Trade – Willkommen in Amerika

Zwei Deutsche in Hollywood: Roland Emmerich und Marco Kreuzpaintner liefern einen Beitrag zum Thema „Menschenhandel“ ab.

Trade – Willkommen in Amerika Mehr als eine Million Menschen werden jedes Jahr gewaltsam verschleppt und als Sexsklaven verkauft. Doch in Zeiten, in denen auf der politischen Tagesordnung primär der Kampf gegen den Terror steht, dringt das Thema „Menschenhandel“ trotz seiner Brisanz und Aktualität nur selten in unser Bewusstsein vor. Meist verkommt es zur bloßen Randnotiz, etwa wenn sich ein gewisser Paolo Pinkel alias Michel Friedman Koks schniefend in einem Bordell erwischen lässt, das von osteuropäischen Schleppern mit „Frischfleisch“ versorgt wurde. Dabei handelt es sich um ein nicht zu vernachlässigendes, durch die Globalisierung verstärkt auftretendes Problem, wobei vor allem Kinder und Heranwachsende, sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechts, über internationale Grenzen hinweg entführt, misshandelt, vergewaltigt und oftmals durch die weltweite Verkaufsplattform des Internets als Ware feilgeboten werden.

Nun hat sich ausgerechnet Roland Emmerich des Themas der modernen Menschenversklavung angenommen, ein Filmemacher, der weniger für ein politisches oder sozialkritisches Kino denn für brachiale Blockbuster steht. Allerdings scheint Emmerich gespürt zu haben, das seine übliche Holzhammer-Inszenierungsart für das sensibel anzugehende Sujet reichlich unangemessen wäre. So hat er sich damit begnügt, Trade – Willkommen in Amerika (Trade) in einer deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit lediglich zu produzieren und den deutschen Regiefrischling Marco Kreuzpaintner als Regisseur an Bord zu holen. Für Kreuzpaintner, der sich hierzulande mit dem Jugenddrama Sommersturm (2004) einen Namen gemacht hat, stellt es die erste Regiearbeit in Hollywood dar, eine Premiere, die nicht wirklich geglückt ist.

Trade – Willkommen in Amerika Trade beginnt in La Merced, dem Elendsviertel von Mexiko City. Hier wird die 13-jährige Adriana (Paulina Gaitan) auf offener Straße in ein Auto gezerrt und entführt. Ihr älterer Bruder Jorge (Cesar Ramos) macht sich auf die Suche nach ihr und stößt dabei auf die Spur eines weltweit agierenden Menschenhändlerrings, die ihn schließlich in die USA führt. Mit dem Versicherungspolizisten Ray (Kevin Kline) durchquert er das Land, um zu erfahren, dass Adriana bald schon an den Gewinner einer Internetauktion übergeben werden soll.

Obwohl Peter Landesmans 2004 publizierter New York Times-Artikel „The Girls Next Door“ als Inspiration und Grundlage für Trade fungierte, ist der Film meist weit davon entfernt, ein Gefühl von Authentizität zu erzeugen. Seine investigativ-journalistische Quelle merkt man dem Film leider nicht an. Vieles wirkt dann doch mehr wie Kolportage und Hollywoodkonstruktion. Natürlich muss man Emmerich und Kreuzpaintner zugestehen, dass sie vermutlich gar kein soziopolitisches Dokudrama haben drehen wollen, sondern eine persönliche und emotional aufwühlende Geschichte aus Sicht der Opfer. Aber auch in dieser Hinsicht scheitert Trade. Er vermag uns nicht zu berühren, weil wir schlicht und einfach seine Geschichte nicht glauben.

Dies beginnt bei der Schilderung Mexiko Citys, die ein Bild der Metropole entwirft, wie es im Kopf eines Touristen spuken mag. Jeder Jugendliche scheint hier ein Krimineller zu sein, der die dummen US-Gringos übers Ohr haut. Die Mafia hat ihre Hände überall im Spiel, die Polizei ist korrupt. Und ein kleines Mädchen wird entführt sobald es allein vor die Haustür tritt. Dies alles wird gezeigt in farblich übersättigten, verwackelten Handkamerabildern, ein Verfahren, das sich in den letzten Jahren als Standard etabliert hat, um Land und Leute Südamerikas farbenfroh und temperamentvoll zu porträtieren. Oh, was für eine exotische Welt!

