Timbuktu

Eine Stadt in der Gewalt islamischer Fundamentalisten. Man mag sich denken, wie so ein Film aussieht. Aber Abderrahmane Sissako setzt nicht auf Betroffenheit.

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Der islamische Fundamentalismus hat ein widersprüchliches Verhältnis zur Vergangenheit. Einerseits beharren seine Anhänger auf der wörtlichen Auslegung des Korans und verschließen sich jeglicher gesellschaftlicher Modernisierung, andererseits bringen sie der (Kunst-)Geschichte ihres Landes keinerlei Wertschätzung entgegen. Alles, was der eigenen Ideologie zuwiderläuft, wird zerstört. Man denke nur an die riesigen Buddhastatuen aus dem 6. Jahrhundert, die 2001 im afghanischen Bamyian von religiösen Fanatikern gesprengt wurden. Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako (Bamako) widmet sich in seinem neuen Film diesem Barbarentum im Namen der Religion. Gleich in der Eröffnungssequenz inszeniert er eine Gruppe von Terroristen wie einen Haufen ungezogener Kinder. Aus Langeweile schießen sie mit ihren Maschinengewehren auf afrikanische Kultgegenstände, vertreiben sich also letztlich die Zeit damit, ihre eigene Tradition zu zerstören.

Keine bedrohlichen Terroristen

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In Timbuktu befindet sich die gleichnamige malische Oasenstadt in der Gewalt dieser selbst ernannten Hüter der moralischen Ordnung. Unter der Führung eines arabischen Jihadisten wird das Leben der Bewohner von einem Tag auf den nächsten umgekrempelt. Plötzlich müssen alle Frauen Schleier tragen, niemand darf mehr Fußballspielen, rauchen, tanzen oder Musik machen. Die Konsequenz daraus ist, dass es zwischen den dicht gebauten, beigen Lehmhäusern, von denen Sissako immer nur Ausschnitte, nie aber eine Gesamtansicht zeigt, keinen Spaß mehr gibt. Zumindest in der Öffentlichkeit. Kaum fühlen sich die Bewohner ungestört, wird die Gitarre ausgepackt, getrommelt, gesungen und gelacht. Sissako interessiert sich in seinem Film auffällig stark für die Musik, für ihre heilende Wirkung und subversive Kraft in einem repressiven Regime. Auf dieser Insel der Freiheit siegt die Sinnlichkeit über das Doktrinäre, zumindest solange, bis die Musizierenden ertappt und öffentlich ausgepeitscht werden.

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Die Fundamentalisten zeigt Sissako anders, als man das gewohnt ist. Er will das Bild des bedrohlichen Terroristen nicht ein weiteres Mal reproduzieren und dadurch verstärken. Er will diesen Leuten nicht zugestehen, furchteinflößend zu sein. Stattdessen zeichnet er sie als unbeholfene Trottel, die mit Gewalt Regeln durchsetzen, an die sie sich selbst nicht halten. Sie rauchen heimlich, machen sich an verheiratete Frauen ran oder schauen Fußball. Auf humorvolle Weise entlarvt der Film einen Jihad, von dem letztlich niemand etwas hat. Terroristen als Idioten zu zeigen, wäre ein Einfaches gewesen. Wenn es aber beispielsweise einem ehemaligen Rapper, der vor der Kamera seine alte Profession verteufeln soll, an Überzeugungskraft fehlt, führt der Film keine Person vor, sondern eine starre Ideologie. In Szenen wie diesen offenbart sich Sissakos genauer Blick für das Absurde im Alltäglichen. Ganz der Harmlosigkeit möchte er die Terroristen aber nicht überlassen. Mit brutalen Bildern wie dem eines gesteinigten Paares setzt er einen scharfen Kontrast zur Komik und erinnert daran, dass es sich hier eben nicht nur um ein Filmszenario handelt, sondern auch um eine soziale Wirklichkeit.

Erzählerische Wagnisse statt Exotik

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Mit Filmen wie Reise ins Glück (Heremakono, 2002) hat Sissako gezeigt, wie man als afrikanischer Regisseur, der in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu französischen Produzenten steht, eine eigene Stimme im globalisierten Festivalkino bewahren kann. Der Mauretanier steht für ein Weltkino, das sich nicht auf Sentimentalität und Exotik verlässt, sondern erzählerische Wagnisse eingeht. Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich dem traditionellen Lebensstil seines Umfelds entzieht und in den Westen auswandern will, bleibt so fragmentarisch und angenehm undramatisch wie die vielen kleinen, oft unzusammenhängenden Szenen, die um ihn herumgebaut sind. Auch in Timbuktu findet sich diese Erzählweise in Ansätzen. Immer wieder tauchen am Rande kurze Momente auf, die sich nicht in ein dramaturgisches Korsett zwängen lassen. Was etwa aus dem weißen Mann wird, den die Terroristen am Anfang des Films als Geisel nehmen oder der Fischverkäuferin, die auswandern will, bleibt offen.

