Tideland

Basierend auf dem gleichnamigen Kultbuch von Mitch Cullin schickt Terry Gilliam ein junges Mädchen auf eine bizarr-makabere Reise durch einen Film der sowohl Anleihen bei Alice im Wunderland wie auch Hitchcocks Psycho (1960) macht.

Tideland

Das neue Jahrtausend begann für Terry Gilliam denkbar schlecht. The Man Who Killed Don Quixote, ein Film an dem Gilliam schon seit Jahren arbeitete, stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Die Pannen reichten dabei von Naturkatastrophen bis hin zur Erkrankung des Hauptdarstellers Jean Rochefort. Die Dreharbeiten wurden letztendlich abgebrochen, zurück blieb lediglich das ausgezeichnete „Un-making of“ Lost in La Mancha (2003). Zu Problemen kam es auch bei seinem darauffolgenden Film Brothers Grimm[filmid] (The Brothers Grimm, 2005). Nach Beendigung der Dreharbeiten zerstritt sich Gilliam mit den Weinstein-Brüdern, welche den Film produzierten und verlies für ein halbes Jahr das Projekt. In dieser Zeit entstand Tideland (2005), finanziert und gedreht ohne die Unterstützung Hollywoods.

Tideland

Anders als die Auftragsarbeit Brothers Grimm[filmid] wirkt Tideland geradezu intim. Lediglich eine Handvoll Schauspieler, wenige Drehorte und nur vereinzelte CGI-Effekte unterscheiden ihn von Gilliams vorhergehendem Film. Die Geschichten weisen jedoch deutliche Parallelen auf: Begabte Erzähler stehen im Mittelpunkt beider Filme, die der Frage nachgehen, wo die Realität aufhört und die Phantasie beginnt. Diese feine Trennlinie zieht sich wie ein roter Faden von Time Bandits (1981) über 12 Monkeys (Twelve Monkeys, 1995) bis hin zu Tideland.

Nachdem die Eltern der jungen Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) an einer Überdosis Heroin gestorben sind, baut sich das junge Mädchen Schritt für Schritt seine eigene Phantasiewelt auf. Die Protagonistin von Tideland reiht sich so nahtlos in das bekannte Gilliam-Universum ein. In dem von weiten Weizenfeldern umgebenen Haus ihrer verstorbenen Großmuter beginnen Puppen wie Eichhörnchen zu sprechen und Kleiderschränke verwandeln sich in ganze Räume. Die einzigen Menschen zu denen Jeliza-Rose Kontakt hat, sind der geistig behinderte Dickens (Brendan Fletcher) und seine ältere Schwester Dell (Janet McTeer). Während ihr Vater (Jeff Bridges) im Schaukelstuhl der Großmutter langsam verwest, entwickelt sich zwischen Jeliza-Rose und Dickens, der den Körper eines jungen Mannes und den Geist eines kleinen Jungen hat, eine enge kindliche Beziehung.

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Das Verhältnis zwischen den beiden illustriert Gilliams Hang zur Überzeichnung und zum Grotesken. Wie in den Filmen von Federico Fellini ist das Spiel der Darsteller in einem Gilliam Film frei von jeglicher Zurückhaltung. Grimassen und Verrenkungen verleihen seinen Filmen etwas Komödiantisches - auch wenn grausame Handlungen dargestellt werden. Unter den von Johnny Depp und Benicio del Torro gespielten Figuren tun sich in Fear and Loathing in Las Vegas (1998) gewaltige Abgründe auf, während die übertriebene Freundlichkeit des Folterers und Familienvaters in Brazil (1985) seine abscheuliche Tätigkeit fast vergessen lässt und so die Grausamkeit in ihrer Banalität noch verstärkt. In Tideland verbergen sich hinter den kindlichen Spielen von Jeliza-Rose und Dickens pädophile Züge und Dell verfällt der Nekrophilie. Häufig zur Seite gekippte Kameraeinstellungen und die überwiegende Verwendung von Weitwinkelobjektiven, welche den Hintergrund leicht verzerren, setzen das überzeichnete Spiel der Schauspieler fort.

Tideland

Erwartungsgemäß finden sich die Ausuferungen auch auf der Plotebene. Im Gegensatz jedoch zu Fear and Loathing in Las Vegas, der wie Tideland auf einen klassischen Erzählbogen verzichtet und dafür eine episodenhafte Struktur besitzt, schafft es Gilliam gerade im Mittelteil nicht immer das Interesse an der Geschichte aufrecht zu erhalten. Die Spiele und Gespräche des Mädchens wiederholen sich zu oft und der Film wirkt stellenweise orientierungslos.

Gegen Ende fokussiert sich die Geschichte dann immer mehr auf die Frage, wie das Mädchen dieser Welt entfliehen kann, die immer bedrohlicher und ungemütlicher wird. Gilliam schafft es merklich besser das Chaos und die Verwirrung, die in der Geschichte an Oberhand gewinnen, visuell umzusetzen als die ruhigen Passagen im Mittelteil. Der Film gewinnt so schließlich an Tempo und das großartige Ende von Tideland knüpft mit seiner apokalyptischen Intensität mühelos an die besten Terry Gilliam Filme an.

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