There Will Be Blood

Zwei Heilsbringer sind einer zu viel. P.T. Anderson lässt Don Camillo und Peppone aufeinandertreffen – doch diesmal versteht er keinen Spaß.

There will be Blood

„I’m an Oil-Man“, behauptet Daniel Plainview von sich. Was ihn von den profitsüchtigen Geschäftemachern der Industrie unterscheiden soll, die wie Touristen per Zug von Ort zu Ort reisen, um Verträge aufzusetzen. Plainview wird selbst Teil der Infrastruktur, die er unterstützt, überwacht die Bohrungen höchstpersönlich und kennt das Geschäft von der Pike auf. Im Gegensatz zu den Interessenvertretern der großen Ölfirmen weiß der selbstpostulierte Familienmann nicht nur, wie sich das Öl anfühlt, sondern auch, wie man sich selbst in der Bohrgrube noch vor dem Fördern fühlt. Um dieses Fühlen, und das entsprechende Nach-Fühlen des Zuschauers, geht es in den ersten Sequenzen von There Will Be Blood.

1898 stößt Plainview auf Silbererz – und verliert dabei beinahe ein Bein. Für den Rest seines Lebens wird er gezeichnet sein, an Zielstrebigkeit büßt er jedoch nicht ein. Kameramann Robert Elswitt, ein fester Bestandteil in Andersons Team, der zuletzt auch mit seiner Arbeit in Good Night and Good Luck (2005), Syriana (2005), American Dreamz (2006) und Michael Clayton (2007) für Furore sorgte, filmt die ersten Erfolge des zukünftigen Magnaten in Dunkelheit. Die Farben sind, genauso wie die Figur, geradezu geerdet. Staub, Trockenheit, gleißende Sonne: Dieses Frontier-Setting erzählt zunächst, wie der Western, von den Weiten des unbesiedelten Landes, von den Strapazen, die dieses Land den Menschen abfordert. Vor allem aber von dem Drang des Einzelnen zur Selbstverwirklichung – der kollektive amerikanische Traum, fußend auf dem individuellen Streben.

There will be Blood

Doch Regisseur Anderson lässt weder ästhetisch noch atmosphärisch eine wirkliche Verwandtschaft zum Western aufkommen. Sein Plainview kriecht aus dem Innern der Erde hervor wie aus einem Mutterschlund. Ihn definiert nicht, wie den Westerner, sein Verhältnis zur Oberfläche des Landes, ihn bestimmt seine körperliche Zugehörigkeit zum Darunter. Es ist zwangsläufig, dass dieser Mann aus den Tiefen des Erdinneren irgendwann kein Silber mehr, sondern Öl fördert.

Diese Entwicklung treibt Anderson mit der schlichten Einblendung einer Jahreszahl voran. Es ist 1904, und Plainview nicht mehr allein. An seiner Seite sind ein Unbekannter und dessen Sohn. Noch immer kommt There Will Be Blood beinahe vollständig ohne Dialoge aus. Die Tonspur verleiht dem Film eine Atmosphäre, die nicht mythisch, wie im Western, sondern mystisch wirkt. Neben Elswitts Arbeit lebt der erste Teil des Öl-Epos von seinem unverwechselbaren Sound. Ungewöhnliche Arrangements des Radiohead-Frontmanns Jonny Greenwood und Disharmonien Arvo Pärts lassen Assoziationen an Kubricks genialen Einsatz der Musik György Ligetis aufkommen. Und tatsächlich erinnert diese Verschränkung von Natur und Bedrohung als Plateau für die Obsession einer verlorenen Seele am ehesten an Shining (1980).

There will be Blood

Andersons Lesweise des literarischen Nebenwerks von Pulitzer-Preisträger Upton Sinclair, Oil! (1927), sieht eine Reduktion alles Politischen vor. Das Sensationelle an dieser Quasi-Biografie ist die Etablierung eines Misanthropen als Hauptfigur. Dessen Motivation mag zwar auch eine materielle Basis beinhalten, im Vordergrund steht jedoch immer der Wille, andere zu kontrollieren, zu überflügeln, auszustechen. Erfolg heißt hier Siegen, Siegen beinhaltet die Vernichtung des anderen, des Konkurrenten. Bei dieser Lebensphilosophie scheint die Materialisierung des Titels – There Will Be Blood – unausweichlich. Nicht nur die Bilder Elswitts und die Musik Greenwoods lassen dieses gewalttätige Ende von Beginn an erahnen, auch die Gesichtszüge des Hauptdarstellers weisen hinter einer gleich bleibenden Konzentration immer auf eine zwangsläufige eruptive Destruktion hin.

