Töte mich

Ein suizidaler Teenager und ein Sträfling auf der Flucht: Emily Atefs dritter Film leidet unter der Kluft zwischen visueller Reduktion und narrativer Überfrachtung.

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Nach etwa zwanzig Minuten sagt Adele (Maria Dragus) den entscheidenden Satz. Sinngemäß lautet er: Ich helfe dir, wenn du mich dafür umbringst. Dieser Satz ist nicht nur wichtig, weil hier der Ausgangspunkt für die gesamte Handlung von Töte mich liegt, sondern auch, weil man sich selbst als in die Thematik des Films eingeweihter Zuschauer an dem Moment stößt, in dem er ausgesprochen wird. Nach der leisen, dokumentarischen Exposition irritiert er sowohl durch seinen sehr speziellen Inhalt wie durch die Künstlichkeit seines Klangs und illustriert damit die hauptsächlichen Probleme des dritten Films von Emily Atef (Molly’s Way, 2005, Das Fremde in mir, 2008).

Aber zunächst zum Kontext: Adele sehen wir gleich in der ersten Szene vor einer Klippe stehen, wenig später mit ihrer Familie streiten, weil eine Kuh vom Hof gelaufen ist. Später erfahren wir, dass ihr Bruder bei einem Unfall ums Leben kam, sie selbst danach kurzzeitig im Koma lag. Kurzum: Adele möchte nicht mehr leben, aber einfach in den Abgrund zu springen, das schafft sie nicht. Praktisch also, dass sich der entflohene Sträfling Timo (Roeland Wiesnekker) ausgerechnet im Bauernhof von Adeles Familie verschanzt hat und das Mädchen bedroht. Von besagtem Satz ist Timo ebenso irritiert wie der Zuschauer, geht aber zunächst auf den Deal ein.

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Aus dieser doch etwas stark konstruierten Ausgangssituation entwickelt sich ein recht vorhersehbares Narrativ: Natürlich tötet Timo Adele nicht, zunächst weil keine Zeit dafür ist, dann weil das Mädchen es sich anders überlegt. Sie will vorerst nicht sterben, sondern sich Timo anschließen, der vorhat, über seinen Bruder in Marseille an Geld zu kommen und damit nach Afrika zu fliehen. In dem Maße, in dem Adele ihren Todeswunsch vergisst, entwickelt sich Töte mich zu einer klassischen Geschichte zweier Flüchtiger, die sich in gegenseitigem Vertrauen üben müssen – zum Kammerspiel in weiten Landschaften. Für Adele kehrt mit der Flucht das Abenteuer und die Überraschung in ihr Leben zurück, mit Timo wohl auch ein Ersatz für den toten Bruder und den strengen Vater. Andersherum wird das Mädchen für Timo immer stärker zur Lebensversicherung in brenzligen Situationen, vor allem bei einem höchst unwahrscheinlichen Aufeinandertreffen mit der Polizei, für die Timo mittlerweile nicht bloß entflohener Sträfling, sondern auch Kindesentführer ist.

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Überhaupt die Wahrscheinlichkeit: So ungern wir Fragen der Glaubwürdigkeit als entscheidendes Kriterium für die Qualität eines Films heranziehen wollen, ist es gerade Atefs betont reduzierte Inszenierung und ihre genaue Beobachtung von Einzelheiten, welche die wenig plausibel erscheinende Gesamthandlung zum Störfaktor werden lassen. Atef versucht stets, das sich wandelnde Verhältnis zwischen Adele und Timo nicht über Dialoge und direkte Handlungen auszudrücken, sondern durch Andeutungen, durch leichte Verschiebungen in Gestik und Mimik, durch die Anordnung der Figuren im Raum oder einfach über Veränderungen in der Landschaft. Es ist die Diskrepanz zwischen dieser Reduzierung der Form und der Überfrachtung des Inhalts, die in Adeles Satz zu Beginn und im Film überhaupt irritiert. Gerade die Betonung visueller Elemente entblößt in verstärktem Maße die Schwächen des Drehbuchs, und die Künstlichkeit der Ausgangssituation verdammt die Übung in Reduktion von vornherein zum Scheitern.

