Tomboy – Kritik

Komödie und existenzielles Drama zugleich, erforscht Tomboy die kindliche Suche nach der eigenen Identität.

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Es gibt Filme, denen es gelingt, mit den einfachsten erzählerischen Mitteln einige der kompliziertesten menschlichen Fragen aufzuwerfen. Tomboy, der zweite Spielfilm der jungen Französin Céline Sciamma, gehört eindeutig dazu. Ein zehnjähriges Kind, mit blauen Augen und raspelkurzen blonden Haaren, zieht mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester in ein neues Wohnviertel: Die Mutter (Sophie Cattani) erwartet ein Baby, und die Familie benötigt ein weiteres Kinderzimmer. Die Sommerferien gehen zu Ende, das neue Schuljahr steht vor der Tür. Für jedes Kind bedeutet so eine Entwurzelung zunächst Einsamkeit und Angst. Die neue Wohnung ist noch leer und aus Rücksicht auf die hochschwangere Mutter grabesstill. Draußen vor dem Balkon spielt eine Bande Jungs zusammen in der Sonne. Es ist Zeit, neue Freunde zu finden.

Über dieses Kind hat die diskrete Kamera bisher nur sehr wenig verraten (und wer vor Sichtung des Films nicht mehr erfahren will, sei vorm Weiterlesen gewarnt): Es redet wenig, wirkt nachdenklich, trägt rote Shorts und Kapuzenpulli. Bei seiner ersten Erkundungstour nach draußen fragt es ein Mädchen namens Lisa (Malonn Lévana) nach seinem Namen. „Michael.“ Michael wird dank Lisa in die Gruppe eingeführt, erweist sich schnell als guter Spielkamerad und Fußballer und für Lisa angenehm anders als die anderen Jungs. Eine vorpubertäre Spätsommerromanze? Hier ist der Zuschauer auf falscher Fährte. Die Art und Weise, wie die Kamera auf dem Kind insistiert, macht bereits spürbar, dass es ein Geheimnis in sich trägt.

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Mit der Wahrheit wird der Zuschauer in Form einer genialen dramaturgischen Nebensächlichkeit vollkommen überrumpelt: Damit das Kind aus der Badewanne steigt, ruft die Mutter seinen Namen. „Laure!“ Der Junge ist ein Mädchen.

Doch was noch viel irritierender ist: Auch als das Geheimnis offenbart ist, glaubt man als Zuschauer weiterhin an „Michael“, wie die Kinder aus der Nachbarschaft. So wird Tomboy nebenbei zu einer Abhandlung über Inszenierung und die Kraft der Illusion. Wie die Regisseurin mit einem kleinen Budget das filmische Universum erschaffen hat, so erschafft Laure den Jungen Michael mit bescheidenen Mitteln: die Gestik und die Mimik, die sie von den Nachbarsjungen abschaut und vor dem Spiegel übt. Das rosafarbene Schlüsselband von der Mutter, das sie gegen einen weißen Schnürsenkel austauscht. Sich beim Fußballspiel das T-Shirt vom Leib reißen und mit nacktem Oberkörper weiterspielen geht auch noch ganz gut. Schwieriger gestaltet sich da schon die Pinkelpause in der Halbzeit. Und der gemeinsame Nachmittag am Badesee in enger Badehose – eine Unmöglichkeit. Die Idee, die Laure hat, um diese Hürde zu meistern und Michaels Haut zu retten, ist ein kindlich-gewitzter Trick, ein Griff in die Spielzeugkiste. Die junge Schauspielerin Zoé Heran in ihrer androgynen Schönheit ist in ihrer Rolle eine leise Sensation.

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Laures stummer Blick schwankt zwischen kühler Berechnung und hilfloser Überforderung mit ihrer erwachenden Identität. Sie durchlebt einen Thriller, ein Konzentrat aus Ängsten, der Mädchenkörper könne die Jungenpsyche verraten. Das ist aber nicht nur erdrückend, sondern oft auch richtig lustig, vor allem, wenn die kleine Schwester Jeanne (Jeanne Disson), zunächst schockiert, zur Komplizin wird und dann, stolz auf den „großen Bruder“, zwischen freundlicher Erpressung und geistreicher Lügerei agiert. Nebenbei bemerkt, hätte die respektvolle Art, wie Céline Sciamma Habitus und Codes der kindlichen Gesellschaft einfängt und ihr Universum zwischen Hauseingängen und Waldlichtungen filmt, einen François Truffaut gefreut.

Was macht ein Mädchen, was einen Jungen aus? Tomboy liefert eine diskrete Reflexion darüber, wie sehr der Blick der Anderen unser Wohlbefinden beeinflusst, uns einengt, verdammt und in eine Normalität zwingt, und fordert leise das Recht auf eine selbstbestimmte Existenz. Die Leichtigkeit, mit der „Michael“ von der Jungenbande aufgenommen wird, suggeriert, dass die sexuelle Identität vor allem ein Spiel, eine Konvention ist. Auch dem Zuschauer wird seine gesellschaftliche Konditionierung diesbezüglich von der allerersten Szene an vorgeführt. Und doch bleibt ein unauflöslicher Unterschied zwischen den Geschlechtern, an dem Laure-Michael scheitern muss.

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Als dem Kind die Stunde der Wahrheit schlägt, zeigt sich, dass die scheinbar anarchistische Welt der Kinder den gleichen gesellschaftlichen Konformismen unterworfen ist wie die der Erwachsenen. Laure muss durch die Hölle gehen, um als Mädchen wieder aufzuerstehen, und auch hier genügt der Regisseurin ein unspektakuläres, aber alles sagende Bild.

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Kommentare


jlo

Einer der stärksten Beiträge der letztjährigen Berlinale! Finde es toll, dass sich für diesen schönen Panorama-Film ein Verleiher finden ließ. Tomboy ist mir in all seiner Schlichtheit stark in Erinnerung geblieben.


Classless 21

Hervorragender Film!

Geschlecht ist ebenso wie Rasse, Nation, Religion, bürgerliche "Familie", Heteronorm(ativität) etc. ein gesellschaftliches (Herrschafts-) Konstrukt, das direkt mit den herrschenden Produktionsverhältnissen und den von diesen diktierten Reproduktionsverhältnissen verknüpft ist.

Und sie müssen gemeinsam mit diesen überwunden werden!






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