This is England

Shane Meadows bietet eine ungewöhnliche Perspektive auf die britische Skinhead-Szene.

This is England

England, 1983. Der zwölfjährige Shaun (Thomas Turgoose) wächst in einem verwahrlosten Suburb auf, ohne recht zu wissen, wo er hingehört: sein Vater ist im Falklandkrieg als Kanonenfutter verheizt wurden, in der Schule ist er ein Einzelgänger. Es ist die Zeit der Mods, Punks und Skinheads. Mit seiner Schlaghose wirkt Shaun wie eine Lachnummer aus der vergangenen Hippie-Ära, bei den Kids der englischen Arbeiterklasse sind toughere Typen gefragt. Erst als eine Clique von Skins den Teenager unter ihre Fittiche nimmt, ihm Glatze und neues Outfit verpasst, findet er endlich Akzeptanz und Geborgenheit. Die Gemeinschaft der Gruppe beginnt jedoch zu zerbrechen als Combo (Stephen Graham), ein altes Gangmitglied, aus dem Gefängnis zurückkehrt und Aggressionen, sowie Rassismus schürt.

Regisseur und Drehbuchautor Shane Meadows leitet This Is England mit dokumentarischen Aufnahmen aus dem England der achtziger Jahre ein: die ersten Arcade-Spiele, das Aufkommen von Aerobic, der Popglamour von Duran Duran, die königliche Hochzeit zwischen Charles und Diana. Es sind Bilder, die uns nicht nur schlagartig in die Eighties zurückversetzen, sondern auch von Aufbruch, Naivität und Unschuld erzählen. Konterkariert werden sie von zwischengeschnittenem Dokumaterial, das destruktiverer Natur ist: Demonstrationen der rechtsradikalen National Front, Prügelszenen zwischen Bürgern und Polizei, der Falklandkrieg. Der Prolog benennt, was sich im Verlauf des Films fortsetzt: unablässig dreht sich eine Spirale der Gewalt, die gemeinschaftliches Leben erodiert.

This is England

Als Coming-of-Age-Film handelt This Is England naturgemäß von dem Verlust der Unschuld. Dabei ist er Charakterstudie und soziopolitische Studie zugleich. Er zeigt nicht nur, wie der heranwachsende Shaun durch die verführerische, falsche Vaterfigur Combo mit Rassismus und Xenophobie infiziert wird, sondern gleichfalls wie die Szene der Skinheads sich von einer anfangs relativ harmlosen Jugendbewegung teilweise zu einer Neonazi-Gruppierung wandelt.

Meadows, der in seiner Jugend selbst Mitglied einer Skinhead-Clique war, unterläuft das stereotype, von den Medien gern benutzte Bild des Skins als tumben Fascho. Er sieht die Skinhead-Bewegung zunächst einmal als eine politisch unmotivierte Jugendkultur der working class, frei von rassistisch gefärbten Feindbildern. Er verweist auf ihren Ursprung in der Begegnung britischer Arbeiterjugendlicher mit jamaikanischen Einwandererkindern, deren Ska und Reggae-Musik beide Parteien verband. Meadows verschweigt aber auch nicht, wie Teile der Skinhead-Szene nach und nach rechtsradikalen Parolen und rassistischer Hetze verfielen und somit die Gruppierung aufsplitterten. In seinem Film ist es Combo, der seine Gangmitglieder erstmals zu einem Treffen der National Front schleift, einer neofaschistischen Partei, die in den Achtzigern britische Skins rekrutierte. Combo ist die Schlange, die sich in das anfängliche Paradies der Jugendlichen stiehlt und seine Bewohner mit zerstörerischem Gedankengut vergiftet. Die differenzierte Beschreibung der Skin-Szene ist die große Stärke von This Is England, sie wirkt authentisch und erhellend.

This is England

Anders als etwa ein American History X (1998), der die Skinhead-Bewegung mythisiert und mystifiziert, ist Meadows Film eher dem krassen Realismus von Alan Clarkes Skinfilm Made in Britain (1982) verbunden. Gedreht auf 16mm, besitzt This Is England eine schlichte und unmittelbare Bildsprache, die das Augenmerk auf das naturalistische Spiel der Darsteller lenkt. Wie schon in seinen vorherigen Filmen, besteht Meadows Besetzung aus einer Mischung von Profi- und Laiendarstellern, die in einem langen Probenprozess an der Entstehung des Drehbuchs mitgewirkt haben. Hauptdarsteller Thomas Turgoose legt ein durch seine Vitalität beeindruckendes Debüt ab, pendelnd zwischen Unschuld und teuflischer Brut, während Stephen Graham das eigentliche Highlight des Films bildet. Dank ihm wird aus einer so asozialen Figur wie dem rassistischen, gewalttätigen Skinhead Combo kein platter Maniac, sondern ein Charakter voller Ambivalenzen und Facetten, verabscheuungswürdig und sympathisch, beängstigend und mitleiderregend.

This Is England bezieht seine Glaubwürdigkeit und Wirklichkeitsnähe nicht zuletzt durch Meadows Blick fürs Detail. In seinem ersten Period Picture gelingt ihm durch zeitgetreues Produktions- und Kostümdesign, den Look und die Atmosphäre eines Provinzkaffs im Achtziger-Jahre-England zu evozieren. Von Shauns Dauerwelle tragender Mutter bis zum graffitibesprühten Pakistani-Laden an der Ecke, von Doc-Martens-Schuhen bis zu Ben-Sherman-Hemden. Doch auch wenn Meadows sein Werk in der Vergangenheit ansiedelt, zieht er vor allem durch den implizierten Vergleich des Falkland-Krieges mit dem Irak-Krieg Parallelen zur Gegenwart und gewinnt dadurch Aktualität.

