Toni Erdmann

Aufgeklärt, heiter, bissig – mitten aus dem Alltag schießt Toni Erdmann hinein ins Herz der Familie. Maren Ade hat den Film gedreht, den man sich besser nicht hätte wünschen können.

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Was Kino ist, was besticht, was nicht, wir können es uns nicht aussuchen. Wir kommen müde, angestrengt, mehr oder weniger bereit in den Saal, richten uns aufs Schlimmste ein und hoffen auf das Beste. Und dann, plötzlich, sind wir an einem anderen Ort. Elektrisiert, gekitzelt, als wäre alles vorher und nachher egal, weil nur dieser eine Augenblick, das Jetzt des Films zählt. Toni Erdmann ist ein solches Erlebnis: Sie telefoniert, er setzt sich falsche Zähne auf. Sie tut so, als telefonierte sie noch immer, er geht. Tochter Workaholic, Vater Lebenskünstler. Nur ist das keine Versuchsanordnung, es ist ein Alltag, ein heutiger und ein zeitloser. Im ersten Bild der unnachahmlich deutsche Gartenzaun, eine Schwere liegt in der Luft, Winfried (Peter Simonischek) will sie nicht wahrhaben. Er wehrt sich mit dem, was er hat: seinem Spaß am Scherz. Ein Mittel der Subversion, mal mehr, mal weniger zielgerichtet, denn Scherze können in Winfrieds Welt alle gebrauchen.

Clown auf fremdem Terrain

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Aufeinander reagieren, in einem gemeinsamen Raum stehen, sich zueinander verhalten – Familienverhältnisse werden nicht erklärt, niemand muss ausbuchstabieren, was in der Spannung zwischen den Figuren sofort offensichtlich wird, wer Vater ist, wer Mutter, wer Ex und wer neu. Die Parameter der Handlungen sind in der Heimat fixiert, die kann auch ein Scherzender nur noch mithilfe von Fremden ins Wanken bringen. Auf die viel zu kurze Stippvisite, die Tochter Ines (Sandra Hüller) am Handy verbringt, folgt der Besuch des Vaters bei ihr, in Bukarest. Sachte kommen Komödie und Drama in Fahrt, der Clash von Unternehmensberaterin und Clown auf fremdem Terrain entwickelt sich behutsam. Immer enger wird das Netz gewoben, das den Vater, der seine Tochter vermisst, und die Tochter, die nur ans Beeindrucken ihres Kunden denkt, in Schauplätzen und Erfahrungen verbindet. Toni Erdmann ist Situation nach Situation durchwirkt von den Konflikten, die in anderen Filmen nur behauptet werden, hier erscheinen sie gleichzeitig wirkungsvoller und vertrauter, groß und nahbar.

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Ein Zucken in der Schulter von Ines, als legte sich eine unsichtbare Hand darauf, die es abzuschütteln gilt. Sandra Hüller spielt eine zerrissene Figur, vieles ist an ihren Bewegungen gleichzeitig abzulesen: wohin sie will, wie sehr sie es wirklich will, wo sie gerade ist und wie sie sich selbst dabei gestaltet. Nach einer für sie wichtigen Präsentation, bei der sie dem Kunden drei Modelle des Outsourcings für die Kontrolle seiner Ölanlagen vorstellt, skypt sie kurz mit ihrem Coach (Nicolas Wackerbarth). Sie ist zufrieden mit ihrem Auftritt, aber das Zuhören will sie nochmal üben. Kann sie ihren Körper auch dann kontrollieren, wenn sie noch nicht weiß, was kommt? Sein spontaner Rat ist so einfach wie ernüchternd: Echtes Zuhören schadet. Die Managementwelt der Unternehmensberaterin, Ade bemüht sich, sie nicht zu überzeichnen, sie aber für die Situationskomik zu öffnen. Das gelingt ihr vor allem durch die verblüffende Präsenz von Hüller als Ines: In einer emotional stark geladenen Konstellation lässt sie das persönliche Wollen, das berufliche Können und das ethische Sollen sich sehr pragmatisch miteinander vertragen. Sie ist die Mittlerin, die diese Realität akzeptiert und verteidigt, durch ihr unbedingtes Ziel, darin zu reüssieren.

Kino, wie man sich’s nicht wünschen kann

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„I like countries with a middle class, they relax me.“ Bei einem gemeinsamen Drink mit dem Kunden und seiner neuen Ehefrau kommt alles zusammen, was Toni Erdmann ohne Ressentiment, aber bissig diagnostiziert: die oftmals unauffälligen Perversionen einer patriarchal organisierten Wirtschaft und wie sich Frauen darin positionieren können. Nebenbei wird das erzählt, ohne großes Aufheben darum zu machen, als ein Milieu, das ist, das sich aber nicht erst beweisen muss, das nicht ausgestellt zu werden braucht. Die Hoffnung, die die Geschichte antreibt, ist keine der Aufklärung, sondern der Liebe. Ein Vater will seine Tochter für den gemeinsamen Spaß, oder auch nur für irgendeinen Spaß, wiedergewinnen, und verwandelt sich dafür in die Titelfigur Toni Erdmann. Mit schlecht sitzender Perücke und den falschen kaputten Zähnen, die er stets in der Brusttasche trägt, mischt er sich immer dreister in den beruflichen Alltag der Tochter ein.

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Fern von Deutschland und den geordneten Reaktionen auf Störenfriede hat der in Rumänien gedrehte größere Teil des Films etwas von einem dramatischen und heiteren Reigen, der in seiner Dynamik und Unmittelbarkeit dem neueren rumänischen Kino nicht unähnlich ist. Die bewegte Kamera ist den Figuren dicht auf den Fersen, entlockt ihnen Zärtlichkeit und Leidenschaft, um sie in das Medium des Kinos zu überführen. Immer neue Figuren säumen den Weg, lassen sich ein auf das Spiel mit Toni, voller Verwunderung und Vergnügen, bis Ines selbst zu einer anderen wird, in einer behutsam majestätischen Szene. Mehr als alles andere ist Toni Erdmann Kino, wie man es sich nicht wünschen kann, weil es einen mit seiner Verdichtung, Kraft und Lebendigkeit einfach erfasst, da wo man ist, und das ist immer woanders. Unversehens entführt er uns, sind wir gemeinsam woanders. Selten ist das Glück, so hineingesogen zu werden in die Leinwand. Hineingesogen in die Sehnsucht nach dem nächsten Scherz.

Hier geht es zu unserem Interview mit Maren Ade

Und hier erfahren Sie, was der Cannes-Erfolg von Toni Erdmann bedeutet und was nicht

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