To Die Like a Man

Ein Grund mehr, warum man sich den Namen João Pedro Rodrigues merken sollte: Mit seinem Film über eine gealterte Nachtclub-Diva ist dem portugiesischen Regisseur eine eigenwillige Mischung aus Melodram, Musical und abgehobenem Kunstfilm gelungen.

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Mit bisher erst drei Langfilmen hat der portugiesische Regisseur João Pedro Rodrigues die internationale Kinolandschaft um eine prägnante Handschrift bereichert und ist dabei doch weitgehend unbekannt geblieben. Das mag daran liegen, dass seine Filme aufgrund ihrer nicht-heteronormativen Thematik oft nur im Rahmen schwul-lesbischer Filmreihen laufen, aber auch daran, dass sie auf sehr extreme Weise und bis ins Absurde in die Abgründe sexueller Leidenschaft eintauchen. In seinem großartigen Debütfilm O Fantasma (2000) erzählt Rodrigues von der Metamorphose eines Müllmanns zu einem triebgesteuerten Rüden, Two Drifters (Odete, 2004) zeigt, wie die wahnhafte und unerwiderte Liebe einer Supermarktverkäuferin zu deren Identitätsverlust führt.

Sein neuester Film To Die Like A Man (Morrer Como Um Homem, 2009) gibt sich inhaltlich etwas harmloser. Es ist der elegisch inszenierte Leidensweg der gealterten, transsexuellen Nachtclub-Diva Tonia (Fernando Santos). Die hat es in ihrem Leben nicht leicht. Eine jüngere Konkurrentin droht sie als Star der Show abzulösen, ihr heroinabhängiger Lover Rosario (Alexander David) wird dagegen immer unberechenbarer und drängt sie zu einer endgültigen Geschlechtsumwandlung. Doch als eiserne Katholikin sträubt sich Tonia dagegen. Sie ist als Mann geboren und will auch als Mann sterben.

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Trotz zahlreicher Verbindungen zu Rodrigues’ ersten beiden Filmen – von Kleinigkeiten wie den roten Titeln auf schwarzem Hintergrund bis zur Vorliebe für alte Schnulzen und den Einsatz von Laiendarstellern –, verfügt To Die Like A Man über eine markantere und radikalere Ästhetik. Schon das im Kino mittlerweile unüblich kleine Bildformat 4:3 hebt den Film optisch von aktuellen Produktionen ab. Die meist statischen, fragmentierten Einstellungen arrangiert Rodrigues zu dichten, flächigen Kompositionen, in denen nüchterne Betrachtungen mit dem ausdruckslos stilisierten Spiel der Darsteller und einem Magischen Realismus eine im besten Sinne seltsame Verbindung eingehen. Gleichberechtigt steht hier eine dokumentarisch wirkende Szene, in der ein Doktor anhand eines gefalteten Papierpenis den Eingriff einer Geschlechtsumwandlung veranschaulicht, neben einem surrealen Moment, in dem Tonia und Rosario über einen Friedhof schweben.

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Wie unterschiedliche Herangehensweisen vereint werden, zeigt sich auch in den Gesangsszenen. Bis auf den Schluss wählt Rodrigues dafür eine Inszenierung, die so gar nicht der Extravaganz eines Musicals entsprechen will. Tonia geht in diesen Passagen nicht aus sich heraus, sondern summt, ohne musikalische Begleitung, introvertiert vor sich hin. Einmal sieht man minutenlang eine Großaufnahme von ihr, wie sie aus einem mit Regentropfen übersäten Autofenster blickt und ein Lied singt, bis Rosario ihr schließlich zuruft, sie solle die Klappe halten.

Es wimmelt in To Die Like a Man nur so vor inhaltlichen und ästhetischen Verweisen auf die klassischen Melodramen eines Douglas Sirk: Im Mittelpunkt steht eine vom Schicksal gebeutelte Heldin und ihre Suche nach dem Glück. Rodrigues zeigt auch immer wieder die Hässlichkeiten, die sich die Figuren gegenseitig antun, das ungleiche Macht- und Abhängigkeitsverhältnis zwischenmenschlicher Beziehungen. Es gibt glamouröse Kostüme, artifizielle Settings, Einstellungen von Spiegeln und die zum Archetyp des Genres gewordenen sehnsüchtigen Blicke aus einem Fenster. Dabei eignet sich Rodrigues mehr noch als Regisseure wie Almodovar, Wong Kar-wai oder Fassbinder – zu dessen In einem Jahr mit 13 Monden (1978) es gleich mehrere Parallelen gibt – die Motive des Melodrams an und übersetzt sie in seinen eigenen Kosmos.

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Im Gegensatz zu vielen Arbeiten der genannten Filmemacher wird bei Rodrigues die Form sehr viel weniger von der Erzählung dominiert. To Die Like a Man verfügt über alles andere als eine straffe Dramaturgie. Statt den Fluss der Handlung im Auge zu behalten, verliert er sich immer wieder in Einzelmomenten. Wie unökonomisch seine Narration teilweise ist, wird deutlich, wenn typisch melodramatische Konflikte eine Erwartungshaltung provozieren, die der Film bewusst nie erfüllt. So taucht etwa Tonias Sohn Zé Maria (Chandra Malatitch), der seinen Vater zutiefst verabscheut, immer wieder unvermittelt auf, ohne dass diese dramatische Konfrontation jemals ausagiert wird. Es ist eine Art Running Gag, dass Zé Maria jedes Mal, wenn er auf Tonia trifft, sofort wieder wegrennt.

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Man muss sich auf den teilweise etwas holprigen Rhythmus von To Die Like a Man einlassen, um seine Schönheit zu entdecken. Besonders der märchenhafte Ausflug gegen Ende des Films dürfte die Geduld mancher Zuschauer überstrapazieren. Dabei verlaufen sich Tonia und Rosario während einer Waldwanderung und stoßen auf das Haus zweier Transvestiten – eines verschüchterten Heimchens und der überkandidelten Hausherrin, die Gedichte von Paul Celan auf Deutsch rezitiert. Hier nimmt sich Rodrigues sogar die Zeit, seine Figuren zu einem Tableau vivant anzuordnen und sie so lange verharren zu lassen, bis Baby Dees Song „Calvary“ in voller Länge ausgespielt wurde. Gerade die Verbindung aus solchen dem Zuschauer gegenüber dreisten Momenten mit einem berührenden, wenn auch unaufgeregt inszenierten Melodram ist das Besondere an To Die Like a Man.

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Kommentare


Ciprian David

Ich habe eben den Film angeschaut und konnte einfach nicht mit. Die statischen, contemplativen Einstellungen erschienen mir sehr bemüht und dadurch pretenziös, die Stimmung des Films ging komplett an mir vorbei.

Zwar konkuriert der innere Zustand von Tonia mit dem Tempo der Bilder, diese sind aber meiner Meinung nach schlicht die falschen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich seine anderen Filme nicht kenne, aber dass dieser ohne nicht auskommt ist auch aussagekräftig.






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