Traitor

Traitor – Verräter. Jeffrey Nachmanoffs Terroristenthriller verrät schon im Titel seinen vermeintlichen Plottwist. Offensichtlich geht es ihm um etwas anderes.

Traitor

Traitor ist ein für Hollywood-Verhältnisse mit weniger als 30 Millionen Dollar günstig produzierter Film. Seit einigen Jahren haben die Majors für diesen Sektor ihre eigenen Unterabteilungen. Traitor erscheint unter dem Label Paramount Vantage. Vertriebstechnisch logisch erscheint der im US-Kino eher moderat gelaufene Film in Deutschland nur auf DVD.

Genrefilme ohne ganz große „Starpower“, die nicht im High-Concept- oder Blockbusterbereich angesiedelt sind, haben es hier besonders schwer, da sie auch die Arthouse- und Kleinkino-Schiene nicht erreichen.

Gewissermaßen könnte man sich fragen, warum ein Film, der im international so regulierten System ohnehin nur eine Außenseiterchance auf Profit besitzt, für die reine Akkumulation per DVD- und TV-Auswertung aber wiederum zu aufwändig produziert ist, überhaupt entsteht. Im konkreten Fall Traitor ist die Frage damit zu beantworten, dass verschiedene in Hollywood bereits etablierte Schauspieler diesen Stoff unbedingt auf den Markt bringen wollten – im Zweifelsfall mit eigenen Ressourcen. Allen voran Steve Martin, der die Idee und Geld lieferte, sowie Don Cheadle, der als Produzent und Hauptdarsteller fungierte. Beiden war offensichtlich daran gelegen, der Terrorismus-Debatte jenseits der Mainstream-Zwänge einen Film abzugewinnen. Etwas anders gestaltet sich der Fall bei Drehbuchautor und Regisseur Nachmanoff. Der hat Martins Geschichte in eine absolut innovationsfreie Genrevorlage gemünzt, deren Hülsen ihm in der Inszenierung alle Freiheiten lassen.

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So treffen in Traitor auf eine recht anregende Art und Weise Klischee und Stilisierungswille aufeinander. Alles ist bekannt – es stellt sich nur die Frage, welche visuelle Auflösung Nachmanoff dafür findet.

Es beginnt im Sudan, mit einem das Haus verlassenden, zum Wagen gehenden Vater. Die Explosion, die seinen Sohn schocken wird, hat der Genrekenner längst geahnt. Auch die Spiele beim Verhör und im Gefängnis sind hinlänglich bekannt. Samir (Don Cheadle)  integriert sich durch Beten und die Gefahr, die er auf sich zieht und stoisch durchsteht. Derlei Konvention arbeitet Nachmanoff in wenigen Szenen und Minuten ab, vom Transport über den Kampf und die Integration bis zur Flucht. Dabei tragen die Insassen beigefarbene Hemden und beigefarbene Hosen, vor beigefarbenen Wänden. Auch die Haut der Gefangenen ist beigefarben, nur Samirs schwarz. Er steht damit, das inszeniert der Film ganz deutlich, genau zwischen den Welten angloamerikanischer weißer Anti-Terror-Ermittler wie Roy Clayton (Guy Pearce), deren Arbeit blaustichig zwischen die Gefängnis-Sequenz geschnitten wird, und muslimischer Extremisten wie Omar (Said Taghmaoui).

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Der Franzose Taghmaoui, nach dem Erfolg von Hass (La haine, 1995) ein international gefragter wandlungsfähiger Schauspieler, muss seit einigen Jahren einen Terroristen nach dem anderen verkörpern, unter anderem in Roland Suso Richters Mogadischu (2008). Ein Film, der sich als integraler Themenabend-Bestandteil versteht und der dazugehörigen Dokumentation die Spielbilder liefert. Andersrum versucht er Geschichte quasi-dokumentarisch nachzuspielen. Von derlei Unsinn hält sich Traitor geschickt fern, in dem er sich in seine Genre-Ritzen verzieht: Der einzige Mensch, der die wahre Identität des Undercover-Agenten kennt, stirbt. Im Prinzip schon bei Fritz Langs Beyond a Reasonable Doubt (1956) zu finden, auf die Spitze getrieben bei John Woos Face Off (1997). Bei Nachmanoff erweist sich das dramaturgische Stereotyp aber zusätzlich als Hervorhebung und Zuspitzung des moralischen Dilemmas. Undercover lassen sich keine sauberen Grenzen mehr ziehen. Die Auflösung der immer wieder so klar gezogenen Grenzen – das scheint Nachmanoffs Hauptanliegen zu sein, hier verschmilzt er effektiv Terrorismusdiskurs und Undercover-Thriller.

Damage Control und Collateral Damage – zwischen diesen Polen bewegen sich die Terrorismus-Bekämpfer. Nicht nur da ist Traitor dem Bourne Ultimatum (2007) nahe, sondern auch in seiner zwischen den Welten ohne Identität agierenden Hauptfigur und in seiner Strukturierung durch Verfolgungsjagden. Was die beiden produktionstechnisch so unterschiedlichen Werke unter diesem Aspekt zusätzlich eint, ist ein weitgehender Verzicht auf computergenerierte Spezialeffekte zugunsten der Betonung des Körperlichen. Dabei ist die Montage beider Filme nicht zu vergleichen. Wo Bourne-Regisseur Paul Greengrass auf Fragmentierung bis zur Verstümmelung setzt, bemüht sich Nachmanoff um Einheiten. Verlassen kann er sich dabei auf die herausragende Arbeit seines Kameramannes J. Michael Muro. Die beiden setzen mit ihren Bildern allerdings viel weniger auf Action, denn auf Suspense, was Traitor in der Rezeption zu einem fast diametral entgegengesetzten Kinoerlebnis zum dritten Bourne-Teil macht.

Traitor

Insofern ist es auch zu verkraften, den Thriller per Silberling im heimischen Sehpark anzuschauen. Er funktioniert, gerade in seinen schematischen Momenten, als extrem glatte und erstaunlich routinierte Genrekost. An manchen Stellen bedauert man dies, denn Kamera und Regie können deutlich mehr. Die Reaktion ist aber falsch, denn Nachmanoff schielt gar nicht über das Genrepublikum hinaus. Vielmehr erweckt sein Film den Eindruck einer bewusst schlicht gehaltenen Fingerübung, die zeigen soll, wie sicher sich jemand mit Genrekonventionen auskennt, wie stilsicher und effektiv er einen entsprechenden Film inszenieren kann. Traitor funktioniert wie ein Bewerbungsvideo für die Nachmanoff-Expertise, vielleicht zu vergleichen mit Bound (1996), den die Wachowski-Brüder einst vorlegten, um den Studiobossen zu signalisieren, man könne ihnen vertrauensvoll Geld in die Hand drücken.

Es bleibt davon auszugehen, dass Nachmanoff das nächste Mal nicht mehr unter Paramount Vantage auftaucht und auch in Deutschland nicht mehr nur auf DVD.

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