Trader’s Dreams

Was Sie schon immer über eBay wissen wollten – dieser Dokumentarfilm erzählt es. Ein Essay über Illusionen und Realitäten.

Trader´s Dreams

Was machen die eBay-Gründer eigentlich mit ihrem ganzen Reichtum? Natürlich wird diese Frage nicht gestellt bei der Jubelveranstaltung zum 10. Geburtstag des Internet-Auktionshauses, jedenfalls nicht öffentlich. Aber immerhin: Hinter der Bühne schneidet Jim Griffith das Thema an. Dorthin hat der Verfasser der eBay-„Bibel“ die beiden deutschen Dokumentarfilmer Marcus Vetter und Stefan Tolz mitgenommen. „Onkel Griff“, wie ihn die „Gemeinde“ nennt, bespricht gerade mit eBay-Gründer Pierre Omidyar die Fragen für das Interview, das die beiden gleich vor tausenden frenetischen Fans führen werden. Die enormen Gewinne aus den Gebühren des Quasi-Monopolisten treiben auch eingefleischte eBay-Jünger um, berichtet Onkel Griff. Er überlässt es seinem Boss, ob der die Frage öffentlich hören will. Omidyar will nicht.

Trader´s Dreams

Damit bleibt die Antwort offen. Auch der Film deckt das Geheimnis nicht auf. Trader’s Dreams ist keine investigative Dokumentation. Sie steht nicht in der Tradition von Michael Moore (Bowling for Columbine, 2002) oder Morgan Spurlock (Super Size Me, 2004). Die Regisseure stellen kritische Fragen, aber sie geben die Antworten nicht vor. Das ist gut so bei diesem Thema.

Vetter und Tolz nähern sich dem Phänomen eBay über Geschichten. Geschichten aus fünf Ländern, aus gegensätzlichen Blickwinkeln und konträren Interessen. Hier der Münzsammler auf einer einsamen schottischen Insel, dort der gewiefte amerikanische Geschäftsmann mit dem 200.000-Dollar-Umsatz. Hier die arbeitslosen Sachsen auf der Suche nach der eBay-Agentur als Ich-AG, dort die mexikanischen Kunsthandwerker, deren Produkte nur über Zwischenhändler Furore im Netz machen können.

Trader´s Dreams

Ein Jahr lang hat das Regisseur-Duo seine Gesprächspartner begleitet. Zum Beispiel die Familie Thurm aus dem sächsischen Borna: der Vater um die Fünfzig, der Sohn in den Zwanzigern, beide mit wenig Aussicht auf einen „normalen“ Job. Für sie ist eBay ein Licht am Ende des Tunnels. Sie sind bereit zu jedem noch so kleinen Schritt im Dunkeln. Wie die Stehaufmännchen wollen sie alles lernen: Wie man die Seiten aufruft, wie man die Produkte hineinstellt, wie man gute Fotos macht. Sie gehen auf die „eBay-Universität“, gründen eine Agentur und lassen sich von den vielen Meldungen „nicht verkauft“ nur kurz entmutigen. Am Ende stehen schwarze Zahlen. Doch die reichen zunächst nur für eine neue Digitalkamera.

Trader´s Dreams

Anders die Kunsthandwerker in einem mexikanischen Dorf mit ihren ziseliert bemalten Vasen. Sie produzieren ein Nischenprodukt, das sich tatsächlich übers Internet verkaufen lässt. Aber die Gegend ist arm: ungeteerte Straßen, Telefon ist Luxus. Um die Gewinne des reichen amerikanischen Zwischenhändlers künftig in die eigene Tasche stecken zu können, beschäftigen sich die Dörfler mit eBay. Ihr Projekt verspricht deutlich mehr Erfolg als das der Sachsen. Ein Nebeneffekt dieser beiden Beispiele: Sie nehmen Zuschauer an die Hand, die bisher noch keine Erfahrungen mit Internetauktionen haben. Motto: Was sie schon immer über eBay wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.

Trader´s Dreams

Natürlich haben sich die Filmemacher ihr Bild von der eBay-Welt gemacht. Aber sie lassen Raum für eigene Sichtweisen des Zuschauers, die geprägt sein werden von ganz verschiedenen Erlebnissen mit dem Kaufen und Verkaufen. Auf diese Weise lebt der Film weniger von Thesen als von Erfahrungen. Er baut Spannung auf, indem er zwischen Einzelgeschichten hin- und herschneidet, den Fortgang der jeweiligen Episode nur nach und nach preisgibt. Und er zeigt einen Konflikt: zwischen dem mächtigen, aber unflexiblen eBay und dem Herausforderer Alibaba aus China, der ohne Gebühren auskommt und die höheren Wachstumsraten vorweisen kann.

Kulturkritik paart sich mit Augenzwinkern. Wenn die Kamera durch das gigantische Callcenter von Alibaba gleitet und die Arbeitsplätze wie eine Legebatterie aussehen lässt, ist das ein ironisches Highlight unter vielen. Und wenn sich die schottische Postbotin wie das Christkind vorkommt, wenn sie den Leuten die Pakete von eBay bringt, dann sind ihre Witze so bodenständig wie liebevoll. Die Frau, die selbst noch keinen Computer hat, wird übrigens am Ende des Jahres pensioniert. Ihre Pläne: Schafe, Hunde – und eBay.

 

Kommentare


Salamander

Ich fand den Film arg behäbig und würde ihn nicht weiterempfehlen.






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