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Dieses Problem überträgt sich auf die Darsteller, denen es nicht gelingt, vielleicht gar nicht gelingen kann, aus Atefs Konstruktion auszubrechen. Die aus Hanekes Das weiße Band (2009) bekannte Maria Dragos hat es ohnehin nicht einfach. Das Sterben-Wollen ist schließlich keine Emotion, die in einer konkreten Situation verankert, deshalb abrufbar oder mit eigenen Erinnerungen verbunden wäre. In kurzer Zeit eine Figur als suizidal einzuführen, glaubhaft einen Menschen darzustellen, der keinen Grund mehr zum Leben erkennt, das setzt nicht nur schauspielerisches Talent voraus, sondern auch eine versierte Regie. Auch hier versucht sich Atef mit Reduzierung, versucht das Leben aus Dragos’ Gesicht weichen zu lassen, muss diese Reduzierung aber doch wieder mit überdeutlichen psychologischen Erklärungen ihres Todeswunsches aufbrechen. Auch die Figur des Timo beginnt als Rätsel und endet als Produkt einer traumatischen Kindheit. Atef scheint stets Erklärungen vermeiden zu wollen und greift in entscheidenden Situationen doch auf sie zurück. Die wenigen Dialoge sagen so doch zu viel, und ihr etwas gekünstelter Klang reißt aus den stillen und häufig gelungenen Sequenzen heraus.

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Zwar gibt es in Töte mich noch immer etwas zu entdecken. Das Bild Afrikas als rettendes Ufer erscheint als interessante Umkehrung  der üblichen Bewegung hin zu Europa, auch wenn Timos Status als quasi Illegaler die „Arbeitsteilung“ der Kontinente doch eher wieder verstärkt. Und Adeles Sehnsucht nach dem Bruder entwickelt sich im Laufe der Reise zu einer Maskulinisierung ihrer eigenen Person, wenn sie sich die Haare abschneidet und minutenlang beim Fußballspielen gezeigt wird.

Doch für eine präzisere Auslotung dieser Themen nimmt Atef ihre Rahmenhandlung zu ernst, in der letztlich mehr passiert als in der Entwicklung der beiden Figuren. Ihre Versuchsanordnung mag spannend erscheinen, ist letztlich aber zu fest angeordnet, um für echte Versuche noch Platz zu lassen. 

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Kommentare


Martin Zopick

Solange es Filme wie diesen von Emily Atef gibt, sieht man, dass der europäische Film nicht verloren ist und wir uns gegen die Überflutung aus Hollywood erfolgreich wehren können.
Hier hat sie eine Außenseiterballade gedreht. Und wie schon in ‘Molly’s Way‘ ist ihr Kennzeichen die äußerst behutsame Annäherung an ihre ‘Antihelden‘ mit der Offenlegung von Leid. Ein seltsamer Deal steht am Anfang: Adele (Maria Dragus) hilft ihm, Timo (Roeland Wiesnekker) soll sie dafür in den Tod schubsen. Er ist auf der Flucht und sie will nur von zu Hause weg und aus diesem freudlosen Leben scheiden.
Eine Symbiose, die schief gehen, aber auch gelingen kann. Die harte Schale, die beide Charaktere umgibt, muss erst aufgeweicht werden. Es dauert bis die erste Träne rollt. Und dann wird es nach kurzer Überraschung (Ist Timo weg oder doch wieder da?!) nochmal spannend. Ein Einschub aus der Gangsterwelt, der aber das vorhersehbare Ende andeutet. Inzwischen ist aber jedem klar, dass Adele eigentlich nicht mehr so sehr den Suizid anpeilt. Das macht aber nichts, denn da ist kein Honigtopf, kein amouröses Spielchen mit einem Zuckereffekt. Timo bleibt kantig, wortkarg und unheimlich. Adele schaut und schweigt und lässt Hoffnung aufkeimen. In jeder Ruppigkeit der beiden kann eine Annäherung stecken. Es ist bald keine Frage mehr des Ob, sondern nur des Wann denn nun? Im Gegensatz zum vorher Gesehenen ist die letzte Einstellung bewusst weich und harmonisch. Also doch ein wenig Puderzucker. Aber nur kurz. Solche Filme brauchen wir einfach – mit allen Unzulänglichkeiten. Sie zeigen einfach etwas ganz anderes als das amerikanische Kino.






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