Tomorrow Is Always Too Long

Collage einer Großstadt: Aus einem fiktiven Fernsehprogramm, ein paar schönen Popsongs in Alltagsoutfits und Silhouetten-Animationen hat Videokünstler Phil Collins eine Hommage an Glasgow gebastelt.

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Man braucht ein bisschen, um sich an so viel Empathie im Fernsehen zu gewöhnen. Da scheint es doch tatsächlich um die Menschen zu gehen, die dort frontal in die Kamera über den Klimawandel sprechen, die Zukunft vorhersagen, ein Produkt anpreisen, in einer 08/15-Reportage zu Wort kommen. Da schälen sich Schicksale aus diesen Bildern, aus Bildern, die man eigentlich nur als Totgeburten kennt. Empathisch ist dieses Fernsehen freilich nur, weil es fiktiv ist. Der Videokünstler Phil Collins (nicht verwandt und nicht verschwägert ...) hat Einwohner Glasgows in ein Retro-Studio eingeladen, um mit ihnen Fernsehen zu spielen. Und so wird ordentlich gezappt in dieser Symphonie einer Großstadt, die im 21. Jahrhundert das Fernsehen natürlich nicht aussparen darf.

Was ist das Gegenteil von Individuum?

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Das Fake-TV-Programm ist beileibe nicht die einzige Schicht dieses Films, aber vielleicht die originellste. Da werden herzzerreißende Kontaktanzeigen aufgesagt, eine Wahrsagerin richtet verzweifelte Wacht-endlich-auf-Reden an ihr Publikum, eine Quizshow folgt längst keinem Brockhaus-Modus mehr, sondern neuen Aufmerksamkeitsökonomien mit ihrer Indifferenz gegenüber High und Low: Nennen Sie eine Straße in Bagdad. Wer wurde auf Twitter verspottet, weil er nach Ideen für Parfümnamen fragte? Was ist das Gegenteil von Individuum? Und irgendwann, sehr schön: Nennen Sie mindestens einen Grund, warum die Leute nicht mehr auf die Straße gehen. Bei den meisten dieser Fragen muss die Kandidatin passen.

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Phil Collins ist Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln, für seine Projekte hat es ihn aber regelmäßig in die weite Welt verschlagen. Um Tomorrow Is Always Too Long zu drehen, hat er ein Jahr in der Heimat seines Vaters verbracht. Das Stadtporträt im engeren Sinne hat Collins in die Animationen von Matthew Robbins verbannt. Hier sind vor flächigen Hintergrundmalereien schwarze Silhouetten mit riesigen Augen zu sehen, wie sie sich fortbewegen in dieser Stadt. Ein unheimlicher sense of place zeichnet diese Animationen aus, place hier aber nicht im Sinne von Architektur oder Stadtromantik, sondern als durch Menschen angeeigneter Raum. Die Silhouetten, unglaublich elastisch, trinken auf einer Parkbank, koksen im Club, ficken im Wald. Glasgow ist hier Praxis.

Man wird doch wohl noch singen dürfen

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Collins ist keiner jener Videoartists, denen es an Oberflächen gelegen ist, an Texturen, an der Veränderung von Wahrnehmungsformen. Es geht in jedem Bild um Menschen, mal als konkrete Personen, mal als soziale Gefüge, oder auch mal um einen Hund. Deshalb wird auch eifrig gesungen in Tomorrow Is Always Too Long. Sechs Lieder der walisischen Sängerin Cate Le Bon strukturieren den Film, vorgetragen werden sie von Menschen unterschiedlichster Lebensphasen in Alltagssituationen. Eher introvertiert wird da gesungen, wie bei Proben für ein Musikvideo, in dem man den Mund zum Playback nur so halb öffnen muss. An den Musical-Momenten, wenn sich eine Stimme aus dem Kneipen- oder Schulhof-Setting erhebt, interessiert Collins weniger die Dramatisierung des sonst nur Gesprochenen oder Gedachten als überhaupt diese beginnende Artikulation, jenes Übertreten einer Schwelle: Jetzt reicht es, scheinen diese Menschen zu denken, man wird doch wohl noch singen dürfen, man wird sich der Welt doch noch mitteilen dürfen, und dann geht es mit einer rührenden Selbstverständlichkeit hinein in die Liedtexte – das Royal Scottish Orchestra begleitet.

Wunsch nach Security

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Was diesen Film sympathisch macht, ist sein bescheidener Gestus. Zwar wähnt man sich zu Beginn, wenn ein Kind geboren wird, erst mal in eifriger Lebenspoesie. Danach lehnen sich die Bilder aber völlig zurück. Kein überanstrengter Willen zur Kunst, keine bewusste Überforderung, keine penetrante Reflexivität; selbst das Psychedelische artikuliert sich weniger in LSD-Wow als in Kiffer-Chill. Tomorrow Is Always Too Long ist ein Angebot: Alles liegt da eigentlich völlig klar vor einem und regt dennoch dazu an, Linien zu ziehen und Ideen zu entdecken. Ein Film, der sich ganz in seine Form zurückzieht und manchmal ein paar behutsame Vorschläge in den Bilderfluss hineinflüstert, ansonsten das Feld aber anderen überlässt.

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Jener Frau zum Beispiel, die sich darüber beschwert, dass sie seit ein paar Jahren beim Security-Check am Flughafen nicht mehr abgetastet wird. Früher war das nervig, aber in Ruhe gelassen zu werden kann nichts Gutes bedeuten. Im Home-Shopping-Kanal preist sie Abhilfe an: einen unauffälligen Magnetstreifen, der sich leicht unter dem Oberteil verstecken lässt und noch jeden Flughafenscanner zum Piepsen gebracht hat: „to get the search you deserve“. Das ist nicht nur zugleich tragikomisch im besten Sinne, sondern auch ein schönes Beispiel dafür, wie Collins Wünsche aus den falschen Bedürfnissen destilliert, Empathie im Fernsehen findet.

Trailer zu „Tomorrow Is Always Too Long“


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