Dating Queen

Das Ende eines infantilen Geistes? Judd Apatows Protagonist hat ausnahmsweise Brüste und wehrt sich mehr schlecht als recht gegen das monogame Beziehungsglück.

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Judd Apatows Filme sind meist Coming-of-Age-Geschichten. Nicht weil sich die Protagonisten noch im Teenageralter befinden, sondern weil sie auch als Erwachsene noch reichlich kindisch sein können. Am Schluss sind sie zwar verantwortungsvoll genug, um sich auf eine Beziehung oder Familiengründung einzulassen, wie ungezogene Kinder wirken die Männer aber manchmal trotzdem noch. „Boys will be Boys“, wie nicht nur ein amerikanisches Sprichwort lautet, sondern auch die Essenz vieler Hollywood-Komödien. In seinem neuen Film Dating Queen (Trainwreck) widmet sich Apatow nun erstmals seit der Fernsehserie Voll daneben, voll im Leben (Freaks and Geeks, 1999–2000) einer weiblichen Hauptfigur. Und anders als die maulfaul rebellierende Lindsay ist Amy (verkörpert von der Komikerin Amy Schumer) ein klassischer Apatow-Held – nur eben mit Brüsten. Die Journalistin für ein Männermagazin mit reißerischen Schlagzeilen („You’re not gay. She’s boring“) hat ihre Sturm-und-Drang-Phase nie beendet. Sie kifft und säuft, ist chaotisch und unvernünftig – und kriegt ständig Typen ins Bett, die besser aussehen als sie. In Komödien behindern Frauen oft die Männer in ihrem Freiheitsdrang. Hier ist es jedoch Amy, die sich angewidert aus den Umarmungen ihrer nächtlichen Bekanntschaften windet, um nach dem Sex sofort die Flucht zu ergreifen.

Ein enges Feld

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Während wir Amy bei ihren Eskapaden zusehen, ist schon klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Bindungsangst, die sie von ihrem sturen Vater mitbekommen hat, muss überwunden werden. Hinter Apatows Vorliebe für Fäkalhumor verbarg sich schon immer eine leicht konservative Moral, die vor allem einem sozialen Biotop geschuldet ist, das auch in Dating Queen wieder vornehmlich weiß, bürgerlich und heterosexuell ist. Ein Feld, das zwar eng abgesteckt ist, dafür aber ungewohnt vielfältig gezeichnet wird. Die Protagonistin bewegt sich in verschiedenen Kreisen: in der Familie, am Arbeitsplatz, in ihrem Feier-Umfeld. Und auch wenn sich diese Kreise mitunter überschneiden, ist jeder schon für sich interessant, ob es nun eine spießige baby shower ist oder ein knallharter Redaktions-Pitch. Das Zentrum ist zweifellos Amy Schumer, die immer wieder ihr Gesicht zur Grimasse verzieht, wenn ihr etwas nicht passt. Aber es herrscht auch eine gewisse Egalität im Universum des Films, die fast alle der bis in die Nebenrollen toll besetzten Figuren (etwa Ezra Miller als schleimig perverser Praktikant oder eine kaum wiederzuerkennende Tilda Swinton, die sich als Amys Chefin kaltblütig durch den Film bitcht) mit einschließt.

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Und so konservativ ist Dating Queen nun auch wieder nicht. Er zeigt zwar, dass Amys unstetes Single-Dasein nicht das Wahre ist, zieht aber auch das beschauliche Familienleben ihrer Schwester Kim für sie nie ernsthaft in Erwägung. Das wäre dann doch zu erdrückend und spießig. Wenn Kims Stiefsohn Allister – ein sonderbarer Streber, der sich wie ein alter Mann anzieht – vor Amy steht, kann sie ihr Unbehagen nicht verbergen. Er verkörpert eine Welt, zu der sie sich nicht gehören will. Der Promi-Sportarzt Aaron (Bill Hader), den Amy eines Tage interviewen soll, wirkt in etwa wie die erwachsene Version von Allister: Jemand, der fleißig ist, begabt und nett zu anderen. Ein Langweiler eigentlich, aber eben auch gutes boyfriend material.

Rom-Com im Reality-Check

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Interessanter als die Frage, ob Dating Queen den Mustern einer herkömmlichen Romantic Comedy entspricht, ist, wie er sich aus diesem Schema löst. Ganz wird Amys tief sitzende Skepsis gegenüber traditionellen Familienentwürfen nie abgebaut. Es ist weniger die Grundkonstellation aus Vater-Mutter-Kind, die ihr aufstößt, als die heuchlerische Maskerade, hinter der Abgründe versteckt werden. Apatow hat immer wieder seine Freude daran, die Masken herunterzureißen und idealisierte Vorstellungen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Als etwa Amys Vater stirbt, beginnt sie ihre Grabrede damit, dass der Verstorbene, ein Rassist, ein Homophober, ein Säufer, kurz gesagt, ein Arschloch war. Und als sie ihre Rede fortsetzt, fällt ihr anscheinend erst beim Sprechen ein, dass er doch einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben war. Wie seine Hauptfigur will auch Apatow ehrlich sein. Er inszeniert einen Film, der zwar innerhalb gewisser Konventionen und Glücksversprechen funktionieren muss, dabei aber nicht so verlogen wirkt. Als Kontrast zu dem ständigen Reality-Check, dem er seine Geschichte unterzieht, taucht am Rande immer wieder ein Film-im-Film auf, der genau das nicht tut: eine verkünstelte Pseudo-Nouvelle-Vague-Rom-Com mit Daniel Radcliffe als melancholischem Dogwalker.

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Schön an Dating Queen ist auch, dass er sich nicht mit radikaler Handlungsökonomie die Luft abschnürt. Das ist in Apatows mäandernden und episch langen Filmen zwar nie der Fall, weil diesmal jedoch ausnahmsweise nicht der Regisseur, sondern Schumer für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, ist das durchaus eine Erwähnung wert. Immer wieder bahnen sich Improvisationen ihren Weg, in denen sich eine Dynamik jenseits des Skript-Determinismus entfalten kann. Wer Apatow ankreidet, dass er nicht dichter und punktgenauer inszeniert, verkennt, dass seine organischen Komödien den Figuren und ihrem Leben mehr Platz einräumen, als das in Hollywood oft der Fall ist. So fühlt sich Amys Weg ins Beziehungsglück auch erstaunlich ungezwungen und natürlich an. In welche Richtung sich die Beziehung genau entwickelt, lässt der Film ohnehin offen. Dass eine Ehe aber nicht zwangsläufig das Ende eines infantilen Geists bedeuten muss, bewies Apatow bereits mit seinem letzten Film Immer Ärger mit 40 (This is 40, 2012).

Trailer zu „Dating Queen“


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