Tiger Girl

Rein in die Uniformen, raus aus den Uniformen: Jakob Lass’ zweiten Fogma-Film durchzieht eine kriminelle Energie, die seinen Style ein bisschen vor dem Klischee bewahrt.

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„Alpha, bitte kommen“, spricht der bullige Typ in sein Walkie-Talkie. Er steht dabei allerdings nicht gestresst auf der Straße, sondern sitzt in einem Klassenzimmer. Entsprechend fehlt es Stimme wie Körpersprache ein bisschen an Selbstsicherheit. Unwohl ist ihm bei der Übung, zumal der Leiter des Security-Lehrgangs nicht gerade einfühlsam mit seinen Schützlingen umgeht. Der nächste Schüler ist dran. Auch ihm will der gebotene Ernst angesichts seiner Umgebung nicht so richtig in Fleisch und Blut übergehen, zu absurd erscheint das Rumgefunke durch die Klasse. Immer wieder muss er lachen, steckt damit die anderen an, allen voran Maggie (Maria Dragus), die zu diesem Zeitpunkt längst von der schüchternen einzigen Frau zum coolen Klassenclown geworden ist.

Authentizität und Improvisation

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Es ist eine ziemlich komische Szene, auch weil hier mal ziemlich gut funktioniert, was Jakob Lass’ Filme, die er nach dem im Zuge von Love Steaks (2013) angefertigten Fogma-Manifest produziert, in den besten Momenten ausmacht: die gute alte Authentizität in Form von Laiendarstellern, die gewissermaßen sich selbst spielen, und das lustvolle Improvisieren und Ausprobieren aller Beteiligten (der authentische Laie par excellence ist eindeutig Ausbildungsleiter Feldschau, dessen knorrige, lebensweise Anweisungen keine Autor-Darsteller-Kombi so hinkriegen könnte). Nun funktioniert das alles in Tiger Girl nicht durchgehend, und der Style des Films, das betont unverkrampfte Spiel, die ständigen Jump Cuts, die Zooms, all das kann einem auch schon mal ganz schön auf den Zeiger gehen. Tiger Girl ist mitunter nicht einfach frech und unkonventionell, sondern frech! und unkonventionell!

Wider die Uniformität

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Andererseits kommt die manchmal angestrengte Lässigkeit des Films doch immer noch sympathischer rüber als die angestrengte Angestrengtheit eines großen Teils deutschen Filmschaffens. Apropos Deutschland: Es geht viel um Uniformen in Tiger Girl. Und um Uniformen-Hörigkeit, um Autorität als Performance, als Frage der Kleidung, als Sache der Übung. Und da passt die roughere Form des Films, diese ständige Destabilisierung, natürlich ganz gut rein: Für Lass scheinen auch Establishing Shots und Match Cuts Uniformen zu sein, die das jeder Filmproduktion zugrunde liegende Chaos beherrschen wollen und deshalb zu untergraben sind. Tiger Girl will eher wie Tiger (Ella Rumpf) sein, diese supercoole junge Frau, die in einem Bus lebt und Maggie zu Anfang des Films zu Hilfe eilt, als die sich erst fast von einem Typen abschleppen lässt und dann von ein paar anderen Typen in der U-Bahn bedrängt wird. Tiger haut und kickt sie alle platt. Sie ist ein Traum von einer big sister für die schüchterne Maggie, die ihre Ausbildung zur Polizistin abbrechen musste, weil sie einen entscheidenden Sprung über einen Turnbock vergeigt hat.

Deshalb geht’s für Maggie in die besagte Security-Schulung und parallel dazu in eine wilde neue Mädelsfreundschaft. Als sie zu ihrem ersten Einsatz darf, besorgt sich Maggie für Tiger eine weitere Uniform, und die beiden treiben Schabernack im Park. Denken sich Regeln aus, um so unschuldigen wie uniformhörigen Parkbesuchern die Rucksäcke zu klauen. Tiger Girl zehrt von einer kriminellen Energie, die es braucht, um der DIY-Ästhetik ein bisschen Fleisch auf die Rippen zu bringen; in Love Steaks war die irgendwie noch zu unabhängig vom leicht biederen Sujet des Films. Hier scheißt man durchaus auch mal so richtig auf Plausibilitäten – schon ziemlich absurd, womit Tiger und Maggie alles durchkommen und wie albern und kindisch sich Letztere manchmal verhält –, was angenehm ist und in gleicher Weise auf die Gemachtheit des Plots verweist wie der grobe Style auf die Gemachtheit des Films.

Die dunkle Seite ist Macht

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Natürlich gab’s auch in Love Steaks schon diesen genauen Blick auf zeitgenössische Subjektivitäten, der Gut-meinender-Chef-Sprech in der Hotelküche, und hier jetzt eben Polizei-Sprech, Street-Sprech, Autoritäts-Sprech. Ist der Ausbildungsleiter da noch statisches Realklischee, so liegt in der Figur des jungen Polizisten Theo (Enno Trebs) eine nette Dynamik. Er ist es, der Maggie zu Beginn fast abschleppt, und als er sie wiedertrifft, wird er – Typ unsympathische, sich selbst für ultrasympathisch haltende Sportskanone – wieder angefixt und sucht seine neue Machtposition in dem Maße auszunutzen, wie er sich von Tiger und Maggie persönlich gekränkt fühlt.

Der Film eskaliert dann gegen Ende immer weiter oder, besser gesagt, vor allem Maggie eskaliert immer weiter, die von ihrer neuen street credibility so aufgegeilt ist, dass sie anfängt, Passanten ohne Grund auf die Fresse zu hauen und das lustig zu finden, was wiederum Tiger gar nicht lustig findet. So wird Maggie, deren dunkle Seite durch Tiger zum Vorschein gebracht wurde, nun langsam zur wirklich tiefdunklen Seite von Tiger. Aber bei aller Spiegelbildlichkeit scheint Lass doch einen entscheidenden Unterschied zwischen Kriminalität und Gewalt zu ziehen: Die Moral der Straße bremst die Willkür der ursprünglich mal braven, rechtschaffenen jungen Dame. Maggies Polizeibegehren ufert aus, sucht sich ungehinderten Zugang zur Macht, und die produktive Fluchtlinie, auf die Tiger sie geschickt hat, wandelt sich zur mikrofaschistischen Zerstörungslinie. So ganz spitzt Lass diese Dynamik nicht zu, aber man wünscht diesem offenen Film vielleicht auch gar keine Schließung, noch nicht einmal die, die man selbst gern hätte.

Trailer zu „Tiger Girl“


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