'Til Madness Do Us Part

Das irre Haus. Wang Bing lässt sich internieren.

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Im Karree der Betonmauern hallen sogar die Geräusche wie wahnsinnig. Gleich jenen, die sie ausstoßen, sind sie Gefangene der Architektur. Lautes Räuspern, leises Plätschern (Wasser? Urin?), ein Fernseher; Gekicher, Gebrüll, Gesang: „Die Liebe und das Leben gehen so schnell vorüber …“. Blass hängt die Düsternis zwischen den Tagen: Graut der Morgen schon, oder ist es die Abenddämmerung?

Eine Anstalt, irgendwo in China. Psychiatrische Problemfälle sind hier weggesperrt, gemeinsam mit körperlich Behinderten, angeblichen Mördern, Säufern und ganz gewöhnlichen Menschen, die man aus diffusen Gründen nicht mehr leben lassen wollte zwischen sich. Gefängnis, Klinik, Irrenhaus? Die Institution, in der Wang Bing ’Til Madness Do Us Part filmte, liegt unterhalb solcher Abgrenzungen. Sie ist das Minimum, das ihnen gemeinsam ist: Sie grenzt aus, schließt ein, regelt. Sie erfüllt nicht die Zwecke einer funktional differenzierten Gesellschaft. Sie ist ein Konzentrationslager.

Oben hausen die Männer, unten die Frauen. Wang Bing bleibt oben und beobachtet, wie die vollkommen in Schmutz und Unfreiheit alleingelassenen Menschen zusammenleben. Nur manchmal kommen Gestalten in weißen Kitteln, verabreichen (ihren sichtbaren Wirkungen nach zu schließen) hochpotente Beruhigungsmittel oder schleppen einen Aufmüpfigen nach unten. Am nächsten Morgen scheuern ihm Handschellen die Gelenke wund, und sein Gesicht ist grün und blau. Ärzte, Wärter, Folterknechte: Wieder kollabieren die Kategorien in eine schreckliche Einheitsform.

Die Situation der Internierten ist absurd, in der existenziell schmerzhaftesten Bedeutung des Begriffs. Fristlos eingesperrt, zwischen nackten Mauern und einem vergitterten Innenhof, besteht ihr Leben aus repetitiven, entsinnten Abläufen. Doch jeder Insasse bildet seine eigenen Wiederholungsstrukturen aus und zeichnet dadurch Individualität in die stillstehende Zeit. Schuhe aus, Schuhe an. Zehnmal Waschen am Tag. Lautes Zählen. Sinnlose Wörter auf die Gliedmaßen schreiben. Oder rennen, im Viereck, immer wieder um den Kreuzgang. Die Kamera hetzt dem Sportler hinterher: „Jemand verfolgt mich, er will mich umbringen!“ So wird die Kamera zum Mithäftling.

Dauer ist bei Wang Bing keine externe Eigenschaft, sondern Gestaltungsmittel. 227 Minuten läuft ’Til Madness Do Us Part, aber wie lange müsste man im Kino sitzen, um auch nur eine ahnungsvolle Vorstellung von einem Zeiterlebnis zu gewinnen, bei dem schon Monate schwer von einer Ewigkeit zu unterscheiden sind? Vier Stunden? Vierzig? Ein Neuankömmling rebelliert noch, doch um ihn schleichen schon die Routiniers: Sechs Monate, zwei Jahre, 15 Jahre. Als Zuschauer ist es schwer zu deuten, wie vollkommen sich die Internierten schon in ihre Situation ergeben haben.

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Doch die lange Gesamtdauer taktet nicht nur gefilmtes Leben und Schauzeit. Sie ist notwendig, um mit zwischenmenschlichem Verhalten vertraut zu werden, das ganz anderen Codes und Regeln folgt, als man sie kennen kann. Rituale des Rauchens und Wanderns, Zärtlichkeiten, Freund- und Feindschaften. Es dauert, bis man sich ins Vokabular der Gesten und Beziehungen hineingeblickt hat. Aber es funktioniert: Wang Bing macht Menschen sichtbar, die man durch reines Zuschauen zu verstehen beginnt.