Mit Hilfe von Daniel Day-Lewis gelingt Anderson in der ersten Hälfte seines Filmes das Anti-Porträt eines Anti-Humanisten, ganz ohne Psychologisierungen, Erklärungsansätze, und vor allem ohne künstliche Dramatisierungen, ohne den Plot betont voranzutreiben. Der Brite muss als Plainview nichts aussprechen, denn der Film erzählt ausgiebig über seine dichte Atmosphäre. Doch plötzlich nimmt There Will Be Blood eine Wendung, und seine gesamte Textur verändert sich.

Der Junge vom Anfang hat seinen Vater bei einem Unfall verloren und dient Plainview seitdem als wandelnder Sympathiebonus. Der Adoptivvater gibt sich als leiblicher aus – und darüber hinaus noch als Witwer. Schließlich kommt es zur Katastrophe: Bei einer Gasexplosion verliert der kleine H.W. sein Gehör. Die Struktur der fatalen Unfälle verdichtet sich, aber das gemeinsame Schicksal bindet Ersatzvater und Sohn nicht näher aneinander. Ganz im Gegenteil. Plainview ist berauscht vom Durchbruch und schiebt seinen Sohn in ein Heim ab. Bald tritt ein Mann auf, dessen Verwandtschaft ebenfalls auf dem Prüfstand steht. Mit ihm am Lagerfeuer wird Plainview plötzlich nicht nur gesprächig, er gibt auch Einblicke in seine dunkle Seele, derer es nicht mehr bedurft hätte.

There will be Blood

Der aufstrebende Geschäftsmann vertraut niemandem, liebt niemanden und definiert sich über Konkurrenz. Jedem, den er dieser Kategorie zurechnet, droht er. Neben seinem Beicht-Bruder Henry Brands sind das noch H.M. Tilford, Vertreter eines Ölriesen, sowie der junge Prediger Eli Sunday. Paul Dano stattet diesen Scheinheiligen mit virtuoser Polemik aus und schafft es, einen veritablen Gegenpart zur Hauptfigur aufzubauen. Während Eli poltert, fast geifert, Ambition und Wahnsinn immer in seinem Blick mitschwingen, wirkt Plainview abwartend. Das Blatt wendet sich, als der Film einen letzten großen Zeitsprung wagt. Es ist 1927, die Wirtschaftskrise spürbar – zumindest für Eli, schlechterer Geschäftsmann denn Prediger. Anders Plainview, der nun endlich die Früchte seiner Arbeit erntet, in einem Refugium, das glänzt und protzt, den Erfolg sichtbar macht und ausstellt. Seine Rastlosigkeit ist geblieben, sein Hass eher gewachsen.

Im Finale seines Filmes drängt Anderson gleich zwei Konfrontationen aneinander, die eigentlich redundant sind und nur in ihrer ausgesprochenen Drastik als Zuspitzung zu verstehen sind. Seinen Titel hat There Will Be Blood zu diesem Zeitpunkt bereits eingelöst, die Karten liegen auf dem Tisch. Mit dem letzten Akt versieht Anderson ein Werk mit Ausrufezeichen, dem schon viel früher ein Punkt genügt hätte.

Trailer zu „There Will Be Blood“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


LN7

"Mit dem letzten Akt versieht Anderson ein Werk mit Ausrufezeichen, dem schon viel früher ein Punkt genügt hätte."

Nun, was unter anderem für mich bestätetigt, dass der Film doch etwas zu lang ist.


Martin Z.

Ein beeindruckend beunruhigender Film. Man kann gut nachvollziehen, dass das Ölgeschäft im doppelten Sinne ein sehr schmutziges ist. Auch die Gier nach Reichtum des Ölmannes (toll Daniel Day-Lewis) wird überzeugend dargestellt. Anders sieht es mit seinem Verhältnis zu seinem Sohn aus. Der wird vom Öl buchstäblich beschädigt und leidet unter dem dominanten Vater. Es ist dem schauspielerischen Talent von Daniel Day-Lewis zu danken, dass man lange Zeit nicht sicher ist, ob der Ölmann ein elegant beredter Schwätzer ist oder wirklich das glaubt, was er sagt. Sein Leben wird letztlich bestimmt von Geldgier und Mordlust. Der Titel bewahrheitet sich erst ganz am Schluss, nach einer Exkursion hinsichtlich der Moral. Hier gerät der Fundamentalismus zum Lippenbekenntnis. Zwischendrin gibt es immer wieder längere Dialoge, die Spannung und Interesse heruntertransformieren. Trotz kleinerer Einwände sehenswert.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.