To Kill a Man

Selbstjustiz ohne Affektiertheit und ohne dramaturgische Schablone: Alejandro Fernández Almendras zeigt uns wahrhaftige Gewalt.

To Kill a Man 09

Schnell wird klar, dass etwas fehlt in Alejandro Fernández Almendras’ Rachedrama To Kill a Man. Etwas, worauf der versierte Genrezuschauer wartet, wenn ihm die Geschichte eines verzweifelten Vigilanten erzählt wird, der mit eisernem Willen nach dem Leben eines Widersachers trachtet. Doch es kommt nicht zum Vorschein. Wir bekommen keinen Helden aufgetischt. Jorge (Daniel Candia) und seine Familie werden tagein, tagaus verfolgt und gedemütigt von dem Herumtreiber Kalule (Daniel Antivilo), der Jorges Sohn einst lebensgefährlich verletzte und nach seiner Entlassung auf Rache für die knapp zweijährige Haft sinnt. Als das geregelte Leben des verschlossenen Familienvaters mehr und mehr in die Brüche geht, fasst auch er einen radikalen Entschluss.

Kein Platz für Mythen

To Kill a Man 05

Da ist zunächst ein leichter Anschein des Mythischen, mit dem jedoch schnell gebrochen wird. Etwas Schwereloses, der Realität Enthobenes führt uns in den Film hinein. Mehr eine Stimmung denn ein Geschehen. Wir sehen ein Stück des lichtdurchfluteten Waldes, in dem Jorge seinem Job als Forstarbeiter nachgeht. Er selbst ist nur ein winziger Punkt, der sich zu schweren Klängen langsam durch das Dickicht bewegt. Schlagartig wechselt der Duktus, ein derart aufgeladenes Bild findet sich im weiteren Verlauf von To Kill a Man nie wieder. Als Innenansicht, als Gefühl beginnt dieser Film, der mit einem Male komplett umgestülpt wird, lange ohne zusätzliches Licht in die dunklen Straßen blicken lässt und fahle, beklemmende Räume zeichnet.

Formale Reduktion beherrscht den Rest der Laufzeit, jedoch bleibt sie stets durchdacht. Die Bildsprache ist alles andere als spontan, sie ist statisch, ausgefeilt, aber nie offensiv. Oft arbeitet Almendras mit streng symmetrischen Kadrierungen. Bei Gesprächen am Tisch fängt die Kamera die Agierenden im genau austarierten Profil ein, was eine dramatische Steigerung durch schnelle Schnittwechsel verhindert, oft lässt die Kamera über den Köpfen der Figuren noch reichlich Platz für Details aus der Umgebung, als solle man dort noch etwas entdecken.

Spiel der Gegensätze

To Kill a Man 02

Es sind Außenansichten von Balance, Gleichgewicht und Ruhe, die im krassen Gegensatz zur Gefühlswelt des Protagonisten stehen und einen Zwiespalt zwischen äußerer Strenge und innerem Chaos entstehen lassen. Beides konsequent, beides resolut. Ambivalent zeigt sich auch die Figurenzeichnung. Die erste Gegenüberstellung der Antagonisten auf einem finsteren Bolzplatz, der schon gewissermaßen die Funktion eines Schlachtfeldes einnimmt, wird präzise in die Wege geleitet. Bedächtig entwickelt Almendras daraus eine unaufhaltsame Abwärtsspirale. Auf dem nächtlichen Nachhauseweg wird Jorge von Kalule und seinen Schergen getriezt und schikaniert. Der eine aufgeblasen und physischen Kontakt provozierend, der andere gebückt, unscheinbar und abwehrend. Die Vergeltung des offensichtlich Gewalttätigeren aber ist, obwohl gleichermaßen unmissverständlich, im Weiteren weniger radikal und totalitär. Bei Kalule ist Gewalt eher sadistische Befriedigung, bei Jorge wird sie unbedingtes Erfordernis.

Gewalt erforschen ohne Zeigefinger

To Kill a Man 01

Almendras ist nicht daran gelegen, die Rachegeflechte in seiner Geschichte auszustellen. Zusammen mit der unbestimmten Dramaturgie des Films vermögen gewaltsame Eruptionen den Zuschauer so immer wieder zu treffen. Schüsse fallen, Gegenstände fliegen durchs Fenster, und inmitten gepflegter Häuser und nicht weit entfernter Passanten muss Jorges Tochter um ihr Leben bangen, doch das alles besitzt in To Kill a Man eine unaufgeregte und dadurch schockierende Unmittelbarkeit. Gewalttätige Handlungen werden nie überhöht, nicht beschleunigt, springen nicht markant hervor. Die Verklärung des Racheakts ist im Kino selbstverständlich naheliegend, auch weil Vergeltung etwas Idealistisches, Befreiendes und Vollkommenes besitzt. Hier aber ist Gewalt einfach, was sie ist. Ein urplötzlicher Ausbruch, langes planvolles Vorgehen, eine simple Handlung als Konsequenz einer anderen. Gewalt soll hier ergründet, nicht erlebt werden.

To Kill a Man 08

Nicht dass es Almendras um Rechtfertigung von Gewalt ginge; zu differenziert macht er sich ans Werk, als dass er hier irgendjemandem eine moralische Rüge erteilen wollte. Sorgfältig möchte er uns die Dynamiken der Gewalt beobachten lassen, sie ist nie Mittel zum Zweck, doch wird auch niemand in Haneke-Manier am Ohrläppchen gepackt. Eine enorme Leistung, die vielleicht erst nach dem abschließenden Bild, in dem Jorge eine letzte entscheidende Handlung vollzieht, langsam zur Geltung kommt. Weder Zuschauer noch Filmfiguren sitzen auf der Anklagebank in diesem Film, in dem die Szene einer langsam aufschwingenden Tür ebenso eine bestimmte Wirkung entfalten darf wie eine Beinahe-Vergewaltigung auf offener Straße, bei der die verbalen Beleidigungen Kalules so dick aufgetragen sind wie der grelle Lack seines hochgetunten Fluchtwagens. Almendras findet eine Sprache, mit der er uns wahrhaftige Gewalt zeigt, ohne seinen Film zu einem trockenen Lehrstück verkommen zu lassen.

Trailer zu „To Kill a Man“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.