Thy Womb

Der Mutterleib der Anderen. Eine Hebamme sucht eine Frau für ihren Mann.

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So unscheinbar, wie die Figuren in den verwackelten Videobildern bei Brillante Mendoza oft wirken, könnte man fast vergessen, dass es sich bei den Schauspielern meist um richtige Stars handelt. Mit seinem zerfahrenen Erzählstil und nach herkömmlichen Vorstellungen völlig unästhetischen Bildern schwächt der Regisseur dabei die Präsenz seiner Darsteller nicht, sondern setzt sie einfach subtiler, nämlich als Teil eines großen Ganzen in Szene. Zuschauer, die mit philippinischen Darstellern nicht vertraut sind, dürften gar nicht erst auf die Idee kommen, dass hier die bekanntesten Gesichter des Landes versammelt sind. Doch auch das westliche Publikum konnte sich schon von Mendozas Anti-Star-Methode überzeugen. Immerhin ist es ihm in seinem letzten Film Captive (2012) gelungen, niemand geringeren als die große Isabelle Huppert zu bändigen.

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Auch Mendozas neuesten Film Thy Womb (Sinapupunan) durchweht wieder ein Hauch philippinischer Filmgeschichte. Hauptdarstellerin Nora Aunor spielte immerhin die Hauptrolle in Ishmael Bernals religionskritischem Meisterwerk Himala (1982), ihr Filmpartner Bembol Roco ist das Gesicht aus Lino Brockas nicht minder bedeutendem Hauptwerk Manila in the Claws of Darkness (Sa Mga kuko ng liwanag, 1975). Erstere spielt die Hebamme Shahleha, die von jedem entbundenen Säugling ein Stück Nabelschnur als Andenken aufhebt. Eingebunden in Tücher baumeln die ungewöhnlichen Souvenirs an der Decke ihrer Holzhütte. Hinter dieser seltsamen Gewohnheit steht ein unerfüllter Kinderwunsch, der im ironischen Kontrast zu Shalehas Beruf steht. Sie selbst hatte nie Kinder und ist jetzt ohnehin zu alt dafür. Doch weil ihr Ehemann Bangas (Roco) sich ein Kind wünscht, gehen die beiden auf die Suche nach einer zweiten Ehefrau.

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Nach Captive führt Mendoza die Suche nach sozialer Ungerechtigkeit ein weiteres Mal aus den für seine Filme typischen Slums von Manila heraus und in entlegenere Flecken seiner Heimat. Schauplatz ist diesmal die an der Grenze zu Malaysia gelegene Inselgruppe Tawi-Tawi, wo das indigene Volk der Bajau lebt. Die andere Region bringt streckenweise auch eine andere Ästhetik mit sich. Thy Womb wirkt insgesamt ruhiger und konzentrierter. Wo sich sonst eine hektische Handkamera ihren Weg durch die Gassen eines überbevölkerten Molochs bahnt, da verfügt das Wasserdorf der Protagonistin über deutlich weniger Bewegungsspielraum. Die gemächlichen Fahrten mit dem Boot, die vereinzelte wohlklingende Synthesizermusik und Unterwasseraufnahmen von Walen lassen den Film wärmer wirken, manchmal auch nah an der Grenze zum Kitsch. Frühe Filme wie Der Masseur (Masahista, 2005), die noch zugänglicher und geschmeidiger wirken als die spröderen neueren Werke, kommen hier in Erinnerung.

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Trotzdem ist Thy Womb alles andere als ein herzzerreißendes Melodram. Shalehas selbstlose Suche nach einer Frau für ihren Mann ist schon inhaltlich dramatisch genug, da muss ihr Leiden nicht auch noch mit filmischen Mitteln ins Rampenlicht gezerrt werden. Stattdessen schweift die Kamera in dokumentarisch anmutenden Szenen immer wieder ab, widmet sich etwa einer ausgelassenen Hochzeitszeremonie, dem Treiben auf einem Markt oder vermittelt mit plötzlich auftauchenden Militärs und Schusssalven auf der Tonspur die angespannte Stimmung. Shaleha hören wir dagegen kein einziges Mal über ihre Situation klagen. Vielleicht fordert diese stumme Akzeptanz den Zuschauer auch nur mehr heraus, sich über einen Missstand aufzuregen. Und dann blickt Mendoza zudem noch auf eine auch für ihn fremde Kultur. Denn im Gegensatz zum auf den Philippinen dominierenden Christentum handelt es sich hier um eine muslimische Gesellschaft mit ihren eigenen Bräuchen und Wertvorstellungen. Doch auf Provokation legt es der Film ebenso wenig an, wie er sich weigert, den Islam ein weiteres Mal als Wurzel allen Übels zu inszenieren. Selbst dem Ehemann, der alles andere als ein tyrannischer Macho ist, kann man eigentlich nicht böse sein.

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Ohne zu urteilen, nähert sich der Film der Kultur der Bajau über ihre Rituale. Mit sogenannten Vermittlern sucht das Ehepaar nach einer geeigneten Braut, spricht bei Familien vor und muss doch immer wieder Rückschläge einstecken, weil die Mitgift zu hoch ist. Man fühlt sich dabei streckenweise an Lola (2009) erinnert, in dem Mendoza minutiös eine Großmutter dabei zeigt, wie sie sich im Dschungel von Bürokratie und Justiz orientieren muss. Obwohl auch Shaleha sich immer wieder durch mühsame Prozeduren quälen muss, bekommt der Film schon durch seine Ellipsen einen ganz anderen Rhythmus. Oft wird zu jenem Zeitpunkt geschnitten, der in einer klassischen Erzählung ein Höhepunkt wäre. Wenn das fischende Ehepaar etwa von einer Gruppe schießwütiger Männer überfallen wird und hilflos im Wasser treibt, zeigt Mendoza nicht, wie sich die beiden aus ihrer misslichen Lage befreien. Das ist umso mehr ein Statement, weil sich der Regisseur ohnehin kaum für ökonomisches Erzählen interessiert. Als wollte er seinem Zuschauer sagen, dass es Wichtigeres gibt als solche plumpen Tricks zur Spannungserzeugung. Zum Beispiel, der dargestellten Welt die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Trailer zu „Thy Womb“


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