Tokyo Godfathers

Drei Obdachlose stoßen im weihnachtlichen Tokio auf ein ausgesetztes Neugeborenes. In unspektakulären Bildern beschreibt Satoshi Kons Animationsfilm das Leben am Rande der japanischen Gesellschaft.

Tokyo Godfathers

Tokyo Godfathers ist einer der zahlreichen, weltweit erfolgreichen, japanischen Zeichentrickfilme (auch „Anime“ genannt), die sich nicht nur an jugendliche Zuschauer, sondern an alle Altersgruppen wenden. Diese Streifen werden von großen Studios mit industriellen Produktionsmethoden erstellt, an einem einzelnen Film sind meist mehrere Hundert Zeichner beschäftigt. Von der Leistungsfähigkeit dieses Systems konnte man sich beispielsweise vor zwei Jahren überzeugen, als Hayao Miyazakis Meisterwerk Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi, 2001) den Weg in die Deutschen Kinos fand und generationenübergreifend gefeiert wurde. Tokyo Godfathers, die neue Arbeit des Regisseurs Satoshi Kon, zeigt dagegen, dass das Genre neben Ausnahmefilmen auch viel Mittelmaß beinhaltet.

Dieser Eindruck wird schon vom Zeichenstil nahegelegt. Zwar sind sowohl Figuren als auch Hintergründe stimmungsvoll und flüssig dargestellt, von der visuellen Opulenz anderer aktueller Genrebeiträge wie Ghost in the Shell 2: Innocence (Inosensu: Kôkaku kidôtai, 2004) ist Tokyo Godfathers jedoch weit entfernt. Insgesamt wirkt der Stil bieder und nicht mehr wirklich zeitgemäß, strahlt eine Behäbigkeit aus, von welcher sich auch die amerikanischen Produktionen bereits in den 90er Jahren verabschiedet hatten. Ästhetisch erinnert der Film an kindsgerechte Fernsehunterhaltung, doch thematisch begibt sich der Regisseur in ganz andere Gefilde.

Tokyo Godfathers

Der alternde, dem Alkohol nicht abgeneigte Gin, sein Begleiter Hana, ein Transvestit, der sich nach einer echten Familie sehnt, sowie die jugendliche Ausreißerin Miyuki leben als Obdachlose in Tokio. Hanas Traum wird wahr, als das ungewöhnliche Gespann an Heiligabend ein offensichtlich von den Eltern ausgestoßenes Neugeborenes findet.

Die Geschichte, die Tokyo Godfathers erzählt, ist alles andere als originell. Inmitten des kommerzialisierten Weihnachtstrubels wird die Legende der heiligen Familie am Rande der Gesellschaft nachgestellt. Das Interessanteste an dem gemächlich voranschreitenden Plot ist die Tatsache, dass er in Japan, einem Land, in welchem der christliche Glaube einen äußerst schwachen Stand hat, situiert ist. Und so spielen religiöse Motive auch nur anfangs eine größere Rolle, im Folgenden konzentriert sich Tokyo Godfathers auf die persönlichen Erfahrungen seiner Protagonisten, zeichnet aber auch das Bild ihrer intoleranten Umwelt, welche die Obdachlosen meist ignoriert und oft demütigt. Auf der Suche nach den Eltern des Kindes werden die drei Außenseiter einerseits mit Gangstern, Gastarbeitern und der Homosexuellenszene konfrontiert, andererseits müssen sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Tokyo Godfathers

Auf den ersten Blick ist Tokyo Godfathers das Musterbeispiel für einen sozial engagierten Film. Regisseur Kon lenkt den Blick auf gesellschaftliche Gruppen, die in Japan wie in allen Industrieländern vom allgemeinen Wohlstand ausgeschlossen sind oder sich zumindest dem kulturellen Mainstream widersetzen, auf Obdachlose, Ausländer und Homosexuelle. Dabei zeigt er eindringlich die Schwierigkeiten, denen diese Bevölkerungsteile im Alltag begegnen, Gin etwa wird von Jugendlichen aus Spaß brutal zusammengeschlagen, ohne dass er Hilfe von Außenstehenden erhält. Allerdings bleibt die politische Dimension auf der Ebene der bloßen Beschreibung stecken. Mögliche Ursachen für die soziale Schieflage interessieren in Tokyo Godfathers niemanden, alle Probleme werden auf rein persönliche Faktoren reduziert. Gin wurde obdachlos, weil er Angst hatte, Verantwortung für seine Familie zu übernehmen, Miyuki glaubte, im Streit ihren Vater getötet zu haben und rannte von zu Hause fort. Die Schwierigkeiten der Protagonisten werden so auf deren eigenes Versagen zurückgeführt, in dem Moment, in welchem ihr Seelenleben wieder im Gleichgewicht ist, verschwinden auch ihre materiellen Sorgen. Trotz allen sozialen Engagements, welches man dem Film nicht absprechen kann, nimmt er damit genau die Haltung der gesellschaftlichen Mehrheit, die er eigentlich kritisieren will, ein.

So bleibt der Eindruck, den Satoshi Kons Film hinterlässt, bestenfalls zwiespältig. Zwar verabschiedet sich Tokyo Godfathers von den fantastischen Welten, in denen die meisten aktuellen Animes angesiedelt sind, und begibt sich stattdessen in die sozialen Brennpunkte Japans. Das Werk bleibt jedoch aufgrund seiner politischen Naivität ähnlich eskapistisch wie die Streifen Miyazakis, ohne auch nur ansatzweise deren visuelle Brillanz oder mitreißende Poesie zu erreichen.

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