Touch the Sound – A Sound Journey with Evelyn Glennie

Thomas Riedelsheimers Dokumentarfilm Touch the Sound ist ein sensibles Porträt der klassischen Percussion-Künstlerin Evelyn Glennie, die aufgrund ihrer Schwerhörigkeit lernen musste, mit ihrem ganzen Körper zu hören, Töne zu fühlen. Paradoxerweise ist es gerade der Umstand ihrer Behinderung, der sie besser „hören“ und in Klangwelten eintauchen lässt, die den meisten Menschen verwehrt bleiben. Touch the Sound stellt den gelungenen Versuch dar, diese verschlossene Dimension des Klanges für den Zuschauer/Zuhörer zu öffnen.

Touch the Sound

Dokumentarfilme florieren wie selten zuvor in der Kinolandschaft. Gallionsfigur der momentanen Welle ist dabei Michael Moore, der mittels eines sehr subjektiven, polemischen und nicht selten effekthascherischen Kinos auch jenes Publikum für den Dokumentarfilm begeistert, welches sich ansonsten lediglich von eskapistischen Hollywood-Blockbustern unterhalten lässt. Regisseur Thomas Riedelsheimer liefert mit Touch the Sound ebenfalls einen Dokumentarfilm, der jedoch im scharfen Gegensatz zu Moores Filmen und ihren Abbildern steht, welche zu Dramatik und rasanter Narration tendieren. Er inszeniert einen eher klassischen Dokumentarfilm: objektiv, kommentarlos, unspektakulär. Somit mag der Film sich einem breiteren Publikum zwar verschließen, beeindruckt aber gerade durch seine asketische Haltung, die dem Objekt seiner Darstellung respektvoll den nötigen Freiraum gibt, um für sich selbst zu sprechen.

Ausgangspunkt und Herzstück von Touch the Sound ist die Aufnahme von Evelyn Glennies erster CD mit improvisierter Musik in einer Kölner Fabrikhalle. Von hier aus unternimmt der Film eine Reise in die Welt des Klanges, indem er seine Protagonistin rund um den Globus begleitet, nach New York, Schottland, Japan und Kalifornien. Mit viel Sensibilität und distanzierter Zurückhaltung gelingt es ihm dabei, gleichzeitig Einblicke in die avantgardistische Musik Glennies als auch in das Privatleben der Künstlerin zu geben.

Touch the Sound

Eigentlicher Verdienst von Touch the Sound ist aber die Erschließung des Rhythmus und der Musikalität des Lebens an sich. Immer wieder entwirft Riedelsheimer mittels stakkatohaften Montage-Sequenzen kleine Symphonien alltäglicher Geräusche, Impressionen des Rhythmus. Wenn Glennie beispielsweise nach New York reist zelebriert der Film die lautstarke Tonvielfalt der Stadt (quietschende Reifen, rollende Koffer, klingelnde Handys, überlappende Dialogfetzen), während er in Schottland die Geräuschkulisse der Natur hervorhebt (die tosende Meeresbrandung, das Pfeifen des Windes). In Japan hingegen dominiert die Stille, einer der gewaltigsten Klänge, wie Glennie meint. Jeder Ort hat seine individuellen Töne, durch deren Kombination die jeweiligen Räume erst entstehen. Wir erfahren die Welt in Touch the Sound über den ewigen Rhythmus des Lebens. Für Thomas Riedelsheimer ist „Rhythmus [...]; die Grundlage jeder Lebensform. Rhythmus ist Bewegung, Fließen, Veränderung, Erneuerung und Wiederholung. Unsere Erfahrung von Zeit basiert auf Rhythmus. Nichts existiert ohne Schwingungen, ohne Bewegung. [...]; Alles vibriert, alles ‚spricht‘ – ein Universum des Klangs.“

Touch the Sound

Touch the Sound nimmt eine Ausnahmestellung in der üblichen Kino-Ästhetik ein, insofern er das inszenatorische Schwergewicht vom Bild auf den Ton verlagert. Riedelsheimer erhebt den Ton zum dominanten formalen Prinzip seines Films, ohne dabei jedoch die visuelle Ebene zu vernachlässigen. Gleich einem Klangkörper nehmen die Bilder und Montagen des Films die Schwingungen der allgegenwärtigen Töne in sich auf, um sie auf der Leinwand visuell weiterklingen zu lassen. Die Tonvielfalt und die Lautstärke New Yorks entladen sich beispielsweise in rasant geschnittenen, farbstarken Großaufnahmen, während die Ruhe und Stille Japans in kontemplativen Bildern eingefangen wird. Es entsteht eine harmonische Klang-Symphonie aus Ton, Bild und Montage, die eine Visualisierung des Nicht-Sehbaren, die Umwandlung von Rhythmen und Klängen in Materie vollzieht. So wie die schwerhörige Evelyn Glennie Töne weniger hört als vielmehr mit ihrem Körper fühlt, so hören wir als Zuschauer die Töne nicht nur, sondern erleben diese gleichfalls über die Bilder des Films. Wir „fühlen“ den Klang der Welt mit unseren Augen.

Versuche, Töne auf die Leinwand zu bannen, sie mittels der Bildebene wiederzugeben, gehen bis in die Stummfilmzeit zurück. Berühmt wurde in dieser Hinsicht beispielsweise jener Moment aus F.W. Murnaus Der letzte Mann (1925), in welchem eine entfesselte Kamera versucht, einen Trompetenton einzufangen. Eine leise Fortsetzung jener kinematographischen Tradition, die das Akustische auf die Leinwand zaubern will, stellt Touch the Sound dar. Somit verfolgt er ein wesentliches Ziel künstlerischer Darstellung: die Sensibilisierung der menschlichen Wahrnehmung. „Alles was wir sehen können, hat einen Klang. Wir haben nur nicht die Sensibilität zu hören, was um uns herum passiert“, so Evelyn Glennie. „Meine Rolle in dieser Welt ist es, die Kraft des Klanges spürbar zu machen“. Dies ist auch die Aufgabe, die sich Thomas Riedelsheimers Film stellt – und er wird ihr gerecht. Er öffnet uns Augen und Ohren.

 

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