Tödliche Entscheidung

Nach dem künstlerischen Desaster von Find Me Guilty hat Altmeister Sidney Lumet noch einmal den richtigen Stoff und die richtigen Schauspieler gefunden. Was Matchpoint für Woody Allen war, ist Tödliche Entscheidung für ihn: ein kleiner, bösartiger Ensemblefilm, der so gar nicht in die aktuelle Kinolandschaft passen will.

Tödliche Entscheidung

Zwei Frauen werden mit männlicher Gewalt konfrontiert. Sie beide greifen zur Waffe. Spiegelartig reflektieren sich diese zwei Szenen zu Beginn und am Ende von Tödliche Entscheidung (Before the Devil knows you’re dead). Jedes Mal rechnen die Männer nicht mit der Entschlossenheit und Gewaltbereitschaft ihrer Opfer. Ihr Kalkül und ihre Pläne schlagen fehl. Womit Sidney Lumets neuester Film gleich zu den Wurzeln des Heist-Movies vordringt: Dem Irrglauben, menschliches Handeln vorhersehen und kontrollieren zu können. „The Human Factor“ ist es, der jeden noch so genial arrangierten und ausgetüftelten Coup zum Scheitern bringt. Bei Lumet sind es durchweg Männer, die in ihren Überlegungen sowohl Frauen als auch ältere Menschen unterschätzen. In seinem tragischen Klassiker Hundstage (Dog Day Afternoon, 1975) unterschätzten zwei kleinstkriminelle Außenseiter die Radikalität der Behörden. Diesmal sind es zwei Brüder, die ihre eigenen Eltern falsch taxieren. Was nicht nur fatal ist, sondern auch zynisch .

Das Radikale an Lumets Film ist, wie er das amerikanische Heiligtum, die Familie, hier von innen aushöhlt, zersetzt. Den Laden der eigenen Eltern zu überfallen ist eine so hochgradig stumpfsinnige Idee, dass ein blutiges Ende folgen muss. Doch sie ist aus der Verzweiflung geboren und vor allem aus der Illusion Andys (Philipp Seymour Hoffmann), sein längst völlig aus der Bahn gelaufenes Leben noch immer unter Kontrolle zu haben. Doch weder seine Frau Gina (Marisa Tomei), noch sein Job scheinen ihm sicher. Lieblosigkeit und Desinteresse auf der einen, Unterschlagung auf der anderen Seite drohen ins Unheil zu führen. Seinem Bruder Hank (Ethan Hawke) geht es nicht viel besser, nur dass es ihm noch gelingt, Gina zu befriedigen. Keine guten Voraussetzungen.

Tödliche Entscheidung

Lumet erzählt dieses planerische, emotionale und menschliche Scheitern zwar konsequent von der ersten Minute an, doch alles andere als geradlinig. Immer wieder wechseln Zeiten und Perspektiven. Motor und Kontinuum dieser Erzählung ist der Score Carter Burwells, dem Hauskomponisten der Coen-Brüder, der sich an klassischen Heist-Themen etwa der Filme David Mamets orientiert. Doch anders als dort und anders als in den Genrestandardwerken Melvilles, gibt es bei Lumet keine Perfektion, die dem Scheitern weichen muss. Das Scheitern ist immer schon da. Bereits die Einstiegsszene setzt Lumets Vorhaben als Miniatur um. Das scheinbar glückliche Sexualleben des Ehepaars Hanson entpuppt sich als trauriger Ausnahmefall, als winziges Überbleibsel eines Urlaubs, der Fantasien weckt, die schon im Bett von bohrenden Existenzängsten unterminiert werden.

Der Ton gängiger Vater-Sohn-Geschichten hollywoodscher Prägung hat sich gewandelt. Tommy Lee Jones muss als Vietnam-erfahrener Vater in Im Tal von Elah (In the Valley of Elah) so allerhand Unerwartetes über seinen verschollenen Sohn erfahren. In James Grays düsterem Meisterwerk Helden der Nacht (We own the Night) sind es zwei rivalisierende Söhne, die ihrem Vater das Leben kosten.

Tödliche Entscheidung

Was Tödliche Entscheidung mit diesen Werken verbindet ist die Konsequenz, mit der hier Familien von Innen zerstört werden. Doch wo bei Haggis das Innen immer auch der Kern einer maroden amerikanischen Gesellschaft ist, die sich nicht mehr selbst zu helfen vermag, kommt die destruktive Kraft in den Psychogrammen Grays und Lumets aus dem Kern der Familie selbst. Lumet ist weit entfernt von der Parabelhaftigkeit seines Kollegen Haggis, bei ihm weht keine amerikanische Flagge am Ende. Ganz im Gegenteil: Hier erhält der Tod weder eine symbolische Aufwertung, noch kommt er von außen. Womit sich Lumet auch von dem Mitgefühl distanziert, dass er seinen scheiternden Antihelden in Hundstage noch gewährte. Und während sich sowohl bei Gray als auch bei Haggis die Figuren immer noch fragen, wofür sie kämpfen, sind die verlorenen Seelen aus Tödliche Entscheidung weit darüber hinaus. Andy und Hank handeln nicht nur unverantwortlich, sie handeln vor allem egoistisch und rücksichtslos.

Tödliche Entscheidung

Am Ende von Million Dollar Baby (2004) entschließt sich eine Vaterfigur aus Liebe, die Titelheldin im Krankenbett sterben zu lassen – mit aktiver Hilfe. Bei Tödliche Entscheidung kommt es zu einer sehr ähnlich arrangierten Konfrontation, doch weicht die Liebe hier einem noch stärkeren Gefühl. Mit seiner Antithese zu Eastwoods modernem Klassiker wirft Lumet unglaublich viel Hass und Sinnlosigkeit in die Wagschale. Wie unterschiedlich Altersweisheit doch aussehen kann!

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Kommentare


Martin Z.

Solche echten menschlichen Dramen kann wohl nur ein Altmeister wie Sidney Lumet noch gestalten und mit der Art und Weise, wie er sie erzählt, überzeugen. Es entsteht ein komplexes Geflecht von fatalen Beziehungen innerhalb einer Familie. Auch die Variante des Überfalls auf einen Juwelier ist neu. Mit den beiden Söhnen (Philip Seymour-Hoffman und Ethan Hawke) geht es gnadenlos abwärts, Tiefschlag folgt auf Tiefschlag und die Schlinge zieht sich immer enger zu. Selten sieht man so eine schauspielerische Höchstleistung, besonders was ihr Verhältnis zu ihrem Vater angeht. Szenen erinnern an Arthur Millers ’Handlungsreisenden’. Aber auch untereinander brodeln jede Menge Probleme, die sie aber auch aneinander binden. Das ganze Ausmaß des menschlichen Dramas spiegelt sich im Gesicht des großartigen Albert Finney wieder, der als Racheengel das Unglaubliche ausführt. Ein Thriller, der den Tiefgang einer griechischen Tragödie hat.






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