Töchter

Es tut weh, doch der Film sagt einem nicht wo.

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Die Trauer ist neben der Angst ein Gefühl, bei dem man ganz zu sich kommt, und eines, das alles um einen herum erst einmal leblos und unbedeutend zurücklässt. Während der eigentliche Schmerz des Verlustes zumeist zum Ausdruck kommt und damit geteilt (oder mindestens mitgeteilt) werden kann, ist seine Überwindung ein hochgradig ichbezogener Prozess. In Maria Speths Töchter ist das schmerzende Leiden zunächst ein umgelenktes, auf Figurenebene wie auch als Realisierung eines Zuschauergefühls. Ein lebloser Frauenkörper wird auf kaltes Metall gepackt, in den Spiegelungen einer Blutlache sehen wir Obduktionsärzte ihr auf Tonebene schockierend präsentes Werk verrichten. Die Lehrerin Agnes (Corinna Kirchhoff) ist nach Berlin gekommen, um den Leichnam, den die Polizei aufgrund eines gefundenen Ausweises für jenen ihrer Tochter hält, zu identifizieren. Doch bei der Toten handelt es sich nicht um Lydia. Glücklicher macht das die Mutter kaum – die Beziehung zur Tochter bleibt uneindeutig, lediglich eine sehr kurze Anfangssequenz und eine artistisch geschwenkte Spiegelszene lassen eine zurückliegende, tiefgreifende Trennung und die nun wieder aufgebrochene Sehnsucht erahnen. Agnes sucht ihr Hotel auf, kann nicht schlafen, schaut leidend drein, erwischt den Lobbyboy beim nächtlichen Zeitvertreib – eine regungslosere Reaktion auf einen Stepptanz hat man vermutlich noch nie zu Gesicht bekommen.

Die neue alte Tochter

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Unmittelbar verknüpft ist Maria Speths neuer Film mit ihrer vorangegangenen filmischen Arbeit, dem dokumentarischen 9 Leben (2010), der zwar vor Töchter veröffentlicht wurde, eigentlich aber eine Art Recherche-Output des nun nachfolgenden Films darstellt. In vollständig weißen Interview-Räumen porträtiert Speth darin auf der Straße lebende bzw. gelebt habende Jugendliche. Im Herausarbeiten der individuellen Schicksale interessiert sie sich dabei vor allem auch für das Verhältnis ihrer Protagonisten zu deren elterlichen Autoritätspersonen, im Besonderen für jenes der von zu Hause ausgerissenen Mädchen zu ihren Müttern. Töchter bearbeitet nun genau dieses konfliktreiche Verhältnis zwischen Rebellion, Abhängigkeit und Identifikation, das Speth gewissermaßen auch schon im 2007 entstandenen Film Madonnen auszuloten suchte.

Töchter tut dies mit einer erneuten Ablenkung und lässt seine Erzählung auf einer Ersetzung gründen. Auf der Suche nach ihrer Tochter, die, das wird später klarer, wohl auf der Straße lebt, überfährt Agnes beinahe Ines, eine junge Obdachlose (Kathleen Morgeneyer). Die bockige, in ihrer rüde Wellen schlagenden Art aber immer auch ein bisschen mädchenhaft selbstverloren wirkende Rumstreunerin nistet sich bei Agnes im Hotel ein. Die Gegenwehr der suchenden Mutter fällt verhalten aus, man beginnt auf ganz unterschiedliche Weise – aus einer (alb)träumerischen Apathie einerseits und einer extrem verdeckten Suche nach Geborgenheit andererseits – aneinander festzuhalten. Für den Zuschauer bleibt dabei zumeist nur eine kalte Unergründlichkeit über.

Formale Vollkommenheit ohne Affekt

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Den Film implodieren lässt nicht zuletzt seine technische Perfektion auf allen Ebenen. Die frigide Künstlichkeit des (Theater-)Schauspiels von Kirchhoff und Morgeneyer bleibt den (wie immer) präzisen Bildern Reinhold Vorschneiders zu jeder Zeit fremd. Die zwar in sich jeweils stimmigen (und starken) Ausdrucksimpulse von Bild und Figur finden nicht zusammen und erzeugen eine zumeist unerträglich klinische Distanziertheit. Töchter ist so auch ein unheimlich selbstsüchtiger Film: Jede Komposition scheint hochgradig affiziert zu sein, lässt aber kein Affiziertwerden jenseits der Leinwand zu. Es macht keinen Spaß, Töchter zu gucken, weil man niemals teilhat (auch nicht in einer Brechung). Doch vielleicht macht Speth ja dann hier doch noch einen Punkt: mit einem Film in ichbezogener Trauer, der seinem Zuschauer regelrecht die Lebendigkeit entzieht.

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