahme auf all die verrauchten und rauchenden Köpfe verwendet der überkluge Dr. Will Caster (Johnny Depp) diesen Begriff in einem Vortrag zu seiner Erfindung eines gigantischen Computergehirns, mit allem Drum und Dran natürlich (Emotionen, Lernfähigkeit, Reflexionsvermögen etc.). Was genau man nun mit einem solchen Gerät anstellen kann, erklärt er dabei nicht so ganz, aber die gewiefte Pointe reicht ja einstweilen: Transzendenz. Dem bescheidenen Erschaffer einer künstlichen Intelligenz genügt es ohnehin erst einmal zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, Veränderung ist ihm dabei gar nicht so wichtig. Mit seiner Cyber-Technik jedenfalls können die Philosophen jetzt nach Hause gehen. Das ist vielleicht auch schon das erste dystopische Szenario, das Regieneuling Wally Pfister, bekannt vor allem als Kameramann von Christopher Nolan, also als Bilderlieferant für Kolossprojekte wie The Dark Knight (2008) und Inception (2010), hier entwirft.

Auf Christopher Nolans philosophischem Trampelpfad

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Ganz dem Nolan’schen Pfad ist Pfister aber nicht gefolgt. Transcendence ist sehr viel minimalistischer und linearer angelegt als die Schachtelfilme seines Mentors, der hier im Übrigen als ausführender Produzent tätig ist und möglicherweise auch die Telefonnummern von Morgan Freeman, der als weiser Technikpapa auftritt, und Cillian Murphy aktiviert hat. Eines aber teilen die beiden Herren zweifellos: den ambitionierten Denkanflug, den Hang zur großen These und auch die etwas unelegante Bruchlandung auf dem Terrain der philosophischen Ratgeberliteratur, auch wenn sich diese Landung bei Nolan immerhin noch in gewaltigen Kräften entlädt, die dem Auge nicht ganz zu Unrecht schmeicheln. Dass nun ein Überbewusstsein nicht ganz ungefährlich ist, erst recht nicht, wenn man zusätzlich noch das Bewusstsein eines echten Menschen darauf hochlädt, dass da auch mal was explodieren kann und dass das nicht jeder überleben wird, wenn so ein Gerät Bedürfnisse entwickelt, kann man sich gut vorstellen, aber das allein ist eben etwas mager, um diesen festlichen Begriff Transzendenz tatsächlich clever in die Pflicht zu nehmen.

Überleben im Kabelsalat

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Aber auch abgesehen von der lebensklugen Steilheit der Fragen und der entzaubernden Seichtheit der Antworten: Als dystopischer Entwurf einer Welt, von der wir – wie wir auch alle wissen – nicht allzu weit entfernt sind in Zeiten, in denen die Geheimdienste, Google oder Facebook zwar noch nicht mit autonomer Willensfreiheit, aber doch mit einem Gedächtnis ausgestattet sind, als ein solcher Weltentwurf also ist Transcendence höchst konventionell und temperamentlos strukturiert. Nach besagtem Vortrag wird Will von einer Gruppe technikskeptischer Terroristen angeschossen und dadurch vergiftet. Um ihn vom Tod zu bewahren, schließt ihn seine Frau Evelyn (Rebecca Hall) an den Bewusstseinsrechner an. Sein Geist hat also überlebt und kann nun ins Internet hochgeladen werden.

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Dort gebärdet sich nun dieser Geist als selbstgekrönter Kaiser, veranlasst große Geldtransaktionen und greift auf Überwachungskameras des ganzen Landes zu. „Ich bin überall“, antwortet Will seiner hilflosen Partnerin, als sie sich im Durcheinander der lebenserhaltenden USB- und Netzwerkkabel gerade mit der Situation anfreundet, dass ihr Geliebter fortan nur noch als digitale Reproduktion weiterbesteht. Die problematische Konstellation einer solchen Liebesbeziehung hat Spike Jonze mit Her (2012) vor Kurzem erst als Dilemma in der Kommunikation interpretiert. Für die Feinheiten und Absurditäten einer solchen cyber-platonischen Liebesgeschichte hat Drehbuchautor Jack Paglen allerdings wenig Zartgefühl. Das macht aber insofern nichts, als Pfister diese Bredouille ohnehin lieber in räumlichen Konfigurationen auflöst.

Transzendenz ist eine Raumpoetik – und nichts weiter als das

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Überall gleichzeitig zu sein, das gilt es also erfahrbar zu machen, ist es doch das große transzendente Moment, um das sich alles dreht und wendet. Während Jonze also nach dem „Sein“ fragt, sinniert Pfister eher über das „Überall“, und das auch auf recht sachkundige Art und Weise. Gespeist aus dem geballten Wissen der virtuellen Welt und mit der Energie eines gigantischen Solarkraftfeldes, erscheint Will auf unzähligen Bildschirmen gleichzeitig. In einer Handvoll menschlicher Körper, die sich sodann als Cyber-Zombies mit Superkräften durch die Gegend bewegen, kann er in direkte Interaktion mit der realen Welt treten, und letztlich wird er auch in Wunder wirkenden medizintechnischen Roboterextremitäten verkörpert, die sämtlichen Weltschmerz im Nu ausradieren können. Die Labore und Computerschaltstellen, die Wohnzimmer und die Schlafzimmer, all diesen Räumen ist dabei eine klare Grenze zwischen materiellen und virtuellen Orten abhanden gekommen. Wo die Tiefendimensionen aufhören und die Projektionen beginnen, ist nicht mehr klar erkenntlich. Die Räume haben die Grenzen geschluckt; Transzendenz ist also eine Raumpoetik. Dass es auf der anderen Seite des poetischen Programms, der Liebesgeschichte und vor allem ihrer Tragik hier so fürchterlich an dramatischer Substanz mangelt, dass sie eher unglaubwürdig als bestürzend ist, eher albern – Will fürchtet an einer Stelle um die Liebe seiner Frau, nachdem er ihren Hormonspiegel analysiert hatte – als sehnlich inszeniert wird, ist vielleicht die wirklich große Enttäuschung von Transcendence. Georg Simmel sagte einmal, dass die Liebe zwar in der Welt entstehe, aber nur jenseits ihrer bestehen könnte; Liebe sei eine Gegenwelt, ergo: Transzendenz. – Eine von vielen spannungsreichen Fragen, die man stellen hätte können.

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