Toast

Die verfilmte Biografie des britischen TV-Kochs Nigel Slater kombiniert anfangs interessante Aromen, wirkt am Ende aber überwürzt.

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Kochen ist heute vieles: Event, Entertainment, Lifestyle, medialer Hype. TV-Köche sind Stars, ihre Shows Quotenrenner, ihre Bücher Bestseller, die von Ihnen beworbenen Küchenutensilien teure Konsumprodukte. Eine bemerkenswerte Verschiebung vom privaten in den medialen Raum hat stattgefunden. Denn gleichzeitig ist Kochen eines immer weniger: alltägliche Verrichtung. Nicht nur bei Singles bleibt zu Hause die Küche kalt, auch in Familien werden gemeinsam eingenommene Mahlzeiten seltener. Mittlerweile scheint der Zenit zumindest der Koch-Shows im Fernsehen überschritten. Nach all den Koch-Duellen, Koch-Arenen, perfekten Dinners und Küchenbullen: Braucht da ernsthaft noch jemand die verfilmte Biografie eines hierzulande relativ unbekannten britischen TV-Kochs und Restaurantkritikers? Soviel sei vorweggenommen: Auch wenn Toast nicht durchgängig gelungen ist – spannend ist, wie der Film das Kochen wieder in einen sozialen Kontext stellt und das unpersönliche Event umdeutet zu einer eng mit der eigenen Biografie verwobenen Leidenschaft.

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England in den 1960ern: Der kleine Nigel Slater (Oscar Kennedy) träumt von frischem Gemüse, selbstgebackenem Kuchen und französischem Käse. Für ihn unerreichbare Köstlichkeiten, denn in der Küche seiner Mutter (Victoria Hamilton) kommen grundsätzlich nur aufgewärmte Konserven auf den Tisch – und liebevoll getoastetes Brot. Dass Nigel darauf besteht, Spaghetti Bolognese – die Soße kommt selbstverständlich aus der Dose – zu essen, rächt sich fürchterlich: Gefriergetrockneter Parmesan schmeckt wie Erbrochenes, befindet der ohnehin immer schlecht gelaunte Vater (Ken Stott). Und besiegelt damit das Ende der Slaterschen Koch-Experimente. Dass es Schlimmeres als schlechtes Essen gibt, muss Nigel kurz darauf erfahren: Seine Mutter leidet an Asthma, wird immer schwächer und stirbt schließlich. Der traumatisierte Junge bleibt mit seinem Vater allein.

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In diesem ersten Teil von Toast präsentiert sich der Film als erzählerische Einheit, in der die einzelnen Zutaten fein aufeinander abgestimmt sind. Regisseurin SJ Clarkson spielt mit durch Beleuchtung, Farbgebung, Kostüme und Ausstattung stilisierten Einstellungen, die ein pastorales Bild des ländlichen England zeichnen. In scharfem Kontrast dazu stehen die in sich gefangenen Figuren; das Unvermögen, Gefühle zu zeigen und eine Beziehung zueinander und zur Umwelt aufzubauen münden in einer Lust- und Lebensfeindlichkeit, die sich auch in der Ernährung niederschlägt. Der Tod der Mutter gewinnt in diesem Kontext eine große emotionale Wucht. Rührend gezeichnet ist hier die Figur des hilflosen Vaters, der – selbst vor Trauer wie gelähmt – nicht in der Lage ist, sich seinem Sohn zuzuwenden. Einen weiteren Gegensatz bilden die witzigen Dialoge zwischen dem kleinen Nigel und einem Schulfreund. Altklug und unwahrscheinlich erwachsen reflektieren sie ihre jeweilige Lebenssituation – zwei Dreikäsehochs mit großen Sehnsüchten und noch größeren Sprüchen. Das Spiel der beiden Kinderdarsteller behält auch in diesen schwierigen Dialogszenen eine überzeugende Beiläufigkeit, die sie brauchen, um nicht aufgesetzt zu wirken.

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Im zweiten Teil verliert Toast seine Geschlossenheit allerdings. Schon mit dem Auftauchen der Haushälterin Mrs. Potter gerät er aus dem Gleichgewicht. Helena Bonham Carter lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, aus dieser Rolle eine pralle Karikatur zu machen; leider gelingt es der Regie nicht, diese Ausdruckswut in für die Geschichte verwertbare Bahnen zu lenken. Die einfache Frau aus der Arbeiterklasse wird von Carter bis ins Groteske überzeichnet, während die Figur gleichzeitig merkwürdig verschwommen bleibt. Oberflächliche Lacher sind programmiert, wenn Mrs. Potter den Slaterschen Haushalt umkrempelt, den widerstrebenden Nigel mit lukullischen Köstlichkeiten verwöhnt und seinen Vater mit eindeutigen Gesten umgarnt. Genaues Erzählen und das Streben nach einer Wahrhaftigkeit des Gefühls – beides zeichnete den Film bis hierher aus – gehen dabei verloren.

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Die Probleme des Films verstärken sich, wenn in der erzählten Zeit einige Jahre vergehen, Mrs. Potter zu Mrs. Slater 2 geworden und Nigel zu einem schlacksigen Jugendlichen herangewachsen ist. Die Rolle wird nun von Freddie Highmore gespielt, der vor einigen Jahren selbst noch als Kinderdarsteller in Wenn Träume fliegen lernen (Finding Neverland, 2004) neben Johnny Depp bekannt wurde. Was Helena Bonham Carter zuviel in ihre Rolle einbringt, das fehlt bei Highmore. Als Pubertierender, der mit Selbstzweifeln und seiner Stiefmutter kämpf, wirkt er seltsam unbeteiligt und geht mit dem immer gleichen Lächeln über die größten Demütigungen hinweg. Hinzu kommt, dass sich die Geschichte nun auf ein Koch-Duell zwischen Nigel und Stiefmutter verengt, die mit immer neuen Küchenkreationen um die Liebe des Vaters kämpfen. Das ist stellenweise witzig, degradiert die Geschichte aber zum reinen Gag-Lieferanten. Der Film wirkt deshalb merkwürdig unfertig und nicht zu Ende erzählt.

Schade, dass Toast den spannenden Diskurs über individuelle Lebenserfahrung und Kochleidenschaft abbricht. Über Nigel Slaters Werdegang zum Profi-Koch hat der Film nicht mehr viel zu sagen. Wie in den einschlägigen TV-Shows dient Kochen am Ende des Films nur noch dazu, Unterhaltungsmechanismen in Gang zu setzen, die Mrs. Potters Zitronen-Baiser-Torte ähneln: sehr süß, sehr lecker – aber auf die Dauer schlagen sie auf den Magen.

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