Problematisch ist dagegen die Geschichte, die das Herzstück von Timbuktu ausmacht. Im Gegensatz zu den zerstreuten Beobachtungen bleibt sie nicht ungreifbar, sondern wird bis ins Detail auserzählt. Es geht darin um einen Fischer, der die Lieblingskuh eines Hirtenjungen tötet. Als der Ziehvater den Fischer zur Rede stellen will, kommt es zu einem tragischen Zwischenfall, der schließlich von den Besatzern gemäß der Scharia verhandelt wird. Sissako verlässt sich hier zu sehr auf die starke Dramatisierung eines sozialen Unrechts, wie man es häufig bei politisch engagierten, aber eher einfach gestrickten Arthousefilmen findet. Dabei klafft eine Lücke zwischen dem starken und sehr eigenen Stil Sissakos und dem schematischen Themenkino, von dem er sich früher noch so deutlich abgegrenzt hat. Sogar im Soundtrack schlägt sich dieses Gefälle nieder. Während Timbuktu zunächst noch auf minimalistische westafrikanische Gitarrenmusik setzt, kommt in den emotionaleren Momenten ein Orchester zum Einsatz, das eher überwältigend als subtil wirkt.

Ein Film leistet Widerstand

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Doch auch, wenn Sissako sein Potenzial nicht ganz ausschöpft, ein beeindruckender Film voller Ungeschliffenheiten ist ihm trotzdem gelungen. Ein wenig erinnert Timbuktu an eine seiner Protagonistinnen, eine verrückte Frau, die wie in einer Parallelwelt vor der Besatzung lebt, sich von den Fundamentalisten nichts sagen lässt und sich selbst – in Anlehnung an das Erdbeben, das Haiti im Jahr 2010 heimsuchte – als Riss im Boden bezeichnet. Wie sie leistet auch der Film Widerstand. Er lehnt sich gegen jene Geschichten auf, die uns immer wieder auf sehr eindimensionale Weise von der Unterdrückung durch Religion erzählen. Sissako zersplittert nicht nur seine Handlung, er lehnt sich auch immer wieder gegen die erschlagende Wirkung von Gefühlen auf. Er provoziert Emotionen zwar, bricht sie aber zugleich durch eine gestörte Kommunikation, die sich in einem Sprachengewirr aus Arabisch, Tamasheq, Bambara, Französisch und Englisch niederschlägt. Kein Wunder, dass die filmische Welt aus den Fugen gerät, wenn sich nicht einmal die Terroristen untereinander verständigen können.

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Kommentare


Barbara Suhren

Großartiger Film, gute Kritik, aber:
zu Beginn wird gesagt, dass " , ... sie (die Terroristen) sich also letztlich die Zeit damit [vertreiben], ihre eigene Tradition zu zerstören." - stimmt nicht ganz, am Schluss gibt's die Erklärung: "...in einem Sprachengewirr aus Arabisch, Tamasheq, Bambara, Französisch und Englisch ..." - sie zerschießen halt nicht ihre "eigenen" Statuen bzw. Tradition. Sie kommen aus einem anderen Kulturkreis. Nicht ganz unwichtig, finde ich.


Michael

Danke für den Hinweis! Bei mir ist es schon eine Weile her, dass ich den Film gesehen habe. In meiner Erinnerung ist es aber so, dass es vor allem die kleinen Handlanger sind, die auf die Statuen schießen und bei denen handelt es sich doch um Einheimische. Auf der anderen Seite gibt es ja noch diesen Anführer, der aus einem arabischen Land stammt. Vielleicht kann ein Sprachkundiger Licht ins Dunkel bringen....


Herbert

Hatte erst am Sonntag Gelegenheit, den Film zu sehen. Stimme eher Barbara zu: Man sieht die Schützen nicht.
Den mangelnden Bezug zur eigenen Kultur sieht man eher in den Gesprächen mit dem Imam, der eine to0lerantere Koran-Exegese pflegt.
Auch angesichts der Aktualität ein beeindruckender Film.






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