This Is Love

Die Liebe als Fluch: Der neue Film von Matthias Glasner zeigt das Zugrundegehen von Menschen an Schmerz, Leiden und Einsamkeit aufgrund verlorener oder unerfüllbarer Liebe.

This is Love

Die unglückliche Liebe und die Einsamkeit – emotionale menschliche Zustände, deren zerstörerisches Potenzial nahezu jedem bekannt sein dürfte. Einsamkeit als soziales und psychologisches Phänomen von Isolation kann die Vorstufe zu Depression, zu negativen Bewältigungsstrategien wie Alkoholismus oder zu schweren Psychopathologien sein. Von jeher übt Einsamkeit als Betrachtungsgegenstand der Künste einen geradezu magischen Reiz aus, denn sie ermöglicht einen Zugang zu gemeinhin unfassbaren Normabweichungen menschlichen Verhaltens, deren äußerlich nicht erkennbare Ursache sie ist.

So gelang Regisseur Matthias Glasner mit seinem preisgekrönten Film Der freie Wille (2006) ein erschütternder Blick auf die irreversiblen Folgen von Einsamkeit und die verzweifelte Seele eines Triebtäters, der an seiner Unfähigkeit zur Liebe zugrunde geht.

This is Love

Mit This Is Love wendet sich Glasner erneut der dunklen Seite menschlicher Emotion zu und erweitert seinen Blick auf die Folgen der verlorenen und der unerfüllbaren Liebe, hinter welchen sich wiederum die tief kodierte Angst vor Einsamkeit verbirgt.

Der Film erzählt die Geschichten von vordergründig sehr unterschiedlichen zwei Menschen: Maggie (Corinna Harfouch), eine Polizeikommissarin, hat die Liebe verloren, als sie und ihre kleine Tochter vor sechzehn Jahren urplötzlich und ohne zunächst begreifbaren Grund von ihrem Mann verlassen wurden. Chris (Jens Albinus) hat zusammen mit seinem Kumpel Holger (Jürgen Vogel) das achtjährige vietnamesische Mädchen Jenjira (Lisa Nguyen) aus einem Bordell in Saigon freigekauft und, als seine Tochter getarnt, mit nach Deutschland gebracht. Hier will er sie an „Adoptionswillige“ weiter verkaufen. Doch dann geht alles schief.

This is Love

Die Wege von Chris und Maggie kreuzen sich, als Chris unter Mordverdacht und nach einem Selbstmordversuch in Maggies Verhörraum sitzt. Was auf den ersten Blick wie eine TV-Krimistory anmutet, entwickelt sich zu einem beeindruckenden Psychogramm der beiden gebrochenen Protagonisten. Und obwohl auf einer Handlungsebene miteinander verbunden, bleiben die beiden Geschichten autonom nebeneinander stehen: Maggie, die Einsamkeit und Verzweiflung mit Alkohol zu betäuben versucht, hat eigentlich weder Interesse an der Geschichte von Chris noch am Schicksal der verschwundenen Jenjira. Chris wiederum will sich nicht öffnen und sucht offensichtlich den Tod.

Glasner zeichnet differenzierte Porträts vom Menschen, die an einem Punkt angelangt sind, von welchem es ohne äußere Impulse keine Abkehr mehr gibt, wo die Beschädigungen an der Seele irreversibel geworden sind und wo Lethargie obwaltet.

This is Love

Dabei hat Maggie ihre Verletzungen verinnerlicht – sie bekennt sich zu ihrem Schicksal mit würdevoller Offenheit;  schon zu Beginn führt This is Love Maggie mit ihrem Voice-over-Monolog ein und lässt sie von ihrem Schicksal berichten. Corinna Harfouch kreiert hier das Porträt einer gebrochenen Frau ohne Larmoyanz, denn die Tränen sind längst versiegt. Maggies eigentliches Interesse an Chris’ Fall entfacht sich erst mit der Erkenntnis, dass es zwischen ihrer und Chris’ Geschichte einen tieferen Zusammenhang gibt. In einem quid pro quo zwingt sie Chris dazu, dass sich beide ihre Leidensgeschichten vollständig offenbaren. Parallel montiert erschließt sich so das katastrophale Ausmaß des bis dahin nur bruchstückhaft skizzierten Leids.

