Those Who Make Revolution Halfway Only Dig Their Own Graves

Karlovy Vary 2017 - Von der Revolution entwurzelte Gewalt: Mathieu Denis und Simon Lavoie widmen sich dem Nachbeben des Quebecer Protestfrühlings – und verarbeiten Text, Performance und unterschiedlichste Bildformate zu einer ästhetischen Waffe, die sich auch gegen die Aktivisten selbst richtet.

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Die Revolution wächst in der Dunkelheit. Zunächst ist da eine schwarze Leinwand. Fünf Minuten lässt das Regieduo Mathieu Denis und Simon Lavoie dieses Schwarz stehen, untermalt von einer Ouvertüre, die sich immer wieder genug wandelt, um jede Gelassenheit zu zerstören. Eine Texttafel löst das Dunkel ab, unterstreicht den Filmtitel als These und gibt schließlich den Blick auf die Nacht in Montreal frei. Das Halbdunkel der Stadt wird den ersten Akt des Widerstands tarnen. Die Revolution selbst aber wird hinter selbstgebastelten Barrikaden wachsen, gänzlich isoliert vom Licht der Welt. In dieser selbst geschaffenen Dunkelheit legen vier Quebecer Studenten ihre gesellschaftliche Identität ab, verleugnen sie in einer Performance, mit der sie ihre eigene symbolische Wiedergeburt einleiten. So streifen sie ihre Klamotten und ihre bürgerlichen Namen ab und überschreiben sie mit den Kampfbegriffen ihrer Ideologie: Giutizia (Charlotte Aubin), Tumulto (Laurent Bélanger), Ordine Nuovo (Emmanuelle Lussier Martinez) und Klas Batalo (Gabrielle Tremblay).

Weiter als Godard

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Die revolutionäre Zelle, die sie gründen, ist eine Fortführung der Studierendenproteste in Québec, die 2012 zu Demonstrationen von bis zu 165.000 Beteiligten anwuchsen und in gewalttätige Ausschreitungen eskalierten. Von den ursprünglichen Forderungen und Vorstellungen des Maple Spring – wie die Proteste vereinzelt und romantisierend genannt wurden – entwurzelt der Film seine Protagonisten bereits im besetzten Hörsaal. Sie stoßen die Redner von der Bühne, die für Gewaltlosigkeit plädieren, schlagen auf die ein, die eine Eskalation verhindern wollen. Gewalt ist für sie eine Notwendigkeit und nur aus ihr heraus kann die Revolution entstehen, aus der Denis und Lavoie eine kompromisslose Ästhetik erschaffen.

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All das – die Mao-Bibeln, die Molotowcocktails, die jungen Studenten als kaltblütige Killer – könnte ebenso Godards La Chinoise entstammen. Doch wo Godard die Extremisten ästhetisch betrauert und satirisch ausstellt – mit Texten, Worten, Rezitationen, visuellen Metaphern und dem ständigen Hinweis auf die eigene Inszenierung, gehen Denis und Lavoie weiter. Ihr Radikalismus ist abstrakt, figurativ und konkret zugleich. Ihre Ästhetik macht Ideologie nicht zum bloßen Exponat. Fast glaubt man, sie physisch zu spüren, während die vier Extremisten an ihr abstumpfen, sich verhärten und von der Welt lösen. Die letzten Versuche der elterlichen Liebe prallen an ihnen ab. Wut und verzweifelte Aggression der Eltern beantworten sie mit einem Messerangriff.

Faustschläge ins eigene Gesicht

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Der Film geht mit der Radikalisierung im Gleichschritt, zerschneidet glasklare, hochauflösende 35mm-Bilder gutbürgerlicher Haushalte mit dreckigen, von digitalen Artefakten zerfressenen Dokumentaraufnahmen der Proteste, unterbricht meditative Plansequenzen mit leinwandfüllenden Texttafeln und wechselt innerhalb einzelner Szenen mehrfach die Formate. Film wird zum Akt der Aggression, das Format eine Waffe, die Denis und Lavoie in ihrem epischen, über drei Stunden ausufernden Meisterwerk wechselnd in die Hände der Extremisten, Staatsgewalt oder Unbeteiligten legt. Etwa wenn Ordine von einem Polizisten verhört wird, ihn verspottet und demütigt, so lange, bis der Film uns auf seine Seite zu schieben scheint und genau im Moment des moralischen Umbruchs den Polizisten enttarnt, zeigt, wie er sie schlägt und missbraucht. Der Terror ist für Denis und Lavoie mehr als eine Rauchgranate in der U-Bahn oder ein Brief, in dem sich Mehl als Anthrax tarnt.

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Noch mehr als an der Front zwischen Establishment und Radikalismus sind die Opfer dieses Konflikts im privaten Raum zu finden, den der Film immer wieder aufsucht. Dabei wendet der Film die Ästhetik der Revolution nun endgültig gegen die Gemeinschaft selbst. Texttafeln drängen die Figuren in den Hintergrund. Manifeste, Thesen und Normen vergiften ihr Zusammenleben. Die Revolution verstümmelt sich selbst. Jede Gefühlsregung, die nicht als Hass kanalisiert wird, ist eine nostalgische Schwäche. Wer sich ihr hingibt, begeht Verrat, muss sich selbst anklagen. Nackt und reumütig präsentiert sich der Verräter vor der Gruppe, um sich selbst zu geißeln und sich vor den Augen der anderen seine Hingabe mit Faustschlägen in das eigene Gesicht zu beweisen. So lange, bis es die anderen nicht mehr ertragen. Keiner von ihnen will all das, doch der Terror richtet sich längst nicht mehr nur gegen ein System, sondern gegen den eigenen Körper. Film ist das Medium der Revolution, ihres selbstzerfleischenden Wahnsinns, aber auch das Licht, das selbst hinter der Dunkelheit der ideologischen Barrikaden noch mit einer Intensität brennt, die es im politischen Kino lange nicht mehr gegeben hat.

Trailer zu „Those Who Make Revolution Halfway Only Dig Their Own Graves“


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