Dabei bleibt seine Bildsprache immer involviert und ist damit meilenweit entfernt von der Kadrage-Brutalität, mit der Ulrich Seidl brabbelnde Demenzkranke auf die Symmetrieachsen seiner Elendstableaus nagelt (Import/Export, 2007). Was in fast allen menschlichen Gesellschaften ein unauflösbarer Widerspruch wäre, ist in der Anstalt keiner: zugleich schamlos und empathisch blicken. Scham ist eine soziale und sozialisierende Regung, deren Vorhandensein gegen die Prämissen dieses Ortes verstoßen würde. Hier sind Menschen aus unterschiedlichsten Gründen an den gleichen Ort abgestoßen worden und können in der Enge und Sinnleere nicht mehr privat kuscheln, weinen oder urinieren. Also pinkeln sie in alle Ecken ihrer Beton- und Stahlwelt. Kleidung, Bettwäsche, Boden, alles starrt vor Schmutz. Auch wenn das Kino weder Rezeptoren noch Organe für Gerüche ausgebildet hat: Diese Bilder stinken.

Lange Zeit gibt der Film keinerlei Erklärung, warum die Männer weggesperrt wurden. Enthoben von vereinfachenden Kausalerklärungen, tritt die existenzielle Ungerechtigkeit der Institution an sich zutage. Egal, wer einmal was gemacht hat: Ein System, das eine solche Situation ermöglicht, ist grauenerregend. In der zweiten Filmhälfte jedoch lugt die Außenwelt immer mal wieder durch die Gitterspalten, und es entsteht eine vage Negativfolie der chinesischen Gesellschaft, die solche Orte für sich eingerichtet hat.

Ein Mann wurde von seiner eigenen Frau eingewiesen, die ihn noch ab und zu besucht. Doch anstatt ihn wieder nach Hause zu lassen, klagt sie über die hohen Kosten der Inhaftierung und fehlende Unterstützung durch den Staat. Ein anderer Mann darf heimkehren, aber vorsichtshalber hat seine Mutter nur zehn Tage Freigang beantragt, damit, sollte er sich schlecht benehmen, sein Platz frei bleibt. Ihm folgt der Film nach draußen. Aber in was für eine Welt wird er entlassen? In desolate Armut, zu einem unversöhnlich schweigenden Vater, in ein wüstes, totgebautes Land. Wang Bing zeigt, wie materielle Entbehrungen menschliche Solidarität erodieren lassen, wie Angehörige zu Richtern und Urteilsvollstreckern ihrer Nächsten werden.

Doch inmitten weiter Hoffnungslosigkeit bleibt ’Til Madness Do Us Part wundersamerweise ein zärtlicher Film. Bei aller Anklage gegen die Verhältnisse akzeptiert Bing, dass an der Ausweglosigkeit der Internierten erst mal nichts zu ändern ist. Und so zeigt er, wie sie trotz allem leben. Seine höchste Zartheit findet der Film in häufigen, langen Einstellungen, bei denen er die Qualen des Zubettgehens festhält. Überall und zu jeder Tageszeit wird hier geschlafen, gern auch zu zweit in einem Bett, weil man dann nicht teilnehmen muss am absurden Leben, und weil man vielleicht träumen kann. Aber es ist schwer, gegen die Wut, den Lärm, die Depressionen anzukommen und Schlaf zu finden. So hat jeder Häftling ganz eigene Tricks, sich zu ermüden. Joggen, kalte Duschen, Beten. Wang Bing schaut jedem Einzelnen geduldig zu, er wartet ab, bis sie endlich Ruhe gefunden haben und entkommen sind aus ihrer Hölle aus Beton und Gitterstäben.

Trailer zu „'Til Madness Do Us Part“


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