Tracey Fragments

Mit ambitionierter Montagetechnik, die Kamera stets dicht an der Hauptdarstellerin Ellen Page, gelingt Bruce McDonald ein eindringliches Porträt einer jungen Frau ohne Halt. Nach kurzer Gewöhnungszeit entwickelt der Rhythmus des Films seine Sogkraft.

The Tracey Fragments

Tracey Berkowitz ist fünfzehn Jahre alt, und ihre Familie ist so dysfunktional wie ihr Selbstbild als „just a normal girl who hates herself.“ Sie lebt in Kanada, die Winter können in ihrer Gegend schon einmal richtig kalt sein, und an einem solchen Wintertag ist sie mit ihrem kleinen Bruder Sonny unterwegs. Sie kehrt alleine nach Hause zurück, nur mit seiner Mütze in der Hand. Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Und wird Tracey ihren Bruder wiederfinden? Mit frenetischer Intensität, aber ohne Ziel und Anhaltspunkte macht sie sich auf den Weg.

Ellen Page spielt die Titelfigur von Tracey Fragments (The Tracey Fragments) als äußerlich abgeklärt und resigniert, aber mit unter der Oberfläche brodelnden Emotionen. Es ist ein präzises Porträt einer jungen Frau ohne Halt, und man bekommt hier erneut zu sehen, warum die junge Schauspielerin bereits für Hard Candy (2005) und den nach Tracey Fragments entstandenen Juno (2007) so reichliches Kritikerlob erhalten hat.

Das eigentlich Bemerkenswerte am Film des kanadischen Regisseurs Bruce McDonald, der vorher vor allem Fernsehfilme und einzelne Episoden für Fernsehserien gedreht hat, ist aber die Form. In Bild, Ton und Gestus entwickelt sich Tracey Fragments zu einem beeindruckend dichten Gesamtkunstwerk, das sich eingefahrenen Sehkonventionen zunächst widerspenstig entgegenstellt.

The Tracey Fragments

Nur selten gehört die sichtbare Bildfläche einem einzelnen Motiv; stattdessen teilt McDonald das Bild in zahlreiche Frames auf, legt Bilder neben- und übereinander, vervielfältigt Sequenzen, die nebeneinander ablaufen, jeweils um Sekundenbruchteile verzögert. Das ist nicht der einfache Split Screen, wie er etwa in den 1960er und 1970er Jahren modern war und nostalgisch bis pragmatisch in Filmen wie Ocean’s 13 (Ocean’s Thirteen, 2007) oder Fernsehserien wie 24 (seit 2001) wieder aufgenommen wurde.

Stattdessen nutzt McDonald das sichtbare Bild als Resonanzraum für Emotionen und Gedanken, Erinnerungen und Träume. Einmal drängt sich ein demütigender Moment in den Vordergrund, ein Sturz, der einmal, zweimal, vielfach zu sehen ist; und nach einem kurzen Schwarzbild beginnt die Szene von neuem. Diese Erinnerung – denn darum handelt es sich offenbar – drängt mit Macht immer wieder ins Bild.

Tracey Fragments spielt mit den Möglichkeiten, die diese Montagen mit sich bringen, ohne ihnen je eine allzu eindeutige Grammatik zu geben. Die gleiche Bildanordnung, die einmal die Erinnerung darstellte, kann im nächsten Moment ein etwas flotteres Handlungselement einleiten. Da liegt es eher am Rhythmus der Bilder, an der Geschwindigkeit der Schnitte und an der zugleich immer präzise eingesetzten Musik, dem Zuschauer die Bedeutung dessen, was er gerade sieht, nahezulegen, vielleicht besser: vorzuschlagen.

