Tokyo Tribe

Grimmelshausen in Neo-Tokyo und ein Werk als Skizzenbuch: Kaum kommt Tokyo Tribe ins deutsche Kino, da hat Sion Sono schon wieder drei Filme fertig und schneidet an zwei weiteren.

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Starten wir mit einer kleinen Hypothese: Wer zitiert, macht sich etwas Fremdes zu eigen – wer dagegen verweist, deutet vom Eigenen weg. Natürlich ist es ganz so einfach wohl nicht, weil ein Zitat ja auch immer einer Einladung gleichkommt, abzuschweifen, anderswo anzudocken. Oder weil man einen Verweis nicht erkennen oder nicht Folge leisten kann. Aber lassen wir die These für den Moment mal stehen. Warum? Für Sion Sonos Hip-Hop-Musical-Pastiche Tokyo Tribe stellt sich das Verhältnis zwischen dem Einverleiben popkultureller Versatzstücke und dem Weg-vom-Geschehenden-Deuten als echtes Rezeptionsproblem dar. Andauernd bieten sich da Querverbindungen an – zu anderen Filmen, zu amerikanischen Rap-Alben, zu Mangas. Und weil ziemlich viel in Tokyo Tribe ziemlich peinlich ist, lässt man sich willfährig ablenken. Am Ende aber steht Verwirrung: War das jetzt ein ziemlich einzigartiges postmodernes Mosaik oder eine Art auf Filmlänge aufgeblähte Linkliste?

Vorsicht: Aufzählung

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Die Grundparameter sind schnell gesteckt: Überkandidelte Musical-Gangwars in grellbunter Studiokulisse, die ein fiktives Neo-Tokyo darstellen sollen. Ebenso fix ist die Ahnengallerie zusammen gegooglet: Von Sogo Ishiis Burst City (1982) über Katushiro Otomos Akira (1988) zu Doze Nius Monga – Gangs of Taipeh (2010); Walter Hill natürlich – The Warriors (1979), und Streets of Fire (1984);  nicht zu vergessen sind auch West Side Story (1961), A Clockwork Orange (1971) und peripher noch Absolute Beginners (1986). Sion Sonos eigene Jugendgangfilme, Love Exposure (2008) oder Why Don't You Play in Hell (2013) etwa, muss man ohnehin mitnehmen. Und am besten alles, was Takashi Miike je gedreht hat, vor allem die Dead or Alive-Trilogie (deren Mephisto-Schauspieler Riki Takeuchi in Tokyo Tribe einen outré-Bösewicht namens Buppa gibt, der alternativ Zigarren raucht oder auf abgeschlagenen Fingern kaut).  Würde man aus all diesen Verweisen einen gemeinsamen Nenner destillieren, hätte man Tokyo Tribe quasi ex negativo vorgestellt – und könnte sich die Sichtung schenken.

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Die Gangs in Tokyo Tribes rappen übrigens – in marginal unterschiedlichen, aber ausnahmslos dem amerikanischen Hip-Hop-Biz der 1990er und Nuller-Jahre entlehnten Stilen. Die „Hands“ machen einen auf G-Funk, die friedliebenden „Musashinos“ bieten Conscious-Rap, die „Sarus“ sind eher dem schleppenden Südstaatensound verpflichtet. Und es ist eben dieses nervtötende Gerappe (immerhin gefühlt 70 Prozent der Dialoge) in Kombination mit einem Soundtrack aus Retortenbeats, das die oben beschriebene Zitate-Problematik in Gang setzt: Im besten Fall medioker, in den allermeisten Fällen aber deutlich schlechter, kommen die quälenden Singsprech-Einlagen einer Einladung gleich, schnell an etwas Anderes, Besseres zu denken. Zumal die spürbar kalkulierte Trashgeste, mit der hier alles „Das wird Kult!“ brüllt, ohnehin erstmal Verweigerungsreaktionen provoziert. Einerseits.

Überrollt von Oberflächen

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Andererseits war Sion Sono immer schon ein Meister darin, seine Filme mit allerlei unbearbeiteten Ideen vollzuramschen, um dann aus einem Wust an Figuren und Stilübungen den ihm eigenen Strudel, den Sog einer dauernd vorantreibenden überwältigenden Sinnlichkeit zu entfachen. Nicht anders hier: Nach einer Sono-typisch endlosen Exposition, in der all die vielen bunten Jugendbanden vorgestellt werden, metastasiert Tokyo Tribe alsbald zu einer wummernden, jubilatorischen Martial-Arts-Orgie mit zig unklar in der fiktiven Stadtlandschaft versprengten Schauplätzen. Das Studiosetting nutzt Sono dabei voll aus: Statt der wohlvertrauten Stakkato-Montage gibt es teils exquisit choreographierte Plansequenzen mit mal fliegender, mal kauernder Kamera. Die Stunts sind angenehm old school, ein Schlag ist hier ein Schlag und kein Schnitt. CGI-Trickerseien gibt es nur eine Handvoll – und dann so schön dilettantisch animiert, dass sie auch den unbedarften Zuschauenden nicht als Augenzwinkern entgehen werden.

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Es ist diese unentrinnbare, wildwuchernde visuelle und kinetische Energie, durch die sich Tokyo Tribe all die tendenziell verwirrenden Fremdbestandteile dann doch wieder einverleibt – in der Hatz von Kampf zu Kampf zu Rückblende zu Metakommentar wird es schnell egal, dass man alle Einzelteile schon mal irgendwo anders und meistens besser gesehen oder gehört hat: Niemals hat man sie in dieser Kombination und als solch hanebüchenen Parforceritt erlebt. Tokyo Tribe gehört eigentlich eher in den Zirkus als ins Kino. Seine Oberflächlichkeit ist der Groteske näher als der Ironie, mehr Barock als Postmoderne, eher Grimmelshausen als Pynchon.

Oeuvre des Unreifen

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All das erinnert daran, was an Sonos Schaffen prinzipiell fasziniert: sein fast tollkühner Wagemut, seine Erst-tun-dann-denken-Mentalität. Er scheint seinen Einfällen absichtlich keine Zeit zum Reifen einzuräumen (sonst liefe er wahrscheinlich Gefahr, gar nichts mehr zu machen), sondern schreitet von der Rohidee ziemlich unvermittelt zur Umsetzung voran – und dann flott zum nächsten Projekt. Perfektion meidet er wie der Teufel das Weihwasser. Sein Oeuvre ist ein Skizzenbuch, kein Werk. Frustrationen sind da quasi unvermeidbar, und bei vielen Filmen regiert die Ungewissheit, ob nun Hop oder Top. Tokyo Tribe steht dafür fast paradigmatisch, weil es wirklich schwer ist, zu entscheiden, ob dieser Film nun ein echtes Statement ist oder substanzlose Klauberei. Dazwischen gibt es jedenfalls nichts.

Trailer zu „Tokyo Tribe“


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