This Ain't California

Auf den endlosen Betonwüsten der ehemaligen DDR in eine mögliche Vergangenheit: This Ain’t California erzählt zwischen Fakt und Fiktion von Skatern aus dem Osten.

This Ain  t California

„Genug Beton hatten wir ja.“ Im Arbeiter- und Bauernstaat war vieles Mangelware, aber sicher keine glatten, grauen Oberflächen. Anders gesagt: Skateboarden und DDR waren eigentlich wie füreinander gemacht. Nur hat das lange niemand wahrhaben wollen, weder damals in der DDR noch heute in den Skater-Annalen. Und weil die Geschichte von Sunnyboys auf Skateboards im imaginär so tristen Osteuropa an sich schon erzählenswert ist, und weil sich hier Freizeitvertreib, Gegenkultur und Individualismus sehr günstig an disziplinärem Staatssport und Kollektivismus reiben, hat Regisseur Marten Persiel eine Dokumentation über die Rollbrettfahrer vom Alexanderplatz gemacht.

Doch Vorsicht! Auch wenn es eine ostdeutsche Skateszene gegeben haben mag, und auch wenn einige Aufnahmen in This Ain’t California genuines Archivmaterial sind: Die meisten Skateszenen sind nachgestellt, ebenso die Archivaufnahmen der rührenden und scheinbar „auf wahren Begebenheiten“ beruhenden Geschichte der Galionsfigur eben jener Szene (im Film heißt der junge Mann Dennis aka „Panik“). Und einige Interviews mit Sport-Stasi-Spitzeln scheinen schon auf den ersten Blick zu skurril, um wahr zu sein. Und anscheinend sind sie es auch nicht.

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Nun ist Mockumentary kein neues Bastardgenre, und Fake-Dokumentationen locken uns Zuschauer immer wieder erfolgreich in die Falle, dem dokumentarischen Look dokumentarische Qualitäten zu unterstellen. Aber nichts an This Ain’t California deutet auf eine medienkritische Intention hin, im Gegenteil, dem Film scheint es wirklich um eine Aufklärung, eine emotional vereinnahmende Darstellung seines Sujets zu gehen. Es gibt keine Markierungen, die Rückschlüsse zuließen, was authentisch und was erfunden ist.

Wenn ein Film seine Zuschauer schon in eine derartige unauflösbare Verwirrung zu bugsieren vermag, dann muss sein Regisseur zumindest wissen, wie man mit visuellen Indizes umzugehen hat. Und das weiß Marten Persiel wirklich. Sehr in Einklang mit den stilistischen Codes, so wie sie sich über die Jahre in Skateboardvideos einerseits und den „authentisch“ wirkenden Bildern der Kleidung, der Gegenstände und Gesichter Ostdeutschlands andererseits gefestigt haben, zeichnet er eine Community nach, die ganz klar im Osten zu leben scheint, aber völlig nach Westen aussieht. Das heißt: verrauschte 8mm-Aufnahmen, montiert zu Videoclips, mit arschcoolen Skatern und grauen Passanten, mit neonfarbigen Brettern und Trabbis. Die Tricks sind ärakonform weit entfernt von heutigen eher treppen- und curblastigen Wagnissen, stattdessen sieht man akrobatisches Flatland-Geprahle, mit Handständen und Gerutsche über die endlosen Betonweiten des Alexanderplatzes.

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Den Grundmodus von This Ain’t California könnte man als schwelgerische Nostalgie bezeichnen. Es wird an die Jugend erinnert, an Tage des Kampfes und Tage des Stolzes. Die Story (man weiß ja nicht, was daran wahr ist) läuft so: Genannter „Panik“, der ultimative Draufgänger und Held in der Alex-Skateszene, ist nach der Wende von der Bildfläche verschwunden. 2011 trifft seine alte Crew die Nachricht wie ein Schlag: Der ehemalige Stressmacher ist in Afghanistan gefallen. Nach der Beerdigung schart man sich an alten Sammelplätzen um ein Lagerfeuer und erzählt einander (und der Filmcrew) von damals. Aus diesen Gesprächsfetzen, die manchmal spontan, manchmal gescriptet erscheinen, baut Persiel seine Rekonstruktion der vergessenen Geschichte der Skater aus dem Osten auf.

Dabei kombiniert er einige Bruchstücke der DDR, so wie man sie kollektiv in Erinnerung hat, mit der unbekannten Skater-Geschichte zu bisweilen wirklich schrägen und gerade deswegen glaubenswerten Geschichten. So zum Beispiel die kurze Blüte einer Allianz aus Skateboarden und Breakdance, die im Hinterland der DDR mit großstädtischer Coolness die Mädchenherzen höher schlagen ließ. Oder die Inanspruchnahme des Skatens durch das Sportministerium, das den Trendsport mit ostdeutschen Produkten zur Volksertüchtigung umzuwandeln versuchte. Auch aus Stasiakten wird vorgelesen, und schwarzweiße Überwachungsfotos unterstreichen den prekären Status der hedonistischen Subversiven.

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Dass es einige Längen gibt (ein komplettes Vorspielen der „Elke“ von den Ärzten hätte wirklich nicht sein brauchen), dass die ganze Szene unangenehm machomäßig auftritt und quasi rein männlich-heterosexuell funktioniert: geschenkt. Insgesamt ist This Ain’t California ein versiert zusammengebastelter Bericht vergangener Lebensgefühle, der auch die eher tristen Seiten von damals letztlich affirmiert als Hindernisse, die alle noch mehr zusammengeschweißt haben. Der Film zeichnet auf äußerst unterhaltsame Weise ein Möglichkeitsszenario der deutschen Vergangenheit, auch wenn seine Verschleierungstaktiken einen etwas faden Beigeschmack hinterlassen. 

Trailer zu „This Ain't California“


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