The Tracey Fragments

So ganz eindeutig wird nämlich nichts in diesem Film, und das ist eine seiner großen Stärken. Er weigert sich, das bunte Durcheinander, das augenscheinlich direkt aus Traceys Gedanken und Wahrnehmung entstammen soll, allzu stark zu vereindeutigen und auf eine bestimmte Wahrheit festzulegen. Das heißt nicht, dass es McDonald nicht gelänge, dem Film eine klare Struktur und schließlich auch eine klare Rahmenhandlung zu verleihen. Vielmehr vermischt er Traceys Imaginationen, Erinnerungen und Erlebnisse so effektiv, dass die Bedeutung dieser Bilder und Ereignisse – und das heißt im Kontext des Filmes vor allem: ihre Bedeutung für Tracey – nie abschließend festgelegt wird.

Zugleich erlaubt der Film durch seine Montagetechnik in jedem Moment einen genauen Einblick in Traceys Geisteszustand. Ihre Verunsicherung in einem just betretenen, aber ihr offenbar fremden Café wird unmittelbar spürbar, als sich die Leinwand wie eine kubistische Variation auf die Totale in viele Bilder aufteilt, die nur einzelne Details des Raumes aus verschiedenen Perspektiven zeigen. Wie sehr die von den Bildern evozierten Emotionen sich dabei mit Pages Spiel treffen, unterstreicht nur, dass der Regisseur und seine Hauptdarstellerin miteinander in Einklang standen.

Kommentare


Martin

Spannender noch als der - wie ich finde, sehr gelungene - Film selbst, sind die kunsttheoretischen Implikationen, die sich aus dem Stil ergeben:

1. Anders als ein Theaterstück, eine Performance, ein Lied, ist ein Film normalerweise defintiv, final, unabänderlich, weltweit uniform. Jeder Zuschauer sieht das selbe Endprodukt.
Hier aber sieht jeder einen anderen Film, da jeder sich auf andere Frames konzentriert. Und wenn man den Film fünfmal guckt, hat man fünf ganz unterschiedliche Folgen von Frames gesehen.
Das destabilisiert das Werk-Konzept.
Dieser Film befindet sich immer im Fluss, ist nie festgelegt oder jemals gleich.

2. Nach dem Dreh hat der Regisseur alles vorhandene Material online frei zur Verfügung gestellt und die Zuschauer gebeten, ihre eigene Version des Films daraus zu erstellen. Das Ganze nannte sich dann "Tracey Re-Fragmented", ist auf der DVD teilweise enthalten - und erneuert die Subversion des Werk- und Autor-Konzeptes.
Die Grenzen zwischen Künstler und Rezipient lösen sich auf, der passive Zuschauer wird aktiv und trägt zum Werk des Künstlers bei.

3. Für ein paar Sekunden sehen wir in "Tracey Fragments" Ausschnitte aus einem anderen Film, von einem anderen Regisseur - ohne jedoch, dass diese Ausschnitte als nicht zu dem aktuellem Film gehörig gekennzeichnet werden (außer natürlich in einem kurzen Hinweis in den Credits).
Wenn MacDonald unbemerkt, fast heimlich ein paar Szenen aus Guy Maddins "My Winnipeg" in seinen Film hinein schmuggelt, so hinterfragt diese Geste erneut die Festheit dieses Werkes und die Autorschaft eines jeden Kunstwerkes, da jede Arbeit immer von anderen, äußeren Einflüssen geprägt ist.
Die Autonomie des Künstlers (und das darauf beruhende, einzigartige Genie) als Illusion...


sk

mir gefallen sowohl die äußerst präzise kritik als auch der kommentar. ich habe t.f. leider erst auf dvd gesehen und hatte den eindruck, dass der film unbedingt die leinwand braucht, damit man sich dem konzept nicht entzieht.
womöglich ist dann tatsächlich das internet ein spannender ort für solche projekte, vielleicht geht in einem bestimmten produktionszweig ja wirklich die tendenz dahin, dass im internet diverse versionen von filmen einsichtig sind und material sogar neu arrangiert werden kann.
gewissermaßen ist der film auch dadurch so prägnant, dass er genau gegen die form von "eindeutigkeit" opponiert, die große teile des aktuellen amerikanischen blockbusterkinos (illuminati, wolverine, etc.) proklamieren.






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