Tinselwood

Berlinale 2017 – Forum: Mit sensiblem Technikeinsatz zum kontemplativen Naturempfinden: Marie Voigners Dokumentarfilm erkundet eine fremde Welt, ohne sie erobern zu wollen.

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Eigenartig. Wir sind gewöhnt daran, mit der Farbe Grün Vergänglichkeit zu verbinden. Im Wechsel der Jahreszeiten strebt Grünes auf und verblasst, im Kampf mit dem Menschengemachten ist Grün die Erkennungsfarbe der Verteidiger der bedrohten Natur. Ganz anders im ganzjahresgrünen, bis heute noch gesund wachsenden Wald im Distrikt Mouloundou, Südostkamerun, den Marie Voigner in Tinselwood erkundet. Hier ist Grün die Farbe der Permanenz, der Hintergrund, vor dem sich alles andere als temporär Farbliches abhebt. Der Junge im knallroten Trikot, mit der Machete im Dickicht, bald halb unsichtbar, bald verschwunden. Der von den Lkw aufgewirbelte orangerote Staub auf dem Unterholz. Blüten, pflaumenfarben, magenta. Thomas Favels Kamera mag sich nicht sattsehen an den unendlichen Nuancen des Grün, ihrem Schillern im Spiel der wandernden Sonne, am spektralen Hinabsinken von den gelblich verblichenen Baumwipfeln über die sattgrünen Kakaoblätter bis zum moosigen grünbräunlichen Boden, am olivefarbenen Strömen des Flusses.

Sedimente der Geschichte

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Jedes Bild in Tinselwood spricht von einem sehr konkreten Da-Sein der Kamera an einem konkreten Ort. Es ist ein Film, der fasziniert ist von Natur, sich für sie interessiert in Beziehung zum Menschen, aber dessen Protagonist letztlich lokal ist, eine Region, eine Örtlichkeit. Wenn die Sandschipper mit ihren Holzbarken auf dem Fluss gleiten, gleitet die Kamera mit. Wenn die Arbeiter Pause machen vom Unkrauthacken im Kakaohain, ruht die Kamera mit ihnen. Wenn der Lastwagen über die buckelige Sandpiste holpert, wackelt die Kamera mit. Dazu tritt ein dichter Atmosound, der immer im On ist, jede Handlung, vom Brechen eines Ästchens bis zum Anfeuern eines Dieselgeneratos, hörbar macht. Der Film kommuniziert unablässig: Ich bin da, hier, jetzt.

Dieses Da ist eine Region, die viel Leid in der Geschichte gesehen hat. Die Grenzregion im Süden Kameruns war im Ersten Weltkrieg umkämpft zwischen den früheren und späteren Kolonialherren. Die Deutschen versenkten Steine im Fluss, damit die Franzosen nicht hinterherkämen. Die Bootsführer heute wissen das genau, denn jedes Mal müssen sie ihre Kähne über die Klippen tragen. Voigner vermeidet das direkte Interview, inszeniert stattdessen Unterhaltungen zwischen Protagonisten, will Geschichtliches im Stil der Oral History aus dem Alltagsleben der Menschen destillieren, die hier leben und arbeiten. Das hat manchmal etwas sehr Hindrapiertes, wenn etwa einer dem anderen haarklein erklärt, wie man mit Ananasblättern und Geldstücken Unglück abwenden kann – getarnt als Wissensweitergabe wird hier anthropologische Faktensammlung betrieben.

Von großen und von kleinen Dingen

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Der ethnografische Blick sucht den Film insgesamt heim. Seine Interessensgebiete, seine Kategorien entstammen offensichtlich einem wissenschaftlichen Denken. Er beobachtet neugierig alltägliche Verrichtungen, interessiert sich für Brauchtümer und Wahrsagepraxen, horcht Geschichtsbilder im Alltagsleben nach. Aber zugleich ist dieser Wissensdrang auf angenehme Weise gezügelt. Nie dringt die Kamera in Privaträume vor, oft blickt sie ihren Subjekten lange und gerade ins Gesicht, was sie standhaft erscheinen lässt. Und am Ende, nachdem der gesamte Film im Tageslicht gespielt hat, sinkt die Nacht herab, man wirft den Generator an und trifft sich zum Fernsehschauen, während die Kamera draußen bleibt und auf der Soundspur der Urwaldlärm bald alles Technische und Menschliche ertränkt.

Jenseits von der Erkundung eines Ortes und seiner Bewohner hat Tinselwood einen klaren Interessenschwerpunkt. Es ist ein Film über Arbeit und Wirtschaften in einer sehr abgelegenen tropischen Regenwaldregion. In einer Region, deren primärer Reichtum ihre Ressourcen sind – Holz, Kakao, Gold, Diamanten, früher Kautschuk –, wird jeder Blick ökonomisch eingefärbt. So etwas wie eine unschuldige „Natur“ gibt es auch hier nicht. Das Unangetastete ist das ökonomisch Unerschwingliche oder noch nicht Ausgebeutete. Glücksucher waschen Flusswasser in der Hoffnung auf ein paar Körnchen Gold. Ein Kakaobauer diskutiert mit den Fährmännern über die sinkenden Sandpreise. Und in einer spektakulären Szene wird ein mannsdicker Baum mit der Kettensäge gefällt; Technologie, Mensch und Natur lärmend ineinander geführt.

Am treffendsten kann man Tinselwood wohl als einen Film der Kontemplation beschreiben, als sorgsam arrangiertes, andauerndes Verweilen an einem Ort und mit seinen Menschen. Seine größte Aspiration ist, den Zuschauenden in Form von Versenkung Weiterempfinden und -denken zu ermöglichen. Voigner bringt ein gut austariertes Maß an Neugierde und Zurückhaltung mit, um viel anzustoßen und wenig zu erzwingen. Sie interessiert sich unterschiedslos für kleinste Handlungen wie fürs Grobe, für filigranes Fallenbasteln aus Blattwerk, Ästen und Drahtgeflecht genauso wie für virtuoses Holzstammheben mit röhrenden Vorderladern. Gemein ist all diesen menschlichen Tätigkeiten, dass sie mit größtmöglicher, meist schweigsamer wie versunkener Konzentration absolviert werden, mit einer Ruhe, die sich auch der Film als Ganzes zu eigen macht, die er formal nachbaut und emuliert – und mit der er sich letztlich selbst zum wundersamen Hybridwesen aus Technik und Natur transformiert. Wie die Welt, die er erkundet.

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