Trade – Willkommen in Amerika Die weitere Entwicklung der Geschichte steckt voller Willkür, bei der man sich als Zuschauer schnell dumm verkauft vorkommt. Um ihren zusammengeschusterten Plot voranzutreiben, verlassen sich Emmerich, Kreuzpaintner und Drehbuchautor José Rivera (Die Reise des jungen Che: The Motorcycle Diaries, Diarios de motocicleta, 2003) zu oft auf absurde Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten. Im Handumdrehen gelingt es Jorge so immer wieder die Fährte seiner verlorenen Schwester und derer Kidnapper aufzunehmen, sei es in der Neun-Millionen-Metropole Mexiko City oder bei seinem Road Trip quer durch die USA. Da fragt man sich, warum der Handel mit Menschen doch ein solch schwer zu durchforstendes Problem für die Behörden in aller Welt darstellt.

Natürlich darf der für Hollywood übliche Starfaktor nicht fehlen. Entgegen seinem Image als gewitzter Komödien- und Shakespearedarsteller agiert Kevin Kline ziemlich farblos als texanischer Polizist. Zu überdeutlich und forciert ist diese absichtliche Fehlbesetzung im Stil: Kline mal ganz anders, als biederes Landei. Immerhin bringt Cesar Ramos als Jorge eine unverbrauchte Frische in den Film ein. Die schematische Dramaturgie, bei der Jorge und Ray sich als Buddy-Team zusammenraufen müssen, während die stereotypen Bösewichter mit Gewissensbissen kämpfen (weil katholisch), ist so konventionell, wie fade.

Trade – Willkommen in Amerika Jene Szenen, die die kleine Adriana in der Gewalt ihrer Peiniger zeigen, sind zwar emotional aufwühlend, doch zuweilen am Rande des Sensationalistischen zu verorten. Betroffenheit wird nicht selten durch Musikuntermalung und große Kinderaugen bewirkt. Dem Ganzen die Krone setzt aber das aufgepfropfte Happy-End auf, das uns versöhnlich aus dem Kino entlässt, um den Fall „Menschenhandel“ emotional erst einmal wieder ad acta legen und gut verdauen zu können.

Soziale oder politische Aspekte, die das Thema der Menschensklaverei näher hätten beleuchten können, werden zugunsten eines vereinfachenden und emotionalisierenden Genremixes aus Thriller- und Melodramelementen weitgehend aufgegeben. Emmerich und Kreuzpaintner packen somit zwar ein heißes Eisen an, das sie aus Angst, sich die Finger zu verbrennen, aber schnell wieder fallen lassen.

Kommentare


Walter Bornholdt

TRADE – Willkommen in den USA

Roland Emmerlich hat mit diesem Film wieder mal einen Volltreffer gelandet. Ein Film, der die verlogene Doppelmoral in Gottes eigenem Land und nicht nur dort, unter 2-stündigem Dauerbeschuss hält.
Es geht um Menschenhandel, der im Handel mit Kindern seine menschenfeindlichste Ausprägung erfährt. Und da gibt es doch Kritiker die dem Film an >> einigen Stellen mangelnde Detailtreue << unterstellen. Diese Kritiker (Medienvertreter) sind auch genauso abwiegelnd, wenn es um die saudischen Selbstversorger mit jungen Mädchen (und Jungs) aus dem Ausland geht, wenn es um Bürger aus EU-Staaten und solchen die es bald werden wollen geht, die für das leibliche Wohl europäischer Soldaten auf dem Balkan sorgen, wenn sie die Bordelle dort mit verschleppten Frauen und Minderjährigen versorgen und die Frauen später nach Europa weiter verticken. Sie schweigen mehr oder weniger still, wenn es um die Dunkelziffer der in Europa (Deutschland) verkauften Gespielinnen aus der 3. Welt geht. Sie schweigen zu den, von kurdischen Familien an US-Bordelle abgegeben überzähligen oder besser aufmüpfigen weiblichen Familienangehörigen. Man schweigt und schaut weg. Aber dieser Film zwingt einem Partei zu ergreifen. Gegen eine Welt die meint, alles kaufen zu können und zu dürfen! Und dann wundert man sich, wenn Menschen an diesem christlich-jüdischen Abendlande verzweifeln und nur noch zerstören und töten wollen! Solche Gedanken verfolgten auch mich, als ich vom Kino nach Hause fuhr. Ein guter und notwendiger Film. Und was Detailtreue angeht, nun dann schauen sie sich die Historienschinken aus den USA und Deutschland der letzten Jahre an. Von Detailtreue keine Spur.

Walter Bornholdt
Magdeburg


verschwender

Die Klischees und altbackene Dramaturgie kann man in Kauf nehmen. Der Film ist tatsächlich gar nicht so schlecht und auch Kevin Kline ist nicht wirklich eine Fehlbesetzung. Nur das Ende wirkt aufgesetzt und zeugt von einer spekulativen Produktion. Schade, denn dies reißt den Film, nicht das Thema, in den großen Strom der Belanglosigkeit.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.