Les Sauteurs - Those Who Jump

Ein Flüchtling aus Mali bekommt eine Kamera und wird zum Regisseur eines kollektiven Schicksals. Für den großen Sprung über die spanisch-marokkanische Grenze wechselt der Film von Moritz Siebert und Estephan Wagner dann aber doch die Perspektive.

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Irgendwann legt sich der Nebel über Mount Gurugu. „Alles kann jetzt passieren“, flüstert Abou Bakar Sidibé in die Kamera. Das Warten auf den nächsten saut, den nächsten Sprung, verdichtet sich und wird in seiner Unausweichlichkeit spürbar. Auf einmal geht es bergab, auf Pfaden durch enge Schluchten und Flussbette hinab in das von drei Zäunen durchschnittene Brachland zwischen Europa und Afrika. Am nächsten Tag werden die am Stacheldraht erlittenen Verletzungen eigenhändig medizinisch versorgt. In aller Direktheit zeigt Les Sauteurs – Those Who Jump den Alltag an der spanisch-marokkanischen Grenze rund um die Enklave Melilla. In den Wäldern des Bergs Gurugu auf der marokkanischen Seite warten hunderte Männer auf die Gelegenheit, über den Grenzzaun zu klettern. Abou Bakar Sidibé ist einer von ihnen. Er kommt aus Mali, harrt seit 14 Monaten an der Grenze aus. Eines Tages kommt Besuch aus Deutschland: Die beiden Regisseure Moritz Siebert und Estephan Wagner machen Sidibé einen Vorschlag. Er soll seinen Alltag mit der Kamera dokumentieren. Siebert bezahlt ihn dafür. Damit er die Kamera nicht gleich wieder verkauft. In einer Umgebung, in der jeder um die eigene Zukunft und das eigene Leben kämpft, beginnt so ein gewagtes Filmexperiment.

Die Parallelwelt über der Enklave

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Wenn nicht gerade der nächste Sprung bevorsteht, vertreiben sich die Männer die Zeit mit Kartenspielen und entwickeln ihre eigenen Fantasien über das, was direkt vor ihren Augen zu liegen scheint: Europa. Sidibés Bruder ist bereits dort, in Barcelona. Er schreibt ab und zu, in Spanien herrsche die Krise, es gebe gar keine Arbeit, keine Zukunft, und da sei nichts zu machen. Allerdings scheint das nicht am Willen der Männer zu rütteln. Allein die Überschreitung der Grenze, so macht es den Eindruck, ist das Ziel. Selbst dort zu sein, an diesem Ort, von dem alle sprechen, darum drehen sich die Gespräche der Männer immer wieder. Und um dieses Ziel zu erreichen, organisieren sie sich. Auf dem Berg über der Enklave ist eine veritable Parallelwelt entstanden: Es gibt Zuständigkeiten, eine Gerichtsbarkeit, mit der marokkanischen Polizei hingegen wird grundsätzlich nicht gesprochen.

Gerechtigkeit mit dem Film

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Sidibé versucht dies alles zu filmen und hält sich dabei meist zurück. Nur manchmal wendet er die Kamera und spricht, Regisseur und Hauptdarsteller seines eigenen Films. „Du bist wirklich ein Filmemacher geworden“, bekommt Sidibé von seinen Freunden schließlich zu hören. Er wird als Regisseur eines kollektiven Schicksals wahrgenommen und respektiert. Er gibt den hunderten sauteurs einen Namen und ein Gesicht. In diesem Sinne scheint tatsächlich allein die Anwesenheit der Kamera bereits etwas zu verändern. Nachts filmt Sidibé die landenden Flugzeuge über Melilla und meditiert über die Schönheit der Bilder, darüber, dass alles andere für einen Moment unwichtig wird. Angesichts der unwürdigen Zustände auf Mount Gurugu ist das eine Form von filmischer Gerechtigkeit, die hier erschaffen wird.

Die Chance einer Chance

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Zugleich macht der Film auch ästhetisch deutlich, dass Melilla eine der am besten gesicherten Grenzen der Welt ist. Siebert und Wagner schneiden immer wieder Bilder von Überwachungskameras der spanischen Grenzschützer in den Film und kontrastieren so die Armut diesseits des Zaunes mit der hochgerüsteten Technisierung des Migrationsregimes. Das Fadenkreuz ist in diesen Bildern allgegenwärtig und wird als Instrument zur Regulierung des Flows eingesetzt. Als plötzlich Dutzende von Körpern auftauchen und über die Zäune klettern, weiß die Kamera nicht mehr wohin. Ein revolutionärer Gestus ist in diesen Szenen spürbar, die Männer von Mount Gurugu sind für kurze Momente Ergebnis von und kämpferische Reaktion auf globale Machtverhältnisse. Dagegen verzichtet Les Sauteurs auf jene Bilder der Empörung, die in der Darstellung von Migration allgegenwärtig sind – stattdessen lernen wir Sidibés Pragmatismus kennen und verstehen. Aus dieser Perspektive braucht es keine Gründe mehr für Flucht, keinen Krieg oder Terror. Es ist schlicht die Chance, eine Chance zu haben, die diese Männer antreibt.

Trailer zu „Les Sauteurs - Those Who Jump“


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