Toomelah

Gangsters Paradise? Ivan Sen zeigt in einem eindringlichen Porträt die krisenhaft-triste Lebenssituation einer Aborigine-Gemeinschaft.

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Zu Beginn von Toomelah blicken zwei große braune Augen eindringlich in die Kamera. Gerade erwacht, erhebt sich der Junge von der Matratze des Wohnzimmerfußbodens, um sich auf die Suche nach etwas Essbaren oder wenigstens etwas Geld dafür zu begeben. Der Bruder schläft noch auf dem abgenutzten Sofa. Von draußen ertönt Hundegebell. Das Bild wackelt in Mikrobewegungen hin und her. Das aufdringliche Ticken einer Uhr lässt an eine versteckte Bombe mit Zeitzünder denken. Keine Frage, hier brodelt es unter der Oberfläche eines vermeintlich friedlichen Vormittags.

Die Augen, die uns im Laufe des Films noch Bände erzählen werden, gehören Daniel (Daniel Connors), einem 10-jährigen Jungen, der in einem Drei-Generationen-Haushalt mit seiner Mutter und seiner Großmutter in der Toomelah Aborigine Mission in New South Wales an der Grenze zu Queensland wohnt. Der Vater, Alkoholiker und ehemaliger Boxer, lebt nicht bei der Familie. Für die Mutter muss Daniel Drogen kaufen gehen. Dabei freundet er sich mit dem Dealer Linden (Christopher Edwards) und seiner Gang an. Während dieser ihn für seinen Drogenhandel instrumentalisiert, wird er für Daniel zu einer Art Vaterfigur. Mit Baseball-Mütze, in die Augenbrauen rasierte Streifen, Zahnlücke und Glitzerstein im Ohr gibt Linden das Bild eines zweitklassigen Gangsters ab. Seine Kumpels begrüßen sich mit Handschlag, hören gemeinsam Hip-Hop vor ihrem Wohnwagen und gebrauchen ausgiebig Schimpfwörter. Die ärmliche australische Missionsstation mutiert mit ihnen zum US-amerikanischen Vorstadtghetto, durch dessen Nachbarschaft die Gang in ihrem Auto cruist, um Drogen zu verkaufen.

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Dem sinnentleerten, prahlerischen Redefluss der Gang steht Daniels Wortkargheit gegenüber. Ebenso Ausdruck tiefer Frustration, spiegelt auch die Kommunikationsarmut in der Familie deren Dysfunktionalität sowie die Indifferenz der Eltern wider, die besonders im Kontrast zum ursprünglich sehr ausgeprägten Sippenbewusstsein der Aborigines zu sehen ist. Auf persönliche Fragen bekommt Daniel selten eine Antwort. Die Mutter richtet nur das Wort an ihn, wenn er etwas für sie tun soll. Der Vater droht ihm lediglich, ihn zu verprügeln. Was nicht ausgesprochen wird, können wir jedoch in Nahaufnahmen der Gesichter und ihren Blicken ablesen.

Schon in Ivan Sens Spielfilmdebüt Beneath Clouds (2002) stehen Heranwachsende im Mittelpunkt. Dort folgt er zwei Aborigine-Teenagern auf dem Pacific Highway von Moree nach Sydney. In einem Road Movie beleuchtet er in ähnlich dokumentarischem Duktus deren Aborigine-Identität im Spannungsverhältnis mit einer nicht indigenen Welt, in der sie mit Rassismus, Landrechtsstreitigkeiten und Schikanen staatlicher Autoritäten konfrontiert werden. Im Gegensatz dazu thematisiert er in Toomelah das Problem der „Aboriginality“ anhand einer Milieustudie ihrer eigenen Lebensumstände. Deren Strukturen entpuppen sich jedoch nicht weniger repressiv gegenüber der indigenen Tradition als die weiße Gesellschaft. Dient in Beneath Clouds die mannigfaltige, australische Landschaft dazu, verschiedene Gefühlslagen abzubilden, ist es in Toomelah das karge Lebensumfeld der Aborigine-Mission.

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Hier herrschen existenzielle Begrenztheit und tägliche Monotonie. Armut, Alkohol, Drogen und Hoffnungslosigkeit dominieren den Alltag in sozialer Marginalisierung. Die Häuser sind baufällig, es herrscht ständiger Geldmangel und Arbeitslosigkeit. Einzig die Grundschule lässt Platz für das Erbe der Vorfahren, wo die Kinder neben Lesen und Schreiben auch ihre indigene Sprache wieder lernen. Auf schwarzweißen Fotografien erhaschen wir historische Eindrücke über das frühere Leben nach der Segregation. Hier und da ziert die rot-schwarze Aborigine-Flagge mit gelber Sonne eine Wand.

In Bezug auf die ältere Generation werden auf subtile Art und Weise historische Problematiken angesprochen. Eines Tages taucht „Tante Cindy“, die Schwester von Daniels Großmutter, zu Hause auf. Sie gehört zu den Kindern der „Stolen Generation“. Mit dem Ziel der Assimilation war es bis in die 1970er Jahre üblich, Aborigine-Kinder gewaltsam von ihren Familien zu trennen, um sie in kirchlichen Institutionen oder bei weißen Familien unterzubringen. Ihrer Kultur beraubt, wurden sie meist als Arbeitssklaven gehalten und schlecht behandelt. Mit Tante Cindys Rückkehr hält die Vergangenheit in das Leben der Familie Einzug.

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Daniel schwänzt die Schule. Konflikte löst er mit den Fäusten. Mit teilweise unruhiger Kameraführung folgt ihm der Regisseur beim Herumstreunen am Fluss, auf dem Schrottplatz und durch die staubigen Straßen der simplen Mission. Immer bleibt die Kamera nahe an den Protagonisten. Darin erinnert Toomelah an die Filme von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit ihnen verbindet Ivan Sen sein humanistischer Blick auf die größtenteils von Laien dargestellten Figuren, ohne dabei ein moralisches Urteil über sie zu fällen. Jedoch folgt er dem formalen Purismus des belgischen Regieduos nicht in vollem Ausmaß. Gerade bei Erinnerungen an das frühere Leben in der Mission oder in Bezug auf indigene Traditionen evoziert der Einsatz von melancholischer Cello-Musik eine mystische Stimmung.

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Berichte wie die jährlichen Social Justice Reports offenbaren in Australien noch immer eine große Ungleichheit zwischen Aborigines und weißer Bevölkerung in Bezug auf Lebenserwartung und Bildung. Insbesondere in den letzten fünf Jahren wurde immer wieder sexueller Missbrauch von Kindern sowie deren untragbare gesundheitliche und soziale Lebensbedingungen festgehalten. Mit Daniel als Hauptfigur setzt Ivan Sen einen Akzent auf die jüngere Generation und weist auf die drohende Gefahr eines Fortbestandes der desolaten Situation in den Missionen hin. Im Angesicht eines dunklen Kapitels australischer Geschichte und erfolgloser Gegenwartspolitik wendet er sich den Menschen zu, ohne Vorurteile oder Mitleid heraufzubeschwören. Mit großem Respekt für seine Figuren gelingt ihm ein einfühlsamer Film.

Trailer zu „Toomelah“


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