Thomas Mao

Was Zhu Wen mit seiner vermeintlichen Culture-Clash-Komödie tatsächlich anstrebt, nannte man früher Hofmalerei.

Thomas Mao  1

Sun Zi, der Clausewitz Chinas, unterschied schon vor 2500 Jahren zwischen Taktik und Strategie. Auf Zhu Wens Komödie über das komische Potenzial interkultureller (Miss-)Verständigung übertragen, könnte man die Taktik von Thomas Mao loben, nur wird dabei zu keinem Zeitpunkt eine Strategie erkennbar. Die Taktik, den Zuschauer mit kleinen Absurditäten und harmlos-amüsanten Beobachtungen zum Lachen zu bringen, geht voll auf. Der deutsche Künstler Thomas (Thomas Rohdewald) reist im Sommer 2008 in die chinesische Provinz Hunan, wo ein Bauer (Mao Yan) mitten in der von Menschen verlassenen Steppe seine bescheidene Hütte ausländischen Touristen als Pension anbietet – Enten und Ziegen als Mitbewohner inklusive. Thomas biedert sich zwar mit einer vom roten Stern gezierten Mütze an, fällt aber durch seine fordernde, anspruchsvolle Art und seinen kleinen Wohlstandsbauch doch sofort als Westler auf.

Thomas Mao  2

Im Kern besteht der Humor während dieses ersten Abschnitts aus den dysfunktionalen „Gesprächen“ der beiden Figuren, da der Bauer nur Chinesisch und der Deutsche neben seiner Muttersprache nur Englisch beherrscht, die zwei aber dennoch miteinander und gleichzeitig völlig aneinander vorbei reden. Von diesem Grundgerüst aus verteilt Zhu einige humoristische Einfälle: So muss der deutsche Schäferhund des Bauern hüpfen, um eine ungewollte Empfängnis zu verhüten, das Militär ist dafür zuständig, verlorene Ziegen zurückzubringen, und Thomas’ Gastgeber hat in seiner Abgeschiedenheit zwar noch nichts von den Olympischen Spielen in Peking gehört, kann dafür aber Zigarettenrauch durch die Ohren ausstoßen. Zudem nimmt sein Gewehr wiederholt eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen ihm und seinem ausländischen Gast ein.

Thomas Mao  3

Trotz dieser zahlreichen schönen Ideen weiß Zhu einfach nicht, wo er mit seinem Film hin will, geschweige denn, wie das dünne Drehbuch auf Spielfilmlänge gestreckt werden kann. Das zeichnet sich erstmals ab, als er die Handlung durch ein viel zu langes Interludium unterbricht, in dem dank eines Traums westliche China-Klischees aus der Imagination Thomas’ hervortreten und in einer Wuxia-Sequenz münden. Zwei mit traditionellen Gewändern bekleidete Figuren vollführen ein Martial-Arts-Ballett in entsättigten Farben, aus denen lediglich das kräftige Rot des Bluts heraussticht. Stilistisch ist das durchaus beeindruckend, so sehen wir die Bewegungen einer Frau im Vordergrund in normaler Geschwindigkeit, während ein Mann auf einem Schimmel in Zeitlupe durch den Hintergrund reitet. Nur wirkt die überdehnte Sequenz wie ein Fremdkörper im Film – was jedoch noch einen vergleichsweise geringen Schaden darstellt im Vergleich zu dem massiven Stilbruch einer völlig willkürlichen Szene, in der Aliens (mit hautengen schwarzen Ganzkörperanzügen, Taucherbrillen und grünen Leuchtstäben ausgestattete Humanoide) aus dem Nichts auftauchen.

Thomas Mao  4

Vollkommen orientierungslos erscheint Thomas Mao nach einem Ortssprung in ein städtisches Atelier, wo sich die letzten 20 Minuten des Films abspielen. Thomas kann nun plötzlich Mandarin sprechen, sein chinesisches Gegenüber antwortet auf Englisch. Die Schauspieler bleiben die gleichen wie im ersten Teil, repräsentieren nun aber sich selbst, wie uns Schrifteinblendungen erklären. Mao Yan ist ein chinesischer Maler, der Thomas seit Jahren als Model für eine Bilderreihe nutzt. Thomas Rohdewald wiederum ist einerseits Künstler, war aber zusätzlich verantwortlich für den luxemburgischen Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai – dass er kein Schauspieler ist, merkt man über die gesamte Laufzeit hinweg. Regisseur Zhu Wen ist mit beiden befreundet und hat, wie der finale Teil des Films nahelegt, hier nichts weiter vor, als seinen Kollegen ein filmisches Denkmal zu setzen. Schließlich werden im Abspann Maos Bilder gezeigt, die allesamt Thomas darstellen. Einmal noch scheint Thomas Mao interessant zu werden, als Mao Yan das chinesische Prestige-Projekt der Olympiade in einem Atemzug mit Rebellionen in Tibet und zwei vertuschten innenpolitischen Skandalen nennt. Doch letztlich muss man erkennen, dass Zhus Arbeit eine als Spielfilm getarnte private Huldigung ist, die außer die Beteiligten kaum jemanden erfreuen dürfte.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.