Kings of Summer – Kritik

Jugendliche Vitalität als abrufbare Ressource: Vom schwierigen Erwachsenwerden erzählt Jordan Vogt-Roberts in seinem Debüt mit allzu smarter Souveränität.

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Wenn sich Coming-of-Age-Filme zumindest tendenziell durch das prekäre Verhältnis zwischen einem Reich der Notwendigkeit (Eltern, Lehrer, Bullys, Verbot) und einem Reich der Freiheit (erste Liebe, Kumpels und Cliquen, Alkohol, Abhauen) auszeichnen, dann sind diese beiden Reiche in Kings of Summer durch eine sehr stabile Mauer voneinander getrennt. Joe (Nick Robinson), der von einem alleinerziehenden Vater zu Monopoly-Abenden und Hausarresten verdonnert wird, und Patrick (Gabriel Basso), dessen fürchterlich harmonisches Elternpaar den Jungen mit Verständnis und Wohlwollen erdrückt, stoßen auf ein Stück Wald nahe ihrer Heimat und sehen darin bald eine mögliche Zuflucht vor der elterlichen Disziplinierung. Man haut von zu Hause ab und beginnt – gemeinsam mit dem allerlei skurrile Sätze sprechenden Außenseiter Biaggio (Moises Arias), der eher zufällig bei der Entdeckung dabei war – ein Jäger-und-Sammler-Leben im Baumhaus, während die Eltern die örtliche Polizei verständigen.

Notwendigkeit und Freiheit

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Dass der Film die beiden Bereiche so säuberlich voneinander trennt, ist für sich genommen kein Problem – das unberührte Paradies lässt sich ja auch als Aktualisierung eines sehr klassischen Motivs lesen –, doch lässt die strikte Grenze die je unterschiedlichen Mängel der beiden Räume umso deutlicher hervortreten. Das Reich der Notwendigkeit ist eine gnadenlose Karikatur, jenseits der Protagonisten gibt es fast nur Witz-Figuren. Das soll so sein, und es hilft dem Film einerseits – gerade die Darsteller der Eltern unterspielen ihre überzeichneten Charaktere so schön, dass die Erwachsenen-Szenen zu den besten des Films gehören –, es versetzt ihn andererseits aber in eine Tonlage, die sich fortan nicht mehr wechseln lässt, ohne dass es schräg klingt. Die comichaften Ränder der Geschichte wirken auf ein Zentrum ein, das Regisseur Jordan Vogt-Roberts eigentlich lieber impressionistisch ausmalen will – das Naturleben inszeniert er als Ansammlung von Momenten der Freiheit und des Ausprobierens. (In diesen mitunter sehr schön fotografierten Sequenzen scheint auf, dass Kings of Summer ein sehenswertes Musikvideo hätte sein können: Drei Jungs, von denen wir nur die Probleme mit ihren Eltern kennen, rennen über die Felder, spritzen sich nass, springen in den Fluss, raufen sich zum Spaß.) So driftet der Film auseinander: Kings of Summer nimmt sich zu ernst, als dass man jene Albernheiten ungestört genießen könnte, die den Ernst des Films immer wieder durchkreuzen.

Kalkulierter Show-Diebstahl

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Was das Coming-of-Age über den Clash zweier Welten hinaus meist auszeichnet, ist die erneute Kehrtwende auf höherer Ebene, wenn das endlich gewonnene Reich der Freiheit sich selbst als unbarmherziger Raum der Notwendigkeit entpuppt, als Ernst des Lebens, dem nicht mehr so leicht zu entfliehen ist. Und gerade als die spaßige Zeit im Wald sich auf so stoische Weise in die Länge zieht, dass es fast schon wieder anregend ist – wie ein Teeniehorror-Flick, der zu absurdem Theater mutiert, weil das Monster kurzfristig seine Teilnahme abgesagt hat –, liefert dann auch Kings of Summer die Ahnung vom falschen Leben in der eigentlich richtigen Utopie: Eifersucht, Langeweile, Verbohrtheit.

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Doch selbst die interessanteren, um die Paradoxien des Mann-Werdens kreisenden Untertöne drängen sich alsbald in den Vordergrund, werden ausbuchstabiert von einem Film, der alles schon immer besser weiß – und der sich selbst ziemlich witzig findet. Der liebenswerte Vogel Biaggio ist dafür der beste Beweis: Wenn er mit absurden Onelinern den eigentlichen Protagonisten die Show stiehlt, dann nicht, weil er aus einem durchkonstruierten Drehbuch ausbricht, sondern weil seine Figur schon als Showstealer in eben dieses Drehbuch geschrieben wurde. (Seine queerness – „I don’t really see myself as having a gender“, sagt er einmal – ist denn auch nicht mehr als zusätzlicher Beleg für seine weirdness.) Es ist also weniger das Problem, dass man einen Film wie Kings of Summer schon häufig gesehen zu haben glaubt, als dass ihn die häufig gesehene Grundkonstellation viel weniger interessiert als seine eigenen Distinktionsmerkmale. Denn es ist doch ein Unterschied, ob man die immer gleichen Motive des (sozial privilegierten) Erwachsenwerdens zugunsten einer Intensivierung der je erzählten Geschichte konkretisiert oder ob man sie als neutrale Behälter missbraucht: für all die smarten Ideen, die beim Brainstorming so gekommen sind.

Eine wenig explosive Mischung

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Vielleicht kann die Kombination aus dem US-amerikanischen – man kann es nicht anders nennen – Mainstream-Independent-Kino, für das auch der Sundance-Hit Kings of Summer repräsentativ sein darf, und dem Coming-of-Age-Narrativ gar nicht viel Fruchtbares mehr zustande bringen. Dieses Kino versteht jugendliche Vitalität als Ressource, die nicht erkämpft werden muss, sondern in jedem Moment eines Films per Zeitlupe oder Song abrufbar zu sein hat. Weil es sich von vornherein im Reich der Freiheit wähnt, hat es zum Verhältnis dieser Freiheit zu herrschenden Notwendigkeiten wenig zu sagen. Dass es aus so souveräner Position über ein prekäres Verhältnis spricht, das macht dieses Kino noch in seiner Harmlosigkeit so verlogen.

Trailer zu „Kings of Summer“


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