Am Ende von This Is England schleicht sich dann doch noch ein Patzer in den Film, wenn Shaun als Zeichen seiner Abkehr vom Nationalismus die englische Flagge im Meer versenkt. Der hohe Symbolismus und die Künstlichkeit dieses Moments wirken wie ein Stilbruch gegenüber der eigentlichen Qualität des Films, seinem ungeschönten Realismus. Sie machen die vorausgegangenen Stärken von Meadows Werk aber nicht vergessen. This Is England ist straff erzähltes englisches Kino, das mit der Direktheit einer Kopfnuss daherkommt.

Kommentare


Nik

Mich hat dieser Film bis auf die Knochen erschüttert. Kein anderer Film, auch nicht "American History X", hat die wahren Motive des Nationalsozialismus so exakt getroffen, wie "This is England". Diese Motive sind universell. Am brilliantesten trifft Meadows diesen Zusammenhang in einer der letzten Szenen des Films, als "Combo" sein wahres Gesicht zeigt, nämlich das eines vernachlässigten, unzufriedenen, Liebe-suchenden jungen Mannes, der für all sein Leiden nur die ausländische Gemeinschaft verantwortlich macht. In dieser letzten Szene rastet Combo völlig aus und verprügelt einen eigentlich als "Bruder" betitelten Freund, afrikanischer Abstammung, nachdem dieser von seinem harmonischen Familienleben erzählt. In dieser Szene entblöst Meadows das wahre Motiv der Fremdenfeindlichkeit: Neid!
Brilliant sind die parallel dargestellten Ausschnitte aus politischen Konflikten mit denen England damals zu kämpfen hatte, u.a. dem Falkland-Konflikt. Meadows möchte hiermit dem Zuschauer zeigen, auf wen man tatsächlich wütend sein sollte. Während Margret Thatcher 1982 etwa 5000 britsche Soldaten zu einem völlig unnötigen Konflikt auf die Falkland-Inseln schickte und hierfür 2,5 milliarden britische Pfund verpulverte blieben die einfachen Leute mit ihren viel größeren Problemen vergessen.
Auch ich war von der letzten Szene des Films zuerst etwas enttäuscht. Doch symbolisiert die englische Flagge meiner Meinung nach nicht den Rechtsradikalismus, den Shaun mit seiner Geste zurücklässt, sondern den Staat, den er damit symbolisch ins Wasser wirft.


david

sry leute^^2 stunden vergeudete zeit...der film ist weder authentisch noch kommt er anähernd an das wahre geschehen heran! falls das die realität in england darstellt seid ihr echt arm dran -.- mfg


Jens

Der Film ist endlich mal ein Werk in dem Skinheads nicht alle tumbe dumme Schläger sind.
Genau so war es in den 80ern.
Ich wurde 82 zum Skin und bin es heute noch!

Skinheads go back to your Roots, think with your Head and not with your Boots.

Oi!


Martin Z.

Shane Meadows hat sich immer schon mit Randgruppen und Außenseitern beschäftigt. Hier kennt er sich aus. In diesem Film konzentriert er sich auf die rechtsextreme Ecke der britischen Gesellschaft. Als Partei gibt es da tatsächlich die ’National Front’, die man mit der NPD bei uns vergleichen kann. Ein sensibles Gesellschaftsportrait, das die Gefahren, wie man in die Szene kommen kann, verdeutlicht. Die Darstellung der Anziehungskraft echter Männerfreundschaft und die Akzeptanz in der Gruppe von einem Youngster, der ohne Vater aufwächst und ein Vorbild sucht, ist echt nachvollziehbar. Viele Details machen die Story glaubwürdig und auch Eindruck, vor allem der junge Thomas Turgoose. Wir sehen kein nur für England typisches Gesellschaftsphänomen aus der Thatcher-Ära und dem Falklandkrieg. Dass das überall so passieren kann, zeigen die Nachrichtenbilder am Anfang und am Ende: es sind nationalistische Auswüchse und deren Folgen eben. Immer wieder wichtig, immer wieder anschauen!


Andi

Dieser Film verharmlost diese Szene. Alles bis auf Combo sind "nette Jungs", die nur ein wenig Spaß haben wollen. Außenseiter, die Ihresgleichen suchen. Für mich Haarsträubend, wie man die Skinhead Szene so schönreden kann.


Alex

"Schön reden"? Inwiefern? Wer oder was wird da schöngeredet? Es wird gezeigt, wie aus oft sehr hoffnungslosen Männern Schläger werden. Keiner wird als Arschloch geboren, man wird dazu. Jeder der Gezeigten hat irgendein Problem. Und dass da einer auf einen hilflosen Landenbesitzer mit einer Machete losgeht, da sehe ich überhaupt kein "Schönreden". Der Typ bleibt ein blödes Arschloch und ein armes Würstchen, auch wenn man z.T. verstehen kann, wie er dazu gekommen ist.
Von "Schönreden" kann auch deswegen keine Rede sein, als dass jegliche Literatur über das Entstehen der rechten Skins genau dieses Bild zeigt: aus unpolitischen, aber rebellischen und hoffnungslosen Männern werden Nazis.


pin

der film ist gut gemacht zeigt alle seiten von skinheads und ausländer durch den den film hab ich gelernt keine schnellen vorteile zu haben und beide seite zuverstehen.






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