Cheyenne - This Must Be the Place

A sight to see, or two or three. Gleich mehrere Sehenswürdigkeiten konkurrieren in Cheyenne - This Must Be the Place miteinander: Atemberaubend inszenierte Settings und Sean Penn.

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Eines ist Paolo Sorrentino mit Sicherheit nicht: sparsam. Cheyenne - This Must Be the Place ist der erste englischsprachige Film des italienischen Regisseurs, der hierzulande vor allem durch die Polit-Groteske Il Divo (2008) bekannt wurde. Sein neues Werk ist ein Roadmovie, das mit ununterbrochenen Kranfahrten die Vereinigten Staaten von heute erschließt. Zu fast gleichen Teilen ist es das Porträt eines unglücklichen Rockstars, der seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetreten ist und mit einer kindlichen Naivität die Welt durchleuchtet. Er ist auf Nazi-Jagd. Aber so spektakulär das klingt, so nebensächlich ist es inszeniert. Geschickt verwischt Sorrentino die Spuren eines Racheplots mit einer Initiationsgeschichte und der Drifter-Existenz seines Protagonisten. Drei emotionale Temperaturen setzt der Film mit Gleichmut nebeneinander: Wut, Neugierde und Selbstaufgabe. 

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Cheyenne, so heißt Sean Penns Figur, wird aus der Welt nicht schlau, und genau deshalb ist er als Protagonist geradezu prädestiniert, sie zu erkunden und zu erklären. Um ihn herum ist alles in Bewegung, nur sein Gesichtsausdruck bleibt unverändert. Die Depression lässt klarer sehen, ohne den Ballast des am Umfeld teilhabenden Engagements. In Cheyenne - This Must Be the Place gibt es kaum eine Szene ohne Sean Penn als alternden Rocker. Schwarzer Eyeliner und roter Lippenstift, schwarz gefärbte, zerzauste Haare und tiefe Falten: Mehr Verweis denn Figur, schleppt sich der Protagonist in kleinsten Schritten durch den Film. 

Die ikonische Interpretation des zuletzt in Gus Van Sants Milk (2008) groß auffahrenden Schauspielers ist wieder eine Attraktion im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl hier auch das Schauspiel selbst, die Verwandlungsleistung an sich in der Rezeption eine Rolle spielt, kann Penn nach einer Weile der immer gleichen beschwerlichen Bewegungen, des Lachens in höchsten Pieps-Tönen, des abwesenden Blickes, mit der Figur verschmelzen. Seine Augen übernehmen den größten Part in den Nahaufnahmen des depressiven Mannes, den der Schmerz von innen heraus auffrisst, ihn motorisch und geistig paralysiert. Denn seine Augen changieren zwischen den verschiedenen Polen, sind in einem Augenblick offen, dann verzweifelt, zurückgezogen, den Tränen nahe, in sich gekehrt, verärgert, belustigt, und schließlich ein klein wenig von der Last seiner Vergangenheit befreit. 

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Cheyenne - This Must Be the Place ist von der Geschichte her bisweilen, wie gesagt, ein klassisches Roadmovie, in dem äußere Reise und Begegnungen den Protagonisten sich selbst näher bringen. Allerdings stehen hier die Panoramen stets in einem interessanten Spannungsverhältnis zur Figur. Vom Grün der irischen Wahlheimat zum Gold der amerikanischen Prärie bis zum Weiß der Schneelandschaft im Showdown: Die Momente des Spektakels, des Staunens, der ästhetischen Überhöhung sind mindestens ebenso wichtig wie ihre Wechselwirkung auf das Befinden von Cheyenne. Der Natur, dem Umfeld, kann sich niemand entziehen. Und doch steht er der Welt um ihn herum eher wie ein Hindernis im Weg. Zwei Attraktionen schalten sich gegenseitig nicht aus, aber sie neutralisieren sich in gewisser Hinsicht. Zum Vorteil des Films wird, dass die rührseligen, philosophisch angehauchten Dialoge in den Hintergrund treten und die Geschichte rund um die Rache am Peiniger des gerade verstorbenen Vaters an Dringlichkeit verliert. 

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Die Macht-Räume, die Sorrentino in seinem letzten Film fokussierte, weichen hier ebenso ironisch inszenierten Tableaus einer Gesellschaft der Ungleichzeitigkeit. Eines der wiederkehrenden Bilder zeigt ein hypermodernes Sportstadion aus Glas, in dessen Schatten ein einfaches Arbeiterviertel wie aus der Zeit gefallen oder von der Gegenwart vergessen vor sich hin vegetiert. Sorrentinos Perspektive, die mehr als einmal verwundert, ist stark gestaltend, aber stellt nicht aus. Am Schluss, wenn er den großen Bogen zu den Bedeutungsebenen des Holocaust spannt, kann einem etwas mulmig zumute werden. Hier wird die Balance, die der Film über weite Längen hält, immer fragiler. Für die Aufarbeitung der Vergangenheit bedarf es einer Aufarbeitung ihrer Bilder, scheint er uns am Ende sagen zu wollen, wenn er in der Gegenwart neue, fast schon poetische Bilder einer Demütigung schafft. Die in Cheyenne - This Must Be the Place ausgestellte Bilderskepsis des Bilderschaffers kommt da gerade recht. Schließlich kann keine noch so geschmeidige Kranfahrt den Raum wirklich erschließen oder den eigenen Platz finden, von dem die Talking Heads im titelgebenden Lied singen. Die richtige Perspektive zu gewinnen, ist eine Frage der Einstellung. Wut, Neugierde und Selbstaufgabe sind als Triumvirat dafür vielleicht gar nicht so verkehrt.

Trailer zu „Cheyenne - This Must Be the Place“


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