Transamerica

Duncan Tuckers tragikomisches Roadmovie erzählt die ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte einer transsexuellen Frau und eines Stricherjungen. Transamerica ist mutiges Independentkino, das Themen auf die Leinwand bringt, die Hollywood zu heikel sind.

Transamerica

Sind Menschen, die ihr biologisches Geschlecht umwandeln wollen, geistig krank? Im öffentlichen Diskurs wird diese Frage von Ärzten und Psychiatern oft bejaht. Zumal die Kostenübernahme für die notwendigen Operationen ohne die Einstufung von Transsexualität als Krankheit kaum möglich wäre. Viele betroffene Menschen wehren sich dennoch dagegen, da der Krankheitsbegriff eine soziale Stigmatisierung bedeutet. Auch in Transamerica wird Transsexualität nicht als geistige Krankheit, sondern eher als biologisches Bedürfnis der Betroffenen dargestellt.

Zentrale Figur des Films ist die Transfrau Bree (Felicity Huffman). Kurz vor ihrer finalen Operation, die sie endgültig in eine Frau verwandeln wird, bekommt sie unerwartet einen Anruf von dem 17-jährigen Toby (Kevin Zegers), der in einem New Yorker Jugendgefängnis sitzt und sich als ihr Sohn zu erkennen gibt – das Ergebnis einer lange zurückliegenden Affäre, als Bree noch ein Mann war und Stanley hieß. Brees Therapeutin Margaret (Elizabeth Peña) weigert sich daraufhin, ihr die Operation zu gewähren, bevor sie ihre Vergangenheit aufgearbeitet hat. Bree holt also Toby aus dem Gefängnis, gibt sich ihm gegenüber aber als Angehörige einer Kirche aus. Toby, ein Stricherjunge und Junkie, will nach Los Angeles, um dort Karriere als Pornodarsteller zu machen und seinen leiblichen Vater Stanley zu finden. Bree plant indessen, ihn bei seinem Stiefvater in Kentucky abzusetzen. Auf der Reise vom amerikanischen Nordosten in den Südwesten lernen sich Toby und Bree allmählich kennen.

Transamerica

Transamerica schildert zwar die Geschichte einer transsexuellen Frau, jedoch fokussiert sich der Film nicht auf die Transgender-Thematik, sondern erzählt eine universelle Geschichte, in der ein Mensch gezwungen wird, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Charakterisierung Brees setzt sich wohltuend von der klischeehaften Darstellung Transsexueller als Drag Queens und Prostituierte ab: Sie wird als intelligenter, hart arbeitender Mensch dargestellt, der bemüht ist, nicht aufzufallen. Damit steht sie im Kontrast zu tragischen transsexuellen Figuren wie in Pedro Almodóvars Drama Alles über meine Mutter (Todo sobre mi madre, 1999), deren Identitätsfindung in Prostitution, Krankheit und Tod endet. Sexuell und emotional tatsächlich orientierungslos wirkt hingegen Brees Sohn Toby, der an enormen Selbstwertproblemen leidet und sich persönliche Bestätigung nur auf der sexuellen Ebene holen kann.

Transamerica glänzt vor allem durch die darstellerischen Leistungen von Felicity Huffman und Kevin Zegers, die ihren mutigen Außenseiterrollen die nötige Glaubwürdigkeit verleihen, so dass das Wechselspiel zwischen transsexuellem Vater und seinem sich prostituierenden Sohn nicht ins Lächerliche abgleitet. Huffman gelingt es, die eigene Weiblichkeit abzustreifen und deren Überreste als antrainiertes Rollenspiel eines Mannes, der sich im falschen Körper gefangen fühlt, zu illustrieren. Für die Darstellung Brees moduliert sie ihre Stimme so gekonnt, dass diese tatsächlich wie eine mit Mühe verstellte Männerstimme klingt. Den inneren Konflikt dieser Fast-Frau, sich selbst von der Außenwelt als andersartig, als Freak empfunden zu wissen, und deshalb selbst ein Lügenkonstrukt aufzubauen, stellt sie nicht Kraft der Dialoge, sondern in ihrem präzisen Minenspiel dar – vor allem in den Momenten, wenn ihre selbstbewusste Fassade bröckelt und sie anstelle des evozierten Respekts der Umwelt und Mitmenschen erst Recht deren Mißverständnis oder gar Abscheu provoziert. Auch Zegers mimt seinen Part des Stricherjungen, der oberflächlich verschlossen und abgebrüht ist, innerlich aber mit großen emotionalen Problemen zu kämpfen hat, unpathetisch und authentisch.

Transamerica

Obwohl sich die Protagonisten in Transamerica bei ihren Gesprächen ständig gegenseitig anlügen und Bree ihrem Sohn keine neue Lebensperspektive aufweisen kann, verbreitet der Film dennoch eine hoffnungsvolle Grundstimmung, was vor allem dem tragikomischen Humor des Films zu verdanken ist. Dieser entsteht oft in Situationen, in denen andere Figuren Bree gewollt oder unabsichtlich mit ihrer Transsexualität konfrontieren, sie jedoch ihr dezidiert damenhaftes Verhalten nicht aufgibt und sich somit zum Frau-Sein bekennt.

Aufgrund seines episodischen Aufbaus erinnert Transamerica stark an klassische amerikanische Road Movies. Bree und Toby machen während ihrer Fahrt gen Westen an verschiedenen Schauplätzen halt und lernen neue Leute kennen. Bei jedem dieser Stops passiert etwas, das entscheidenen Einfluss auf den weiteren Handlungsverlauf hat, während die Autofahrten von Ort zu Ort eher dem Zweck dienen, Einsicht in die Charaktere der beiden Protagonisten zu gewinnen. Da Toby Stück für Stück die Wahrheit über seine Reisegefährtin erfährt, funktioniert die genretypische Struktur bei Transamerica besonders gut – bis hin zum erfrischend unprätentiösen Ende.

 

Kommentare


Elherion

ein gelungener Film, der sehr gut in die Reihe der hollywoodfilme passt, die sich in diesem Jahr mit Theman von Homosexualität und ähnlichem beschäftigt haben.
Die Schauspielerische Leistung Felicity Hoffmans, die einen Transsexuellen Mann auf dem Weg zur Frauwerdung spielt, ist dabei garnicht hoch genug zu bewerten. Die Tatsache, dass sie dafür keinen Oscar erhalten hat, zeigt nur wieder, wie wenig ernst zu nehmen diese Auszeichnung ist






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