Anders als Maggie ist Chris das Opfer seines eigenen ambivalenten Tuns, das im Spannungsfeld zwischen verdrängten sexualpathologischen Veranlagungen und den fürsorglich-väterlichen Gefühlen für das Mädchen Jenjira steht. Jens Albinus (The Boss Of It All, 2006) verkörpert Chris als verschlossenen und mit Schuldkomplexen überfrachteten Mann. Bemerkenswert dabei ist, dass Glasner die Ambivalenz dieses Charakters nicht direkt wertet. Wie schon in Der freie Wille will Glasner keine Antworten auf die dargestellten Verformungen der menschlichen Psyche geben, denn sein Interesse gilt offensichtlich vordergründig der Darstellung von Verwerfungen. Hier jedoch mit einem irritierenden Unterschied:

This is Love

Anders als Der freie Wille, der durch ästhetische Reduktion auf jegliche stilistische Ausdeutung verzichtete, verwendet This is Love eine opulente Ästhetik. Die Bilder von Sonja Rom wirken bis in die Farbdramaturgie hinein größtenteils warm und lyrisch, die Musik von Julian Maas und Christoph M. Kaiser paraphrasiert und verstärkt deutlich aufkommende emotionale Zustände. Insoweit geht This Is Love über die distanzierte Betrachtung hinaus und verschiebt – gerade bei der Geschichte von Chris – die Ambivalenz einer gestörten Gefühlswelt auf die sinnliche Rezeptionsebene. Das verunsichert, denn es versetzt den Zuschauer ansatzweise auch in den Zustand verständnisvoller Mittäterschaft.

Am Ende mutet es nahezu zynisch an, wenn Matthias Glasner in seinen komplex konstruierten Personenporträts Schmerz, Leid und emotionales Elend quasi zu der titelgebenden These This Is Love verdichtet. Hier muss man dem Regisseur und Autor dringend die Ehrlichkeit seiner These unterstellen, um ihn nicht etwa eines manieristischen Ansatzes zu verdächtigen.

This is Love

Matthias Glasners Film entlässt den Zuschauer verstört und mit einer Gemengelage aus Mitleid, Irritation und offenen Fragen. Aber gerade diese nahezu wertungsfreie Perspektive macht This Is Love am Ende zu einem starken, wenn auch schwer erträglichen Film.

Trailer zu „This Is Love“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Marc Biskup

Ich habe auf so einen Film aus Deutschland irgendwie gewartet. Glasner verbindet eindrucksvoll zwei Ebenen, die den menschlichen Abgrund gepaart mit menschlicher Liebe thematisieren. Dabei werden hier mit Sicherheit wieder von vielen Seiten Kritiken auf den Film prallen, denn er ist alles andere als korrekt - und das macht ihn so stark. Denn viel erschütternder als das Schicksal Chris ist doch, dass Jenjira einfach nicht aus ihrer Rolle ausbrechen kann. Das wird an vielen Stellen deutlich, gänzlich klar jedoch erst gegen Ende des Films. Schon allein dieser Strang des Films schnürt einem den Hals zu und ist so beklemmend wie zuletzt kein Film aus den hiesigen Gebieten mehr. Glasner schafft mit wunderbaren Schauspielern (grandios betrunken: Harfouch, einfach grandios: Albinus) ein grausames Drama, welches den Zuschauer danach einfach allein lässt.


Fred

...zunächst einmal nur die Newsletter ...
Gruß
Fred
>gauner


insane

Does anyone know where can I find subtitles for this movie? I'd really like to see it. (English, Spanish, Italian, Portugese, French even German!) Please!


insane

Thanks, but I'm looking for subtitles on the net because I already have the movie on my computer.


ulle

Für mich einer der TOP Filme aus D in den letzten Jahren. Gerade auch, weil er technisch-handwerklich in einer sehr hohen Liga spielt. Schade, dass hier international niemand näher hingeguckt hat. Sicherlich dem Thema geschuldet , das bei aller political correctness Verrücktheit heutiger Zeit auch in diesem Fall zum Teil naivste und schlichtweg dumme Stimmen hervorgespült hatte nach der Premiere. Es gab/ gibt in der Tat Kritiken, die von Verharmlosung oder gar Verniedlichung von Kindesmissbrauch reden. Ein Trauerspiel, weil hier m.E. der erste Spielfilm überhaupt das Thema sachgerecht aufgreift und dabei auch noch Unterhaltung wie Spannung bietet. Besser geht es wohl kaum, auch nicht nicht das Ensemble !

Die verfasste Kritik hier > das muss auch mal gesagt werden< finde ich übrigens hervorragend.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.